Dober dan, Down Under

AUSTRALIEN Europäische Zuwanderer haben den Fußball am Fünften Kontinent besonders stark geprägt. Eine Erklärung, warum Klubs dort »Croatia« heißen und wieso das Spiel lange als »Migrantensport« galt.


Mario Sonnberger | 13.05.2008
Wogball« so nennen den Fußball europäischer Prägung heute nur noch eingefleischte Australian-Football-Fans. Nicht zuletzt durch die Erfolge der Nationalmannschaft verschwindet der Begriff, der sich von einem Schimpfwort gegen dunkelhäutige Zuwanderer ableitet, langsam aus dem Sprachgebrauch. Doch im Gegensatz zum rauen Spiel mit dem eiförmigen Leder galt »Soccer« noch bis vor kurzem als unmännlich. Wer ein echter Australier sein wollte, hielt sich davon fern. Der Rest waren »Sheilas«, »Pooftas« also Mädchen und Schwule und eben »Wogs«. Lange Zeit waren es vor allem Migranten, die dem Sport ihren Stempel aufdrückten.

 

Britische Gründungsväter 


Tatsächlich spiegelt die Geschichte des australischen Fußballs die Einwanderungsmuster des Landes wider. Bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts brachten britische Immigranten den »Association Football« ins Land. 1880 wurde mit den »Parramatta Wanderers« der erste Verein gegründet, nur wenige Jahre später existierten bereits die ersten Verbände. Insbesondere die schottischstämmige Bevölkerung tat sich in der Klubgründung hervor: Unter den ersten registrierten Vereinen finden sich »Rangers« ebenso wie »Caledonians«. Noch bis zum Zweiten Weltkrieg sollte jedes neue Schiff eine weitere Ladung Fußballenthusiasten nach Australien bringen eine Entwicklung, der die Rugby und Australian Football liebende Mehrheit dennoch gelassen zusah.

Mit den politischen Umbrüchen in Europa und der Unabhängigkeit Australiens begann die britische Fußball-Vormachtstellung im Land aber schon Anfang des 20. Jahrhunderts zu schwinden. Die liberalen Einwanderungsgesetze Australiens zogen Migranten aus ganz Europa an. Der Fußball bekam eine neue, politische Dimension, als sich die ersten jüdischen Vereine etablierten, um in Europa begonnene Traditionen fortzusetzen. Die 1939 gegründete »Sydney Hakoah« sollte später viermal die nationale Meisterschaft gewinnen. Nach 1945 waren es vor allem Einwanderer aus Süd- und Osteuropa, die nach Australien kamen: Italiener, Griechen, Tschechen und nicht zuletzt Kroaten formten im ganzen Land neue Klubs, die meistens deutliche Referenzen an ihre Heimat in Namen und Wappen trugen »Hellas«, »Croatia« oder »Sydney Prague«. Dort kam mit Leo Baumgartner 1957 auch ein Österreicher unter. Im Gefolge des Austrianers, der 2001 in die australische »Football Hall of Fame« aufgenommen wurde, wagte noch eine Handvoll ÖFB-Spieler den Sprung auf den fünften Kontinent.

Die zunehmende Vernetzung der Vereine erleichterte den strukturellen Wandel. 1961 gründeten die dominierenden Klubs der unzähligen Regionalverbände die »Australian Soccer Federation« und somit den ersten nationalen Fußballbund. Doch auch die ethnischen Gruppen schlossen sich zu Dachverbänden zusammen.


Zwischen Identität und Nationalismus


Die Gründe dieser Entwicklung sind vielfältig. Zum einen waren die europäischen Migranten mit Fußball eher vertraut als mit Rugby oder Australian Football.  Zum anderen half der Sport bei der Bildung einer Gemeinschaft. Im Gegensatz zum Arbeitsplatz konnte man auf dem Feld auch ohne Englischkenntnisse seine Fähigkeiten unter Beweis stellen; im Idealfall wurden über den Verein Netzwerke geknüpft, Bekanntschaften gemacht und der Nachwuchs von der Straße fern gehalten. Insbesondere den Jüngeren wurde durch die Verbindung mit dem Heimatland die eigene Identität vermittelt. Tonci Prusac, Journalist beim »Croatian Herald« in Melbourne und Sprecher der »Croatian Soccer Federation of Australia« meint dazu: »Fußball ist mehr als ein Sport, er ist eine kulturelle Lebensart. Er bietet Australiern der zweiten oder dritten Generation die Möglichkeit, mit ihrem ethnischen Erbe in Verbindung zu bleiben.«

Unter den verschiedenen Volksgruppen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Fußball organisierten, spielte das Ausleben nationaler Identitäten gerade für australische Kroaten eine große Rolle. »Einen Klub namens Croatia zu haben, war einer der besten Wege, um auf die Misere der Kroaten unter kommunistischer Unterdrückung aufmerksam zu machen«, so Prusac. Und auch Branko ulina, Vater von Eindhoven-Spieler Jason, meint: »Es gab einen Unterschied zu Spielern aus Ländern wie Italien oder Griechenland. Sie hatten noch ein Land. Für uns war unser Land Kroatien nur im Fußball und in der Kirche existent.« Nebeneffekt dieser affektiven Zuwendung zum Sport war, dass so mancher Verein zu einer Plattform von überschäumendem Nationalismus wurde. Diese Politisierung hatte zur Folge, dass sich ethnische Konflikte und Spannungen in Europa auf australische Fußballplätze übertrugen. 

Zwar fanden sich nationalistische Tendenzen in den 60er und 70er-Jahren im Wesentlichen in allen Bevölkerungsgruppen. Die komplexe Situation am Balkan brachte es jedoch mit sich, dass sie sich bei serbischen und kroatischen Vereinen am drastischsten äußerten. Viele, die zu den Spielen gingen, waren vor Titos kommunistischem Regime aus Jugoslawien geflohen. Dort trafen sie auf Landsleute, die Europa schon vor dem Krieg den Rücken gekehrt und sich aus der Ferne Sympathien für den Kommunismus bewahrt hatten. Diese konnten weder mit kroatischem Nationalismus noch serbischem Monarchiestreben etwas anfangen. Vor allem in den Metropolen Sydney und Melbourne kam es zu Problemen.  Nicht selten folgten auf verbale Beschimpfungen im Stadion gröbere Zusammenstöße. Eine Reihe von schweren Ausschreitungen führte zu erheblichem Zuschauerschwund und bescherte dem »Soccer« in der breiteren Öffentlichkeit ein gewalttätiges Image. Erst in den 90er-Jahren ebbte die Gewalt in den Stadien ab.

Der Fußball behielt aber seine ideologische Funktion. Bei einem Freundschaftsspiel in Australien ersetzte Hajduk Split 1990 erstmals den roten Stern im Wappen durch das kroatische Schachbrettmuster. Parallel dazu leisteten australische Netzwerke dem nationalistischen Tudjman-Regime in Kroatien finanziell enorme Rückendeckung.

 

Erfolg und Integration


Die relativ starke Bindung vor allem kroatischer Australier zu ihren Vereinen hatte aber auch positive Effekte. Obwohl sie mit knapp über 100.000 Personen nur ein Zwanzigstel der Bevölkerung stellen, ist ihr Einfluss auf den Fußball der letzten Jahrzehnte unübersehbar. Als Kroatien und Australien anlässlich der WM 2006 die Klingen kreuzten, waren nicht weniger als neun australische Kroaten in den Kadern beider Teams. Schon der erste WM-Auftritt der »Socceroos« in Deutschland war nicht ohne europäische Beteiligung über die Bühne gegangen: Bei Australiens Weltmeisterschafts-Debüt 1974 saß mit Ralé Rai ein gebürtiger Serbe auf der Trainerbank, im Kader standen gebürtige Briten, Ungarn, Deutsche und Kroaten. 

Die Erfolge der Nationalmannschaft verdeutlichen auch den integrativen Effekt des Fußballs. »Sport ist eine Möglichkeit, die Wertschätzung anderer Kulturen und ethnischer Gruppen zu kultivieren«, sagt Tonci Prusac, und die ansteigende Popularität des »Wogballs« gibt ihm Recht. Dennoch verschwanden in den letzten Jahren immer mehr Verweise auf die migrantische Fußballkultur in Australien. In der 2004 etablierten A-League, einem Hybrid aus acht Profiteams, spielen großteils neu gegründete Vereine. Schon in den 1990er-Jahren verbannte der nationale Verband ethnische Bezeichnungen aus den Klubnamen. Die »Australifizierung« des europäischen Spiels soll so nach außen transportiert werden. Übersehen wird dabei, dass erst die multikulturellen Einflüsse dem Fußball australische Gesichtszüge verliehen haben.              

Referenzen:

Heft: 27
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