»Einer muss aufhören«

Wenige Wochen vor Beginn der deutschen Bundesliga trafen sich Politiker und Funktionäre, um über Fangewalt zu sprechen ohne Fans. Die Diskussionen rund um den »Sicherheitsgipfel« offenbaren das Dilemma der Vereine, die zunehmend unter Druck stehen und populistischen Forderungen wenig entgegensetzen.
Nicole Selmer | 14.08.2012

Innenminister Hans-Peter Friedrich hatte Mitte Juli nach Berlin geladen, der Deutsche Fußball-Bund, der Ligaverband DFL und Vertreter der Vereine der ersten und zweiten Liga waren mit Ausnahme von Zweitligist Union Berlin gefolgt. Das Motto des Sicherheitsgipfels lautete »Für Fußball gegen Gewalt«, ähnlich schlagwortartig waren die Ergebnisse, die der Presse nach wenigen Stunden Beratung präsentiert wurden: Vereine und Verbände unterschrieben einen Verhaltenskodex, der Gewalt und Pyrotechnik ablehnt. Eine Verschärfung der Stadionverbotsrichtlinien mit einer Erhöhung der maximalen Dauer von drei auf zehn Jahre wird angestrebt. Und die Verbände entlasten die Bundesländer und Städte bei der Finanzierung der sozialpädagogischen Fanprojekte.

Radikalisierung statt Dialog
Eine klare Botschaft an die Fans lieferte DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock wenige Tage darauf im Gespräch mit dem verbandseigenen Internetportal. Das Wort »Ultra« bleibt im Interview ausgespart, Sandrock spricht von »Gruppierungen, die für sich in Anspruch nehmen, die einzigen und die wahren Fans zu sein«. So abwesend wie in Sandrocks Interview sollen Ultras demnach am besten auch im Stadion sein: »Stimmung ja, aber keine Gewalt und keine Gefahren durch Pyrotechnik. Wir möchten im Sinne der überwältigenden Masse der friedlichen, echten Fans diese Leute nicht in den Stadien haben.«


Das Bündnis »ProFans« hatte am gleichen Tag und wenige Gehminuten entfernt selbst Presse- und Vereinsvertreter zum Gegengipfel eingeladen, um über eigene Standpunkte zu informieren. Rund 20 Journalisten machten von dem Angebot Gebrauch, die Vereinsfunktionäre hingegen kaum: Nur von Hertha BSC, Darmstadt 98 und dem 1. FC Köln kamen Vertreter. Die Ankündigungen des Sicherheitsgipfels würden nicht zu einer Beilegung der Konflikte beitragen, lautete der Tenor unter den Fans, die von Vertretern der sozialpädagogischen Fanprojekte und der »Arbeitsgemeinschaft Fananwälte« unterstützt wurden. Neben dem Ausbleiben einer Einladung von Fanvertretern zum Treffen in Berlin verstand der Gegengipfel vor allem die Verschärfung der Stadionverbotsrichtlinien als »Schlag ins Gesicht«, wie es Jakob Falk von »ProFans« formulierte. So werde es noch schwerer, in den Kurven für Besonnenheit zu werben: »Wir haben keine Argumente mehr, um Leute zu überzeugen. Eine Radikalisierung setzt dann ein, wenn der Dialog abbricht.«

Die Liga der Getriebenen
Für die Vereine hatte der Sicherheitsgipfel eine weitere Dimension. »Das war eine weitgehend politische Veranstaltung«, sagte Werner Spinner, Präsident des 1. FC Köln, im Gespräch mit »ProFans«. Gemeint ist damit der starke Druck, den Bundesinnenminister Friedrich (CSU) und seine konservativen Kollegen auf Länderebene auf Vereine und Verbände ausüben, das »Gewaltproblem« im Fußball zu lösen. Zentrales Argument ist hier die Debatte um die Verwendung von Pyrotechnik. Eine Gleichsetzung von Pyro und Gewalt hat sich spätestens mit dem medialen Begleitfeuerwerk des Relegationsspiels zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC durchgesetzt und wird auch vom DFB vertreten. Nicht alle Vereinsvertreter teilen diese Sichtweise, die Debatte um die Legalisierung von Pyrotechnik liegt jedoch derzeit auf Eis und wird wohl nicht so schnell wieder aufgewärmt werden. Die Vereine leiden vor allem unter den Konsequenzen den harten Verbandsstrafen. »Pyro ist verboten und wird geahndet, mit der Gefahr, dass es über Geldstrafen hinausgeht«, sagt HSV-Vorstandsmitglied und Sicherheitsgipfelteilnehmer Oliver Scheel im ballesterer-Interview. »Das Risiko von Teilausschlüssen, Begrenzungen auf Sitzplätze und für Auswärtsspiele ist nicht von der Hand zu weisen.«


Die Vereine fürchten nicht nur den finanziellen Schaden, sondern eine politische Einmischung in das Geschäftsmodell des Fußballs. Wie das aussehen kann, zeigte die Hamburger Polizei im vergangenen April, als sie dem FC St. Pauli den Verkauf von Auswärtskarten an Fans von Hansa Rostock verbot. Ein einzigartiger Eingriff in die Vereinsbelange, der mit einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit begründet wurde. Die Klage des Vereins wurde im Eilverfahren abgewiesen, die endgültige gerichtliche Klärung steht noch aus. Oliver Scheel sagt: »Ich kann nicht einschätzen, wie die angeordnete Auswärtssperre bei St. Pauli juristisch beurteilt wird, aber es gibt die Befürchtung, dass von politischer Seite in den Fußball hineinregiert wird, wenn wir nicht selbst handeln.«


Die Forderung der Deutschen Gewerkschaft der Polizei und des hessischen Innenministers Boris Rhein, die Vereine an den Kosten für Polizeieinsätze zu beteiligen, erhöht den Druck auf die Vereine zusätzlich. Das Gleiche gilt für die von Innenminister Friedrich laut angedachte und zunächst wieder verworfene Abschaffung der Stehplätze. Mit populistischen Forderungen wie diesen verbessern Politiker und Polizei die eigene Verhandlungsposition. Die beim Sicherheitsgipfel beschlossene Entlastung der Bundesländer und Städte bei der Fanprojektfinanzierung ist hier die erste, aber sicher nicht die letzte Ablasszahlung der Vereine und Verbände.


Moderate Kräfte stärken
Tom Eilers, Sportmanager des SV Darmstadt 98, rief während des Gesprächs mit »ProFans« angesichts der verfahrenen Situation: »Irgendeiner muss aufhören. Wenns jetzt wieder brennt, dann drehen die Innenminister durch.« Die als Appell zur Deeskalation gemeinte Warnung stieß nach der von Fans als Eskalation empfundenen Gipfelveranstaltung jedoch auf wenig Verständnis. Ein Ausweg aus der Spirale von Repression und Radikalisierung ist von einer öffentlichkeitswirksamen und politischen Veranstaltung wie dem Sicherheitsgipfel allerdings ohnehin nicht zu erwarten gewesen. Hier, sagt HSV-Vorstand Oliver Scheel, ging es für die Vereine auch darum, mit einer Stimme zu sprechen: »Gegenüber der Politik möchte man zunächst ein geschlossenes Bild abgeben. Wenn die Schwergewichte der Liga sagen: Diesen Weg begrüßen wir, kann man nicht einfach sagen: Aber wir gehen lieber einen anderen.«


Differenzen innerhalb der Ligen existieren, das zeigte auch die Abwesenheit von Zweitligist Union Berlin, der mitteilen ließ, weitreichende Beschlüsse nur in Abstimmung mit Fan- und Sicherheitsbeauftragten treffen zu können. Simon Müller von »ProFans München« sieht hier einen Weg zurück in den Dialog. Die Forderung an die Fans nach Mäßigung der radikalen Kräfte, sagt Müller, sei genauso auf die anderen Beteiligten des Konflikts anzuwenden: »Warum spricht eigentlich niemand davon, dass die Gemäßigten in den Institutionen und Verbänden und in der Politik auch die Verantwortung haben, sich gegen die Hardliner durchzusetzen?« Auch Oliver Scheel kann diesem Zugang etwas abgewinnen: »Das nehme ich als Erkenntnis mit, sich mit dem einen oder anderen Klub kurzzuschließen und zu schauen, ob Verein A, B oder C in einzelnen Fragen eine ähnliche Haltung hat wie wir.«

Referenzen:

Heft: 74
Rubrik: Thema
ballesterer # 113

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