Dr. Pennwiesers Notfallambulanz

Urlaubssperre herrscht für das Personal der Wiener Krankenhäuser während der Fußball-europameisterschaft 2008. Panikmache oder weise Voraussicht der Verantwortlichen? Die österreichische Bundeshauptstadt rüstet sich jedenfalls für den Einsatz gegen das EM-Fieber.
Wolfgang Pennwieser | 13.05.2008
Die Rede vom EM-Fieber wurde inzwischen zum geflügelten Wort. Wenn von der Freude auf die oder an der Europameisterschaft gesprochen wird, kommt gerne die Metapher vom hitzigen Körperzustand ins Spiel. Mit Nachdruck soll durch die Verbindung des Großereignisses EM mit dem Krankheitszeichen Fieber der Stärke der Gefühle, der Leidenschaft und der emotionalen Glut Ausdruck verliehen werden. Kaum ein Tag, an dem die Boulevardzeitungen nicht darüber berichten, wie und wo das EM-Fieber grassiert. Kaum ein Prominenter und Politiker, der nicht vorgibt daran zu leiden. Dem einfachen Fan will er damit vermitteln: Es brennt genauso in mir.

Der Seedorf,
Herz und Hirn der richtigen Fans sind bei Fußballgroßereignissen aber tatsächlich empfindlich. So kamen am 22. Juni 1996 in den Niederlanden mehr Männer aufgrund eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls ums Leben als am gleichen Tag des Vorjahres bzw. des folgenden Jahres. An diesem Junitag bestritt die Nationalmannschaft der Niederlande das EM-Viertelfinale gegen Frank­reich. Mit 5:4 sollten die Franzosen das Elfmeterschießen gewinnen, doch so mancher Niederländer erlebte den letzten Penalty vom Blanc Laurent nicht mehr. Der zuvor verschossene Elfmeter des Seedorf Clarence war für einige niederländische Fußballherzen nicht zu verkraften der Strafstoß als Dolchstoß und der Seedorf als Henker. Interessanterweise konnte in der Untersuchung lediglich eine zunehmende Belastung der männlichen Bevölkerung nachgewiesen werden. Frauen wurden hingegen vom Herzkasperl nicht vermehrt heimgesucht. Die niederländischen Anhängerinnen sind offenbar den kardiovaskulären Strapazen eines Elfmeterschießens besser gewachsen.

...der Beckham und
der Herzkasperl

Auch dem Engländer wird von seiner Nationalmannschaft immer wieder das Herz gebrochen. Durch das Ausscheiden der englischen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 1998 kam es auf der Insel zu einem fulminanten Anstieg von kardialen Ereignissen. Das verlorene Elfmeterschießen gegen Argentinien zwang die englischen Supporter reihenweise in die Knie. Unglaubliche 25 Prozent mehr Herzinfarkte waren am Spieltag und den zwei darauf folgenden Tagen zu registrieren. Nach der roten Karte vom Beckham David und dem vergebenen Elfmeter von Batty David wundert das nicht. Zum Glück ist sich der Fußballer aber der Verantwortung nicht bewusst, die er für Leib und Leben seiner Landsleute trägt. Wie sonst hätte Panenka Antonin 1976, in der Nacht von Belgrad, den Strafstoß gegen Deutschland als herzzerreißendes Schupferl zelebrieren können.
Am Fieber rund um eine Fußballveranstaltung ist also durchaus etwas dran. Und die fußballerische Aufregung geht an den Menschen nicht spurlos vorüber. Wie Studien zeigen, sind die Probleme der erhöhten Aufgeregtheit aber nicht auf das Veranstalterland alleine beschränkt. Das Fußballfieber breitet sich über den Kontinent und die Erdteile quasi pandemisch aus und bereitet den Zusehern Tausende Kilometer vom Spielfeld entfernt Beschwerden. In England beispielsweise ist die Zahl der Rettungsfahrten während der WM in Deutschland explodiert. Überwiegender Einsatzgrund: Alkohol. Zumindest bei dieser Europameisterschaft braucht man sich um den Engländer keine allzu großen Sorgen zu machen. Dann schon eher um das Krankenhauspersonal. Natürlich ist es vom Gastgeberland gescheit, die medizinischen Aufgaben ernst zu nehmen, und gewiss werden insgesamt mehr Patienten die Notfallambulanzen aufsuchen. Doch muss man deshalb die Angestellten gleich für Wochen im Spital einkasernieren? Es gibt schließlich auch Ärzte, die ganz gerne Fußball schauen.

Diese und andere Notfallambulanzen finden sich auch in Dr. Pennwiesers neuer Enzyklopädie »Platzwunde«, erschienen im Czernin Verlag.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Rubriken
ballesterer # 82

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