Ein Schloss auf Sand

cache/images/article_2632_kapfenberg_140.jpg

Nach einem Jahr, in dem drei Vereine aus wirtschaftlichen Gründen den Profibetrieb einstellen müssen, stellt sich die Bundesliga neu auf. Es ist die weitreichendste Reform seit 13 Jahren. Und sie wird manche Vereine härter treffen als andere.

Moritz Ablinger | 20.07.2016

Am 30. Mai um 18.14 Uhr war der Abstiegskampf in der Ersten Liga entschieden. Per Presseaussendung gab die Bundesliga bekannt, dass die Austria aus Klagenfurt die zweithöchste Spielklasse verlassen muss. Auch das Ständig Neutrale Schiedsgericht hatte ihr die Lizenz verweigert. Die Austria aus Salzburg hatte erst gar nicht um eine angesucht, schon im November hatte sie Insolvenz anmelden müssen. Der letztplatzierte Floridsdorfer AC blieb daher mit seinen 17 Punkten in der Liga. „Die Abstiegsentscheidungen dieses Jahr sind alle auf dem Grünen Tisch gefallen“, sagte Bundesliga-Präsident Hans Rinner auf einer Pressekonferenz tags darauf. „Wir mussten hier leider entsprechende Schritte setzen.“

 

Großer Wurf für Großklubs

Schon am 31. Mai beschließt die Klubkonferenz der Bundesliga eine Reform, die Lizenzprobleme wie in der abgelaufenen Saison beseitigen soll. Das Ligenformat wird radikal umgebaut, die Erste Liga wird ab der Saison 2018/19 auf 16 Teams aufgestockt und mit massiv aufgeweichten Lizenzbedingungen nicht mehr als reine Profiliga geführt. Auch auf die höchste Spielklasse kommen große Änderungen zu, die Bundesliga soll auf zwölf Klubs aufgestockt werden. Damit handelt es sich um die größte Reform seit 1993, als die 10er-Liga das Play-off-System abgelöst hat. Details dazu sind zwar noch nicht beschlossen, es gilt aber als sicher, dass der Meistertitel erneut in einem Play-off ausgespielt wird. Demnach soll die Tabelle nach 22 Runden geteilt werden – die sechs Klubs der oberen Hälfte kämpfen um den Titel, die sechs der unteren Hälfte gegen den Abstieg.

 

Für die großen Klubs, allen voran Austria, Rapid, Red Bull Salzburg und Sturm, klingt der Beschluss nach der Erfüllung ihrer Träume. Die Austria und Red Bull hatten schon lange auf eine Ligareform gedrängt, im Februar 2014 forderte Austria-­Finanzvorstand Markus Kraetschmer in einem Interview mit abseits.at Maßnahmen, um das Gesamtprodukt Bundesliga besser verkaufen zu können. Eine solche Maßnahme könnte das Meister-Play-off werden, schließlich verspricht es eine Aneinanderreihung von Spitzenspielen, während die viermaligen Begegnungen gegen unattraktivere Gegner wegfallen. Das neue Format soll zu einer besseren Vermarktung der TV-Rechte sowie höheren Zuschauerzahlen führen. Zumindest für jene Klubs, die nach dem Grunddurchgang über dem Strich landen. Schon seit der Saison 2011/12 führen die großen Vier die Rangliste der Zuschauerzahlen regelmäßig mit deutlichem Abstand an. Je nach Standpunkt könnte man nun argumentieren, dass sich die Liga mit der Reform den derzeitigen Verhältnissen anpasst – oder diese einzementiert.

 

Anreize im Abstiegskampf

Als der Grundsatzbeschluss zur Ligareform gefasst wurde, stimmten aber nicht nur die größten Klubs des Landes zu, sondern fast alle stimmberechtigten Vereine. Während die Vorteile für Teilnehmer des Meister-Play-offs auf der Hand liegen, stellt sich die Frage, was sich potenzielle Teilnehmer des unteren Play-offs von der Reform erhoffen. Sie müssen die strengen Lizenzkriterien ebenso erfüllen wie die stärkeren Teams und dann darunter leiden, dass sich die Attraktivität einer Liga, die eine Saisonhälfte lang primär gegen den Abstieg kämpft, in engen Grenzen halten wird.

 

Die SV Ried hat sich in den letzten beiden Saisonen nie unter den besten Sechs platzieren können. Dennoch befürwortet Sportdirektor Stefan Reiter die Reform. Angst vor eine Zweiklassengesellschaft in der höchsten Liga hat er keine. „Wir sind selber dafür verantwortlich, wie viele Leute kommen“, sagt er. „Wir haben ein gescheites Stadion mit vier überdachten Tribünen und Parkplätze in unmittelbarer Nähe – die Leute werden kommen.“ An Anreizen, die auch das untere Play-off mit positiven Spannungselementen versieht, wird dennoch eifrig gearbeitet. Zur Diskussion steht, dass der Sieger gegen den Ligadritten um einen Qualifikationsplatz im Europacup Relegation spielt. „Auch über einen anderen Namen kann man nachdenken, unteres Play-off klingt nicht wahnsinnig attraktiv“, sagt Reiter.

 

Kritik von unten

Und doch sind nicht alle glücklich mit der Reform. Der SV Mattersburg, Austria Lustenau und der Kapfenberger SV stimmten dagegen. Es ist wohl kein Zufall, dass es gerade kleinere Vereine waren, die sich gegen das neue Ligaformat verwehrten. Sie werden am schmerzlichsten davon betroffen sein. Austria-Lustenau-Präsident Hubert Nagel sagte vor der Abstimmung gegenüber Sky: „Die ganzen Reformvorschläge sind keine Vorschläge, sondern nur Verschlechterungen. Wir brauchen einen Unterbau. Amateurismus nach ein paar Profivereinen wird nicht funktionieren.“

 

Noch stärkerer Gegenwind kam von Erwin Fuchs, Vorsitzender der Ersten Liga und seit 1997 Präsident des Kapfenberger SV. Seit mittlerweile 13 Jahren spielt sein Klub im Profifußball, zwischen 2008 und 2012 in der Bundesliga. Die letzte Saison beendete der Verein trotz vieler Abgänge im Winter im gesicherten Mittelfeld der Ersten Liga. Jetzt aber sind die Kapfenberger mitten im Umbruch. Nach drei Jahren als Cheftrainer wechselte Kurt Russ zu Saisonende als Co-Trainer zum SV Mattersburg. Für noch größere Stirnfalten bei Fuchs sorgt allerdings die Ligareform. „Ich kann mir noch immer nicht erklären, wieso auch nur ein Verein aus unserer Liga dafür gestimmt hat“, sagt er. „Für die Erste Liga ist dieser Schritt vollkommen falsch, wir werden gewissermaßen zur vierten Regionalliga.“ Denn in Zukunft werden auch solche Mannschaften in der Ersten Liga spielen, die bis jetzt an den Lizenzbedingungen gescheitert wären. Im Sommer 2018 werden auf einen Schlag acht bis neun Regionalligisten aufsteigen. „Zuerst werden die Lizenzierungsauflagen in der Ersten Liga immer strenger, und wir müssen wie die Wilden bauen“, sagt Fuchs. „Und jetzt ist das plötzlich nicht mehr so wichtig.“

 

Foto: Moritz Ablinger


Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Ausgabe des ballesterer (Nr. 113 August 2016). Seit 21. Juli österreichweit in den Trafiken sowie einige Tage später im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel und digital im Austria-Kiosk der APA!

Referenzen:

Heft: 113
Rubrik: Thema
Thema: Bundesliga
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png