Ein englischer Sommer

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Volle Stadien, eine Gesellschaft im Umbruch und der WM-Titel – mit dem Turnier inmitten der „Swinging Sixties“ sollte für England eine neue Ära beginnen. Doch das Goldene Zeitalter währte nur kurz, der Sieg von Wembley wurde zur sportlichen Bürde. 

Nur wenige Engländer treffen die Königin ihres Landes, manche jedoch begegnen ihr sogar mehrmals. Alan Ball, George Cohen, Roger Hunt, Nobby Stiles und Ray Wilson mussten fast 34 Jahre warten, um Elizabeth II wiederzusehen. Doch im März 2000 erhielten sie im Buckingham Palace die Auszeichnung des „Order of the British Empire“ – für ihre Verdienste um den Fußball. Sie gehörten zu jener Mannschaft, die am 30. Juli 1966 die Bundesrepublik Deutschland 4:2 geschlagen und so den einzigen WM-Titel für England gewonnen hat. Die übrigen Mitspieler wie Gordon Banks, Bobby Charlton und Geoff Hurst hatten ihre Ehrungen schon Jahrzehnte zuvor erhalten, die fünf waren jedoch im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. Die Königin immerhin soll bei der Ehrung gesagt haben, sie erinnere sich noch sehr gut an die WM.

Empire im Wandel
Mehr als 87.000 Zuschauer füllen das Wembley-Stadion, als das Turnier am 11. Juli beginnt. Schulkinder präsentieren Banner mit den Namen der 16 teilnehmenden Verbände, auf dem Dach flattern die Fahnen der Länder, und von einem Podest auf dem Rasen erklärt Elizabeth II die achte Weltmeisterschaft für eröffnet. Alle bisherigen Titelträger sind dabei: vom ersten Weltmeister Uruguay, der das erste Spiel gegen England bestreit, über die Italiener, denen ein Desaster bevorsteht, bis zu West-Deutschland mit dem jungen Franz Beckenbauer und Brasilien mit Pele. Der Titelverteidiger gilt bei den Buchermachern als Favorit, es wäre der dritte Sieg in Folge. Für die Sowjetunion bestreitet Tormann Lew Jaschin seine dritte WM. Und dann sind da noch die Debütanten wie Portugal mit Eusebio, Fußballer des Jahres 1965, und Nordkorea, das zuvor kaum jemand hat spielen gesehen hat. Sie alle sind dorthin gekommen, wo das Spiel über 100 Jahre zuvor erfunden worden ist.

England befindet sich im Umbruch. Nach 13 Jahren hat die sozialdemokratische Labour-Partei 1964 wieder die Regierung übernommen. Die lange Nachkriegszeit mit staatlichen Rationierungen ist endgültig vorbei, der Lebensstandard spürbar gestiegen. Reihenhaus, Kleinwagen und Fernseher sind die Statussymbole einer Gesellschaft im Wandel. Der Spiegel schreibt im April 1966, die Werte der konservativen Tories, nämlich Adel, Kirche, Empire, Flotte, kurz: Traditionen, stünden nicht mehr hoch im Kurs. „New Britain“ lautet das Schlagwort von Premierminister Harold Wilsons Amtszeit. Das neue Großbritannien soll durch eine soziale, wirtschaftliche und technische Modernisierung entstehen – geschmiedet in der white heat of this revolution, der Gluthitze dieser Revolution, wie Wilson in seiner wohl berühmtesten Rede sagt. Revolution und Moderne passen zum London der „Swinging Sixties“, dem Epizentrum von Mode, Musik und Stil. Die Klassenschranken der Gesellschaft sind durchlässiger geworden. Ein Universitätsstudium steht nicht mehr nur jenen offen, die die richtigen Vorfahren oder das nötige Geld haben. Der Minirock ist das Kleidungsstück der Jugend, die Beatles liefern die Musik und Model Twiggy die Silhouette.

Mann mit Plan
Bevor der Ball rollt, treffen die englischen Spieler die Königin. Auf dem Rasen von Wembley stellt Kapitän Bobby Moore seine Kollegen vor, sie reicht ihnen die Hand – in weißen Handschuhen. Zum ersten und letzten Mal bei diesem Turnier trägt Teamchef Alf Ramsey keinen Trainingsanzug, sondern Anzug und Krawatte. Er ist seit Mai 1963 im Amt, als Nachfolger von Walter Winterbottom, der bei der WM 1962 im Viertelfinale gescheitert war. Anders als Kollegen bei großen Klubs wie Matt Busby bei Manchester United und Bill Shankly bei Liverpool versprüht Ramsey wenig Charisma, seine Auftritte wirken steif, und die englische Presse wird ihn nie in ihr Herz schließen. „Selbst nach Englands Sieg bei der Weltmeisterschaft wurde ihm nur widerwillig Respekt gezollt“, schreibt Jonathan Wilson in seiner „Geschichte der Fußballtaktik“. Doch Ramsey kommt mit der Empfehlung, innerhalb von acht Jahren Ipswich Town vom Drittligisten zum Meister gemacht zu haben. Er überzeugt den Verband, ihm die alleinige Verantwortung für die Kadernominierung zu übertragen, die zuvor ein Verbandskomitee übernommen hatte. Ramsey will seinen Plan ohne Einmischung umsetzen. Zu Beginn seiner Amtszeit verkündet er: „England wird 1966 Weltmeister.“

Das ist beim Eröffnungsspiel nicht abzusehen. Das Match der Engländer gegen Uruguay ist ein spielerisches Armutszeugnis und die erste torlose Begegnung in Wembley seit dem Zweiten Weltkrieg. Das heimische Publikum präsentiert ein rhythmisches Klatschen, das man sich bei den brasilianischen Fans der WM in Chile abgeschaut hat, gefolgt von einem lauten „England“. Ramsey setzt auf eine Dreierspitze mit John Connelly neben Roger Hunt und Jimmy Greaves, dem erfolgreichsten Liga-Torschützen der letzten Jahre. Doch Uruguay mauert, 15 Schüsse und 16 Corner reichen nicht für einen Torerfolg. Der Evening Standard schreibt: „Ein Sieg für Uruguay, ein Unentschieden für England und zugleich eine Niederlage für den Fußballsport.“ Ramsey erkennt, dass er Druck von der Mannschaft nehmen muss. Statt Zeitung zu lesen, besucht das Team am nächsten Tag die Pinewood-Studios, wo gerade der James-Bond-Streifen „Man lebt nur zweimal“ gedreht wird. Hauptdarsteller Sean Connery, ein Schotte, verspricht, eine große Party zu geben, sollte England Weltmeister werden. „Das hat er – zum großen Ärger meiner Frau – nie eingehalten“, erzählte Jahre später der ausgemusterte Verteidiger Jimmy Armfield.

Fliegen ohne Flügel
Es ist ein seltener Ausflug in die Welt der Populärkultur. Beatles-Songs ertönen auch auf dem Kop, der Fantribüne des FC Liverpool, englische Spieler haben 1961 die Abschaffung der Gehaltsbegrenzung auf 20 Pfund pro Woche erkämpft und tauchen mitunter als Werbeträger auf, doch sonst scheint der Fußball recht unberührt von den kulturellen und sozialen Veränderungen um ihn herum. Ramseys Team ist nicht modern: Der kleine Nobby Stiles von Manchester United, der vor jedem Spiel seine falschen Zähne herausnimmt, sein Teamkollege Bobby Charlton, der schon die Haare über seine beginnende Glatze kämmt, und selbst der so smart wirkende Kapitän Moore von West Ham United – sie alle sind keine Popstars, und sie sollten es nie werden. „Die aufkommende Stimmung dieser Zeit geht an Ramsey und seinen Männern nicht vorbei, aber sie repräsentieren sie nicht“, schreibt David Hill in seinem Buch über das Turnier 1966. „Sie gehören zum alten England der Stechuhren, Klassenschranken und Churchillscher Überzeugungen.“

Modern ist allerdings das Spielsystem, das Ramsey zu seinem erkoren hat. Der Mann, der Weltmeister werden will, hat mit einem Grundsatz des englischen Fußballs gebrochen: dem Flügelspiel. In seiner Formation der „Wingless Wonders“, die erstmals im Dezember 1965 beim 2:0 gegen Spanien zum Einsatz kommt, zieht Ramsey die Flügelspieler des 4-2-4-Systems in die Defensive zurück. Das siegreiche WM-Team wird so aussehen: Gordon Banks im Tor. Vor der Abwehrreihe mit George Cohen, Jack Charlton, Bobby Moore, Ray Wilson spielt der defensivstarke Norbert Stiles. Im Mittelfeld sollen Martin Peters, Bobby Charlton und Alan Ball nach vorne stoßen und die beiden Spitzen Geoff Hurst und Roger Hunt unterstützen. Doch erst im Viertelfinale wird Ramsey sein flügelloses System tatsächlich auf den Platz bringen, in den Gruppenspielen experimentiert er zunächst weiter. Der Druck wächst, die Botschaft ist klar. „Wir wollen Tore sehen“, ruft die Menge in Wembley, als es beim Spiel gegen Mexiko nach 30 Minuten noch immer 0:0 steht. Die Erlösung kommt nach einem Solo von Bobby Charlton. Hunt, Torschütze zum 2:0-Endstand, sagt nach dem Schlusspfiff: „Die Mannschaften sind nicht angetreten, um England zu schlagen, sondern um uns am Toreschießen zu hindern.“

Verlierer und Gewinner
Die Sensationen der Vorrunde geschehen woanders: Italien muss nach einem 0:1 gegen Nordkorea die Koffer packen, Weltmeister Brasilien verliert gegen Ungarn und Portugal. England hingegen schlägt Frankreich im letzten Gruppenspiel 2:0 und scheint im Turnier angekommen zu sein. Hinter diesen guten Nachrichten kann Premier Wilson seine schlechten verstecken: Denn in der Aufbruchsstimmung des Sommers 1966 hat die Krise längst begonnen. Die Produktivität der Industrie ist nicht wie erhofft gestiegen, das britische Pfund befindet sich im Sinkflug. Um die Währung zu stabilisieren, verkündet Wilson am Tag des Frankreich-Spiels neben Steuererhöhungen auf Alkohol und Benzin weitere Sparmaßnahmen wie das Einfrieren der Löhne und das Kürzen von Sozialleistungen.

Für die Weltmeisterschaft hatte das Kabinett Wilson eine halbe Million Pfund bereitgestellt, die vorwiegend in die Sanierung der Stadien ggegangen ist. Eine willkommene Unterstützung, denn Sponsoren und Werbepartner hat das Organisationskomitee vergeblich gesucht, lediglich das Royal Garden Hotel stellt eine Suite für den Empfang der Weltmeister zur Verfügung. Zwar sind zum ersten Mal bei einer WM Werbebanden in den Stadien zu sehen – etwa für Gordon’s Gin, Bosch und Sinalco –, doch das Ausmaß ist bescheiden. In kommerzieller Hinsicht verbreitet das Turnier noch viel Unschuld. Fußball, Popkultur und Kommerz – der Dreiklang des modernen Spiels wird in England nur leicht angeschlagen.

Es zeichnet sich zwar ab, dass die WM ein Geschäft sein kann, wie genau es zu betreiben ist, bleibt jedoch unklar. Einen Hinweis liefert das erste Turniermaskottchen „Willie“, das auf dem offiziellen Plakat und zahlreichen Souvenirs zu sehen ist. Der Löwe im Union-Jack-Dress hat sogar seinen eigenen Song. Der schafft es zwar nicht in die Charts, dennoch ist „Willie“ ein Erfolg. Die Einnahmen teilen sich das englische Organisationskomitee und die Vermarktungsfirma. Die FIFA ist nicht beteiligt, und Generalsekretär Helmut Käser kritisiert die marktschreierische Verbreitung von WM-Insignien. Vier Jahre später soll das Maskottchen „Juanito“ das Trademark-Zeichen des Weltverbands tragen und ihm Einkünfte bescheren – auch die FIFA hat in Sachen Kommerzialisierung 1966 noch einiges zu lernen.

England mit Stiles
Am Platz hat das Frankreich-Spiel Alf Ramsey einen verletzten Jimmy Greaves beschert und damit die Gelegenheit, Geoff Hurst für den beliebten, aber bisher torlosen Stürmer aufzustellen. Stiles hingegen hat selbst für eine schwere Verletzung gesorgt, sein Foul an Jacques Simon ist ungeahndet geblieben, doch die FIFA hat Stiles ermahnt, und der englische Verband stellt seinen Einsatz gegen Argentinien infrage. Als Ramsey mit Rücktritt droht, bleibt Stiles im Team.

Fouls sind das dominierende Thema beim Viertelfinale, die Argentinier haben sich in ihren Gruppenspielen gegen Deutschland und die Schweiz bereits einen Platzverweis und den Unmut der Zuschauer zugezogen. „Wenn der Schiedsrichter gut ist, kann England uns nicht schlagen“, sagt Verteidiger Silvio Marzolini. Nach dem Platzverweis gegen Kapitän Antonio Rattin wegen Lamentierens nach 35 Minuten und der 0:1-Niederlage sind sich argentinische Medien, Spieler und Offizielle sicher, Opfer einer Schiebung geworden zu sein. Jonathan Wilson analysiert das Spiel in „The Anatomy of England“ ausführlich und weist darauf hin, dass England mehr Fouls begangen habe als Argentinien, der Schiedsrichter kleinlich gepfiffen und die FIFA insgesamt arrogant agiert habe. Dennoch sei das Spiel gegen das technisch vielleicht beste Team des Turniers Ramseys emotionaler und taktischer Sieg gewesen. Er hat seine Mannschaft gefunden und ihr eingeprägt, die Geduld zu bewahren. Das Tor fällt erst zehn Minuten vor Schluss und ist eine West-Ham-Kombination: eine Flanke von Peters und ein Kopfball von Hurst. Wenig Sportsgeist zeigt Ramsey nach dem Spiel, als er George Cohen vom Trikottausch mit Stürmer Alberto Gonzalez abhält und die Argentinier im Interview als Tiere beschimpft.

Das Halbfinale gegen Portugal findet wie alle bisherigen England-Partien in Wembley statt, während die Sowjetunion am Tag zuvor im Liverpooler Goodison Park gegen Deutschland antritt. Als Ausrichter hat England das Recht, kurzfristig über die Zuweisung der Stadien zu entscheiden. Die beste Defensive trifft auf den besten Torschützen: England ist bisher ohne Gegentor, und Eusebio hat das Viertelfinale gegen Nordkorea nach einem 0:3-Rückstand im Alleingang entschieden. Doch England hat Stiles – bereits mit Manchester United hat er den Portugiesen im Meistercupviertelfinale gegen Benfica weitgehend aus dem Spiel genommen, nun gelingt es ihm wieder. Das Mittelfeld hat mehr Räume als zuvor, Bobby Charlton erzielt die beiden Tore für England, der Elfmeter von Eusebio wenige Minuten vor Schluss kommt zu spät. England steht im Finale.

Eine große Sache
Weltweit sollen 400 Millionen Menschen das Endspiel im Fernsehen verfolgt haben. „Die WM war ein Schlüsselmoment für die Globalisierung des Fußballs“, schreibt der Sozialwissenschaftler Fabio Chisari. „Aus Sicht der Organisatoren konnte das Turnier ohne gute Fernsehübertragung nicht wirklich erfolgreich sein.“ Die FIFA hatte die Fernsehrechte für die Turniere 1962 und 1966 im Paket an die europäische Rundfunkunion verkauft – um 75.000 und 800.000 Dollar. Schon im Vorfeld sind die Bedürfnisse der Medien im Fokus gestanden wie noch nie, die Ausstattung mit großen, komfortablen Pressetribünen ist eine der Voraussetzungen für die Wahl der Stadien. 1.600 TV-, Radio- und Zeitungsreporter aus 55 Ländern sind während des Turniers in England unterwegs, ihnen werden Schreibmaschinen, Telefon- und Telexleitungen, Bildschirme und die neueste Satellitentechnik zur Verfügung gestellt. Michael Kuhn – als Korrespondent der Krone vor Ort – erinnert sich im ballesterer-Gespräch: „Der Sport im ORF war damals noch ein Unterläufer des aktuellen Dienstes. Der ORF ist an mich herangetreten und hat gefragt: ‚Kannst du das für uns mitargumentieren?‘ Ich bin vor Freude auf den Plafond gesprungen, im Fernsehen zu sein war ja eine große Sache.“

1965 besaßen in England 75 Prozent der Haushalte einen Fernseher, 1964 flimmerte erstmals „Match of the Day“ mit Kommentator Kenneth Wolstenholme über die Bildschirme und lieferte Spielzusammenfassungen. Doch den Liveübertragungen von Fußballspielen gibt erst die WM den großen Schub. In England teilen sich die Sender BBC und ITV die Spiele auf, sie zeigen darüber hinaus Zusammenfassungen am späteren Abend sowie Expertenrunden, in denen der frühere Nationalteamspieler Jimmy Hill, Ramsey-Vorgänger Walter Winterbottom und Liverpool-Trainer Shankly ihr Fachwissen mit den Zuschauern teilen. Auch technisch kann das junge Medium mit Neuerungen aufwarten und zeigt entscheidende Szenen direkt in der Wiederholung. „Diese Rückblicke der geschossenen Tore haben mir den Atem geraubt“, schreibt ein Zuseher an die Fernsehzeitschrift Radio Times. Das Farbfernsehen jedoch wird erst ein Jahr später in BBC-Programmen eingeführt, die WM-Übertragungen bleiben schwarz-weiß. Wolstenholme sagte im Rückblick: „Wir waren sehr verärgert. Denn das bedeutete, dass Mexiko 1970 beim Farbfernsehen Erster sein würde.“ Doch auch ohne Farbe zeichnet sich 1966 ab, dass dem Fernsehfußball goldene Zeiten bevorstehen.

Platzsturm im WM-Finale
96.924, so die offizielle Zählung, sind an diesem Samstagnachmittag ins Wembley-Stadion gekommen. Die große Mehrheit hält zu England, doch auch ein deutscher Fanblock mit schwarz-rot-goldenen Fahnen ist auszumachen. Die Heimfans schwenken Union Jacks, aber auch die rot-weißen St.-Georgs-Fahnen. Selbstgemalte Doppelhalter, mit Rosetten geschmückte Hüte und Rasseln sind weitere Fanutensilien. Der wieder genesene Greaves nimmt im Anzug hinter der englischen Trainerbank Platz, sein Ersatzmann Geoff Hurst ist auserkoren, in die Fußballgeschichte einzugehen. Der Gegner hat bisher nur zwei Tore zugelassen und mit 13 deutlich mehr geschossen, doch die Engländer wissen eine Statistik auf ihrer Seite: Gegen Deutschland haben sie noch nie verloren. Die wichtigste taktische Frage für Ramsey und sein Gegenüber Helmut Schön ist die nach dem zentralen Aufbauspieler des Gegners, und die Antwort lautet, sie aufeinander anzusetzen: Bobby Charlton gegen Franz Beckenbauer. Keiner der beiden wird ein Tor machen, aber Beckenbauer wird später sagen: „Er war ein kleines bisschen besser als ich.“

Es entwickelt sich ein gutes, ein tempo- und schließlich auch torreiches Spiel. Das 1:0 für Deutschland in der zwölften Minute fällt nach einem Abwehrfehler von Wilson, der Helmut Haller den Ball auflegt. Nur sechs Minuten später der Ausgleich: ein schnell abgespielter Freistoß von Moore und ein Kopfball des unbedrängten Hurst. Beide Teams erarbeiten sich weitere Chancen, die Zuschauer singen „When the Reds Go Marching In“ – England spielt heute nicht in Weiß. In der zweiten Halbzeit machen sich die Anstrengungen des Turniers und des tiefen Bodens bemerkbar, das Spiel wird langsamer. In der 78. Minute wehrt Horst-Dieter Höttges im Strafraum einen Schuss von Hurst ab, Peters läuft in den Ball und trifft. Die Engländer wähnen sich schon als Weltmeister, als in der letzten Minute nach einem Freistoß der Ausgleich durch Wolfgang Weber fällt. Verlängerung – die Sonne scheint auf Wembley, und es kommt die 101. Minute. Ball von links auf Hurst, der trifft die Latte, der Ball prallt hinter Tormann Hans Tilkowski auf den Boden, auf die Linie, ins Tor – oder eben nicht. Weber köpfelt den Ball ins Out, die Engländer jubeln, die Deutschen wedeln abwehrend mit den Händen. Schiedsrichter Gottfried Dienst läuft an die Seitenlinie und konsultiert seinen Kollegen Tofik Bachramow, der nickt, gestikuliert und weist schließlich zum Mittelkreis. Dienst entscheidet auf Tor. In der 120. Minute laufen erste Zuschauer auf den Platz. „Sie glauben, es ist schon vorbei“, kommentiert Kenneth Wolstenholme für die BBC. „Und das ist es jetzt auch“, fügt er hinzu, als Hurst zum 4:2 trifft.

Jimmy Greaves ist einer der ersten, die den Weltmeistern gratulieren. Später folgen FIFA-Präsident Stanley Rous, die Königin und das ganze Stadion, das dem Team auf seiner Ehrenrunde umringt von Fotografen und Reportern applaudiert. Alf Ramsey im blauen Trainingsanzug lächelt, Stiles hüpft über den Rasen, Bobby Charlton weint, die Zuschauer singen. Dann heben Hurst und Wilson den Kapitän auf ihre Schultern, und Bobby Moore reckt die Trophäe in die Höhe.

Ende eines Sommers
„Golden Boys“ titelt der Sunday Mirror am Tag nach dem Finale, die Weltbank solle wissen, dass die britischen Goldreserven jetzt wieder gestärkt seien. Etwas ernsthafter drückt der englische Verband in einem Rundbrief die Hoffnung aus, die Exportindustrie werde in diesen schwierigen Zeiten vom WM-Titel profitieren. Doch im November 1967 folgt die Abwertung des britischen Pfunds, ein schwerer Schlag für Wilsons Regierung. Auch kulturell haben die „Swinging Sixties“ 1966 ihren Zenit überschritten, die Beatles geben im August ihr letztes Live-Konzert. In seiner Kulturgeschichte „White Heat“ schreibt Journalist Dominic Sandbrook: „Englands Sieg im WM-Finale fühlte sich weniger wie der Beginn einer neuen Ära an, sondern eher wie der letzte Tag eines langen, faulen Sommers, der von den ersten Herbststürmen davongefegt wird.“ Es folgt die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre und dann die Ära der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher, die die gesellschaftlichen Gräben vertieft. Das Versprechen eines Aufbruchs, das die 1960er Jahre in sich trugen, bleibt nicht nur kulturell und politisch unerfüllt. Auch sportlich hat Englands Fußball im Sommer 1966 seinen Höhepunkt erreicht.

„Als ich angefangen habe, mich so um 1969 für Fußball zu interessieren, war England Weltmeister. Das schien ganz normal“, sagt Andy Lyons, Chefredakteur des Fußballmagazins When Saturday Comes. „Es war, als würde es jetzt immer so weitergehen.“ Doch das tat es nicht. Zur WM 1970 reist England als Mitfavorit. Ramsey selbst sagte später, dass seine Mannschaft in Mexiko besser war als jene vier Jahre zuvor. Ein 2:3 nach Verlängerung im Viertelfinale gegen West-Deutschland ist jedoch der vorläufige Abschied von der großen Bühne. Als die Qualifikation für das Turnier 1974 misslingt, wird Ramsey entlassen. Er hat es verabsäumt, sein Spielsystem weiterzuentwickeln. Während andere Teams sich auf die flügellosen Weltmeister eingestellt haben und mit dem niederländischen total voetbal Innovationen kreiert werden, ist England stehen geblieben – der Weltmeistertrainer und seine Spieler geraten in Vergessenheit. „Die WM 1966 ist erst wieder zu einer großen Sache geworden, als klar geworden ist, dass England vielleicht nie wieder etwas gewinnen würde“, sagt Lyons. „Bis das eingesickert ist, hat es ziemlich lange gedauert.“

Fünfzig Jahre Schmerz
Die englischen Weltmeister sind Helden, aber Helden des Fußballs ihrer Zeit und damit in vergleichsweise bescheidenem Rahmen. Reich werden sie durch den Titel nicht. Als Prämie gibt es 22.000 Pfund, die zu gleichen Teilen auf den ganzen Kader aufgeteilt werden. „Für das BBC-Interview nach dem Finale haben wir mehr Geld bekommen“, erinnerte sich Leslie Ball, Ehefrau von Alan. Nach der aktiven Karriere versuchen sich einige wie Ball und Jack Charlton im Fußballgeschäft, andere gehen ganz gewöhnlichen Berufen nach – oder ungewöhnlicheren wie Ray Wilson, der das Bestattungsunternehmen der Familie führt. Teamchef Ramsey, Kapitän Moore und Bobby Charlton erhalten noch in den 1960er Jahren britische Ehrentitel, Ramsey 1967 sogar den Ritterschlag, in den 1970ern folgen einzelne weitere Orden, doch die letzten Spieler des Finalteams werden erst im Jahr 2000 nach einer Medienkampagne geehrt.

Bei der Wiederentdeckung der Weltmeister hilft das Turnier, das 30 Jahre nach ihrem Titelgewinn in England stattfindet. Der Fußball hat ab Mitte der 1990er Jahre mit Premier League und Pay-TV ein neues Gesicht erhalten. Was sich 1966 angedeutet hat, ist bei der Europameisterschaft 1996 Realität: Fußball ist ein Geschäft, und Fußball ist Popkultur. Der Rückgriff auf das Mutterland des Sports, den WM-Titel und eine Fankultur vor den Katastrophen von Heysel und Hillsborough bilden die Zutaten für die Vermarktung der EM. „Football’s Coming Home“ heißt es im offiziellen Turniersong, der die Misserfolge der vergangenen Jahrzehnte beklagt, aber für eine Generation, die sich selbst nicht daran erinnern kann, den WM-Sommer von 1966 lebendig macht.

Die noch lebenden Weltmeister haben in den vergangenen 20 Jahren von ihrer Vergangenheit finanziell profitieren können, und sei es durch den Verkauf ihrer WM-Medaillen. Doch die Einzigartigkeit des englischen Titels ist für ihre Nachfolger längst eine psychologische Bürde geworden. „Die Spieler gehen schon mit dem Gefühl in ein Turnier, dass sie nie einen Titel gewinnen werden“, sagt Andy Lyons. „Die anderen großen Fußballländer haben mehrere Generationen von Teams und Titelträgern. England hat nur diese elf Spieler.“


Referenzen:

ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

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