Die Ware Mensch

ÖKONOMIE Das Professional Football Players Observatory untersucht den europäischen Fußballarbeitsmarkt. Dessen Mitbegründer Raffaele Poli sieht eine gesteigerte Mobilität der Spieler und wünscht sich mehr Regulierung.
Georg Spitaler | 08.05.2008
Die Medien sprechen viel vom Spielerhandel, aber in Wirklichkeit ist das Wissen über die Mechanismen des Fußballer-Arbeitsmarkts ziemlich begrenzt«, sagt Raffaele Poli. Um das zu ändern, hat der junge Schweizer Forscher gemeinsam mit seinem Kollegen Loïc Ravenel das Professional Football Players Observatory gegründet. Seine Basis hat das Institut an den Universitäten Neuchâtel (Schweiz) und Besançon (Frankreich). Seit 2006 analysieren sie die
Transferdaten der fünf wichtigsten europäischen Ligen und werden dabei inzwischen auch von der FIFA und der Zeitschrift France Football unterstützt.
»Begonnen habe ich mit der Fußballforschung, als ich in Westafrika unterwegs war«, erzählt Poli. »Beim Schreiben meiner Dissertation über Migrationsnetzwerke afrikanischer Spieler nach Europa bin ich draufgekommen, dass es kaum Statistiken über Spielermigration gibt. Deshalb habe ich mit Loïc beschlossen, das Players Observatory zu starten.«

 

Weniger Transfers, mehr Erfolg

 

Inzwischen gibt es einen jährlichen Bericht und eine mehrsprachige Website. Die dort veröffentlichten Vergleichsdaten enthalten spannende Ergebnisse. So verfügen die erfolgreichsten Klubs in den fünf europäischen Topligen über den höchsten Prozentsatz an Eigenbauspielern (»homegrown players«, 27,4 Prozent), aber auch an Legionären (48,3 Prozent). Gleichzeitig haben sie das geringste Durchschnittsalter und die niedrigste Mobilitätsrate der Spieler. Während etwa die beiden italienischen Tabellennachzügler Ascoli und Messina im Verlauf der Saison 2005/06 jeweils über 20 neue Spieler verpflichteten, waren es beim FC Barcelona gerade einmal fünf.
Warum dreht sich das Transferkarussell, obwohl der sportliche Erfolg eigentlich dagegen
spricht? »Die Kontinuität des Kaders ist ein Schlüssel zum Erfolg. Ich glaube, die meisten Klubfunktionäre wissen das auch«, meint Poli. »Aber nach Bosman wurde es für kleinere Vereine immer schwieriger, die besten Spieler zu behalten. Sie haben einfach nicht die finanziellen Mittel.« Einen zweiten Grund sieht Poli in der Spekulation rund um den
Profifußball: »Provisionen und Vertragsprämien vor allem für Auslandstransfers sind
eine Einnahmequelle für Funktionäre, Spielervermittler und die Spieler selber.«
Überraschend an den Daten ist auch der hohe Prozentsatz an Eigenbauspielern in den Kadern der Spitzenmannschaften. Das sind Spieler, die im Alter zwischen 15 und 21 zumindest drei Jahre bei ihrem derzeitigen Verein ausgebildet wurden. Die UEFA schreibt für internationale Klubbewerbe mittlerweile vor, dass drei solche Spieler am Spielbericht aufscheinen. Doch warum ist ihre Zahl bei den Spitzenklubs so hoch? »Einige große Vereine wie Arsenal, Liverpool oder Manchester United haben begonnen, sehr junge Spieler zu verpflichten. Das erklärt sich aber nur zum Teil durch die homegrown player-Regel«, sagt Poli. »Es zeigt sich eher, dass der globale Wettbewerb um junge Talente jetzt auch schon bei 15-Jährigen beginnt, in manchen Fällen sogar noch früher.« Der Forscher steht dieser Entwicklung kritisch gegenüber: »Die Fußballdachverbände sollten diesem Thema große Aufmerksamkeit schenken. Es ist wirklich nicht gut, Spieler in diesem jungen Alter aus ihrem Umfeld zu reißen. Für mich ist das ein weiteres Zeichen für den Spekulationscharakter des Transfermarkts.«
Die größten Veränderungen des Spielermarkts in den letzten zehn Jahren sieht Raffele Poli in der Internationalisierung und der steigenden Mobilität der Spieler. Der Prozentsatz ausländischer Kicker hat sich in den großen Ligen (und auch in Österreich) von etwa 20 auf 40 Prozent erhöht. Durchschnittlich wechseln die Profis alle 2,8 Jahre den Klub. Unter den Top Ten der international mobilsten Spieler in Europa ist auch der Österreicher Emanuel Pogatetz, der bisher in fünf verschiedenen Ländern sein Geld verdiente. An der Spitze: Luis Abel Xavier, Robert de Pinho und Marko Pantelic, die es bis 2006 auf sieben verschiedene Länder brachten. Die beiden erstgenannten Spieler haben ihr Klubkonto inzwischen schon wieder erhöht: Xavier wechselte heuer von Middlesbrough zu Los Angeles Galaxy, Pinho
von Betis Sevilla nach Saudi-Arabien und weiter nach Monterrey, Mexiko.


Vorbild Schweiz

 

Pantelic, heute bei Hertha BSC, spielte 1999/2000 auch für Sturm Graz. Der österreichische
Fußball sieht sich gerne als Verlierer im neuen flexiblen Spielergeschäft. Anders ist es in der Schweiz: Viele Eidgenossen spielen in den besten europäischen Ligen. Raffaele Poli weist auf das gute Nachwuchssystem hin. »Außerdem wird ein großer Teil der Einkünfte aus dem Nationalteam in die Jugend investiert. Zusätzlich gibt es Geld aus jedem nationalen Transfer und Prämien für den Einsatz von Spielern, die in der Schweiz ausgebildet wurden. Es ist logisch, dass Spieler wie Tranquillo Barnetta, Philippe Senderos oder Mladen Petric später ins Ausland gehen, wo sie mehr Geld verdienen können.«
Die Klubs der Super League haben aber auch immer wieder einen Riecher für gute Spieler
aus dem Ausland. »Auch in der Schweizer Liga liegt der Prozentsatz ausländischer Spieler bei ungefähr 40 Prozent. Die meisten von ihnen sind aus Lateinamerika oder Afrika. Da ist das Preis-Leistungs-Verhältnis der Spieler sehr gut«, meint Poli. »Die Schweizer Vereine sind ein gutes Sprungbrett für junge Spieler aus Übersee, weil das Niveau der Liga nicht zu hoch ist. Sie können hier erste Erfahrungen in Europa sammeln. Außerdem liegt die Schweiz einfach günstig. Durch die zentrale Lage ist es für Talentescouts aus den großen Ligen einfach, hierherzukommen und sich junge Spieler anzusehen.«
Als Fan ist Poli dennoch beunruhigt über die Ergebnisse seiner Untersuchungen. »Die Ökonomisierung des Fußballs bringt alle möglichen Probleme mit sich, nicht zuletzt Korruption. Im Fall junger afrikanischer Spieler führt sie dazu, dass Menschen wie Waren
behandelt werden. Unsere Daten zeigen jedenfalls, dass der Profifußball mehr und mehr
zu einem Geschäft wird, das reguliert werden muss. Zum Schutz der Spieler, für die Fans,
und auch dem Spiel zuliebe.«

Referenzen:

Heft: 32
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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