Einen Sommer lang fliegen

cache/images/article_1629_bajramaj_140.jpg Am 26. Juni wird im Berliner Olympiastadion vor 74.000 Zuschauern die Frauenfußball-WM eröffnet. Stars werden gemacht, die Vermarktungsmaschine läuft, das Fernsehen überträgt live. Im Ligaalltag jedoch bleiben die Frauen mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Der WM-Sommer 2011 wird ein Ausnahmezustand für den Frauenfußball, aber er ist nicht der Beginn einer Revolution.
Der Potsdamer Stadtteil Babelsberg, eine halbe S-Bahn-Stunde außerhalb von Berlin, ist an einem sonnigen Sonntagmittag im April an Beschaulichkeit kaum zu überbieten. Die Ruhe erinnert an einen Kurort. Eltern schieben ihre Kinderwägen vor sich her, vor dem Eissalon und in den Cafés herrscht gemütlicher Wochenendbetrieb. Nur vereinzelte Schals einiger Gastgartenbesucher deuten darauf hin, dass hier in zwei Stunden ein Fußballmatch angepfiffen wird das Rückspiel der UEFA Womens Champions League zwischen Titelverteidiger 1. FFC Turbine Potsdam und dem FCR Duisburg.


Im nach dem Sozialisten Karl Liebknecht benannten Stadion bilden sich die ersten Schlangen vor den Kassenhäuschen. Begleitet von zwei Polizeimotorrädern trifft der Duisburger Teambus ein, Nationalspielerin Alexandra Popp blinzelt in die Sonne, schreibt ein Autogramm und schnappt sich den Dressenkoffer. Wer am Vortag die Zweitliga-Massenveranstaltung von Hertha BSC gegen Osnabrück vor 46.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion besucht hat, fühlt sich von der Atmosphäre unweigerlich geschmeichelt: Die Eingangskontrollen sind leger, das Bier und die Currywurst billig und schmackhaft, und im Fanshopzelt kann man neben Turbine-Weizenbiergläsern auch sinnvolle Dinge wie das Frauenfußballlexikon von Ronny Galczynski erwerben. Das Publikum hebt sich von jenem des Männerfußballs deutlich ab: viele Familien und ältere Pärchen, dazwischen blinkt die eine oder andere Kutte hervor. Die Fankultur erinnert an Handball und ist bestimmt von Trommeln, Gashupen und Ratschen. Auf der Stehplatzgegengeraden kann man mit den Eltern von Spielerinnen ins Gespräch kommen. Albrecht und Petra Oster begleiten Tochter Jennifer aus dem Duisburger Mittelfeld fast überall hin und freuen sich über die gut besetzten Ränge, sie haben schon viel schlechter besuchte Spiele gesehen.

Ein Sieg, ein Bier und ein Spaßverderber
Knapp vor Matchbeginn ist das Karl-Liebknecht-Stadion mit 4.600 Zuschauern zur Hälfte gefüllt, im Pressebereich unter der neuen Hintertortribüne erzählt Turbine-Pressesprecherin Nadine Bieneck vom Rekordandrang an Journalisten: 170 Reporter seien akkreditiert, ein guter Teil davon vom ZDF, das die Partie live überträgt. Aber auch drei Kollegen aus Japan haben sich eingefunden ihr besonderes Augenmerk gilt Duisburg-Stürmerin Kozue Ando und ihrer Nationalteamkollegin Yuki Nagasato, die auf Potsdamer Seite für Tore sorgen soll.
In Fortsetzung des 2:2 aus dem Hinspiel entwickelt sich ein Match auf Augenhöhe. Sieben Duisburgerinnen und fünf Potsdamerinnen aus dem erweiterten DFB-WM-Kader gewährleisten Athletik und hohes Tempo. Aus den guten Kollektiven stechen vor allem die Potsdamer Spielmacherin Fatmire »Lira« Baj­ramaj durch ihre technische Sonderklasse und die beiden großartig aufgelegten Torfrauen Anna Sarholz und Christina Bellinghoven hervor. Auf der Pressetribüne wird das Topniveau anerkennend zur Kenntnis genommen, die eine oder andere sexistische Witzelei können sich Einzelne aber doch nicht verkneifen.


Entschieden wird das Match durch ein Tor von Nagasato in der 40. Minute, das den Potsdamerinnen nach dem Titel im Vorjahr den erneuten Einzug ins Finale im Londoner Craven Cottage beschert, in dem sie wie schon 2010 auf Olympique Lyonnais treffen. Nach dem Schlusspfiff liegen sich die Turbine-Spielerinnen in den Armen und bedanken sich mit einem Spruchband bei den Fans, die noch einmal ihre Ratschen ertönen lassen. Während allenthalben noch »Fiiiinaaaleeee«-Sprechchöre angestimmt werden, springt Potsdam-Torhüterin Sarholz von der Mixed Zone am Spielfeldrand auf die Tribüne und eröffnet ihrer Familie, dass sie jetzt ein Bier vertragen könne. Eine Siegerin freut sich jedoch mit angezogener Handbremse: Lira Baj­ramaj. Der Manager des 1. FFC Frankfurt, Siegfried Dietrich, hat im Rahmen der TV-Übertragung ihren Wechsel zum Erzrivalen der Potsdamerinnen bestätigt. Der Transfer mit Saisonende wird auch zum bestimmenden Thema der Pressekonferenz: Was herzlich beginnt, als Potsdams Kapitänin Jennifer Zietz ihrer enttäuschten Duisburger Kollegin Inka Grings einen Kaffee bringt, mündet in einen Rundumschlag von Potsdam-Trainer Bernd Schröder gegen die ungeliebte Frankfurter Konkurrenz, die seit Jahren versucht, die Dominanz der ostdeutschen Frauenfußballhochburg zu brechen. »Wir haben verdient gewonnen, mein Respekt gilt auch dem Gegner. Man hat gesehen, dass es zwei befreundete Klubs sind, zwischen denen es ein ordentliches Verhältnis gibt, nicht wie bei einem anderen Verein«, sagt der Trainer, der vor kurzem sein 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert hat. Auf den Wechsel von Baj­ramaj angesprochen, bekommen auch die im Vorfeld der WM verstärkt auf den Plan tretenden Spielerinnenvermittler ihr Fett ab. »Lira ist ein tolles Mädchen. Sie hat sich hier sehr gut entwickelt, ist aber von ihrem Berater fremdbestimmt«, poltert der 68-Jährige. »Das ist ein Pharisäer, der durch den Wechsel einiger Mädchen in kurzer Zeit 50.000 Euro verdient hat. Für nichts! Diese Leute nutzen den Frauenfußball aus. Sie bemühen sich nur um die Besten, aber sie werden ihnen nicht mehr helfen, wenn sie 30 sind.«


Playboy und Barbiekick
Am nächsten Tag kommen die deutschen Zeitungen am Frauenfußball nicht vorbei. Bajramajs Wechsel und die Konstellation eines innerdeutschen Semifinales sorgen für eine Fülle an Artikeln über das Champions-League-Match. Doch das ist nicht mehr als eine glänzende Momentaufnahme. Allgemein gilt die mangelnde Aufmerksamkeit in den Medien auch in Deutschland weiterhin als Grundproblem des Frauenfußballs. Bessere Vermarktung ist gefragt, aber wie? Brigit Prinz hat darauf schon nach dem ersten WM-Titel im Jahr 2003 eine Antwort gefunden: »Wir wollen unseren Sport vermarkten, nicht unseren Hintern«, sagte die Nationalstürmerin. Diese Haltung mag Prinz weiterhin vertreten, beim DFB ist man indes offen für andere Perspektiven. Teammanagerin Doris Fitschen gab zu Beginn des WM-Jahres die Parole aus, die Spielerinnen per Werbespots und Fotoshooting nicht nur als Fußballerinnen, sondern als »interessante Persönlichkeiten« zu vermarkten. Und sollte eine von ihnen ihre Persönlichkeit durch Fotos im Playboy noch interessanter gestalten wollen, würde man ihr keine Steine in den Weg legen.


Im Februar 2011 präsentierte der DFB die WM-Barbies: Unikate, gefertigt nach dem Vorbild von Nationaltrainerin Silvia Neid und ausgerechnet Birgit Prinz. Die tauchte zur Pressekonferenz gar nicht erst auf, dafür erzählte Neid, dass sie als Kind lieber mit Bällen und Autos gespielt habe. Das ist vielleicht sympathisch, aber vermarktungstechnisch nicht gelungen. »Wenn ich eine Aktion wie die Barbies mache, dann muss ich auch wirklich dazu stehen«, sagt Daniela Schaaf. Die Kommunikationswissenschaftlerin forscht, gefördert durch ein Stipendium der FIFA, an der Deutschen Sporthochschule in Köln zur Vermarktung von Frauenfußball. Was Sponsoren am Frauenfußball interessiert, hat Schaaf in Befragungen ermittelt, die Antwort lautet: eher das Frausein als der Fußball. »Bei der Vermarktung von Sportlerinnen geht es um drei Dinge: den Bekanntheitsgrad, die Medienpräsenz auch außerhalb der Sportberichterstattung und eine hohe physische Attraktivität mit Sexappeal.«


Damit hat die jüngere deutsche Spielerinnengeneration, die 2007 den zweiten WM- und 2009 den EM-Titel geholt hat, einen merklich entspannteren Umgang als Prinz. Im Werbespot eines Elektrohändlers zücken Kim Kulig, Simone Laudehr und Celia Okoyino da Mbabi unter dem Motto »Die schönste WM aller Zeiten« auf dem Fußballplatz erst Lippenstift und Rougepinsel, bevor der Ball im Tor landet. Mit dabei ist auch Lira Bajramaj, die Hauptverantwortliche dafür, dass die »Attraktivität« des Frauenfußballs mehr als nur eine sportliche Bedeutung bekommen hat. Bajramaj plaudert gern über ihre Vorliebe für Kosmetik und Shoppen, schießt im ZDF-»Sportstudio« in High Heels auf die Torwand und trifft. Durch Interviews und Werbung ist sie aktuell die deutsche Nationalspielerin mit der weitaus größten Medienpräsenz. Eine Rechnung, die derzeit noch aufgeht, bei der jedoch eine Gefahr droht: Steht die Fokussierung auf persönliche Aspekte und physische Attraktivität einer Spielerin nicht mehr im Verhältnis zur Leistung, hat man es mit dem »Kournikova-Syndrom« zu tun benannt nach der russischen Tennisspielerin Anna Kournikova, die über ihr erotisches Kapital bei eher mittelmäßigem Können eine sehr große Bekanntheit erlangt hat. Dazu Daniela Schaaf: »Im Teamsport kann es passieren, dass sich Medien und Sponsoren nur auf attraktive Spielerinnen stürzen und echte Leistungsträgerinnen außen vor bleiben, so etwas birgt natürlich mittelfristig auch Gefahren für ein Mannschaftsgefüge.«...

 

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 62, Mai/Juni 2011) Ab sofort österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!  

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