»Es wird immer Leute geben, die meckern«

cache/images/article_1504_foda3_140.jpg Franco Foda hat Sturm Graz mit einem beschränkten Budget auf die vorderen Tabellenplätze und in den Europacup gebracht. Mit dem ballesterer sprach er über Spieler, die keine Erklärungen hören wollen, unterschätzte Strafraumstürmer und das unterschiedliche Momentum des FC Bayern und des SK Sturm.
ballesterer: Sturm Graz hat 2010 mit dem Cup den ersten Titel seit 11 Jahren geholt. Trotzdem sind Sie dafür als Trainer weniger gelobt worden als für so manches schöne, aber verlorene Spiel davor.
Franco Foda: Ich kann nicht beurteilen, wer mich lobt und wer nicht. Selbst nach Titeln wird es immer Leute geben, die meckern. Ich glaube aber schon, dass die Arbeit unseres Trainerteams geschätzt wird. Ich bin als Trainer im Ausland gefragt und unsere Spieler werden von den großen Mannschaften geholt. Jantscher ging zu Salzburg, Sonnleitner zu Rapid. Das ist eine Wertschätzung unserer Arbeit. Natürlich haben wir im Frühjahr nicht jedes Spiel so gestaltet, wie ich mir das persönlich vorstelle. Dafür gab es neben Verletzungspech viele Gründe, die Außenstehende nicht mitbekommen. Für mich sind aber nicht ein paar Spiele, sondern die generelle Entwicklung entscheidend.
Hat es nach 14 Jahren bei Sturm nie einen Moment gegeben, in dem Sie sich gesagt haben: »Jetzt will ich einen Titel gewinnen und lasse pragmatischer spielen«? Sie gelten ja als sehr ehrgeizig.
Es steht außer Frage, dass ich ehrgeizig bin und Titel gewinnen will. Ich habe den Vertrag hier zweimal verlängert und konnte Auslandsangeboten bisher widerstehen. Mit den vorhandenen Möglichkeiten wurde viel erreicht, denn wir sind in die Gruppenphase der Europa League gekommen und Cupsieger geworden. Im Cup sind wir ohne Gegentor geblieben und haben Salzburg und Austria ausgeschaltet. Natürlich wollte ich dabei guten und schönen Fußball spielen. Das war aber nicht immer möglich. Inter hat das Champions-League-Finale auch gewonnen, obwohl sie nicht die bessere Mannschaft waren. Sie waren klug, diszipliniert und haben im Konter die entscheidenden Tore erzielt. Das ist im Prinzip das A und O.
Überlegt man sich als Trainer nach Partien, in denen man schönen, aber sieglosen Fußball gezeigt hat, zukünftig ergebnisorientiert spielen zu lassen? Ich denke da etwa an das Auswärtsspiel gegen Galatasaray in Istanbul in der Europa League.
Es kommt doch immer darauf an, welche Spieler du als Trainer zur Verfügung hast. Würde Deutschland mit Klose und Gomez als Stürmer beginnen, dann ist die Spielanlage nicht so beweglich. Bei flinken Spielern meinen die Zuschauer, sie seien besser und würden schöner spielen. Lavric ist dagegen ein reiner Strafraumstürmer. Das Kombinationsspiel bei Sturm Graz leidet mit ihm natürlich. Man darf aber nicht vergessen: Lavric hat im Frühjahr die meisten und die entscheidenden Tore gemacht. Ohne ihn hätten wir den Cup nicht geholt.
Vorher lief es jedoch nicht so rund. Wie kann man eine Mannschaft als Trainer aus einem Tief herausholen?
Es entscheiden oft Kleinigkeiten. Erinnern Sie sich nur an die Anfangszeit von Van Gaal bei Bayern. In den ersten drei Monaten haben die so gespielt, da konnte er fast schon wieder die Tulpen in Amsterdam zählen. Dann tanken die mit einem Spiel gegen Juve so ein Selbstvertrauen, dass es für den Rest der Saison läuft. Bei uns war es umgekehrt: Wir haben dieses Frühjahr das beste Spiel auswärts gegen Austria Wien geliefert. Spielerisch waren wir klar die bessere Mannschaft und hatten Torchance um Torchance, verlieren aber 1-0 durch einen Fehler des Schiedsrichters. Damit kam der gegenteilige Effekt zum Tragen. Solche Momente können positive oder negative Trends auslösen. Deswegen kann keine Mannschaft den Erfolg planen, deswegen darf man den Fußball nicht oberflächlich betrachten. Hier in Graz hatte ich vorige Saison das Gefühl: Wenn wir nur normal spielen, reicht das schon nicht mehr, weil die Erwartungen zu groß waren. Wir haben im Herbst auf einem hohen Level gespielt gehabt. Den konnten wir nicht immer abrufen.
Wie vermitteln Sie den Spielern ihre Ideen? Reden sie mit den Leithammeln und hoffen so auf Verbreitung?
Natürlich tauscht man sich mit dem Kapitän und dem Spielerrat am häufigsten aus, kümmern muss man sich aber vor allem um die Kollegen auf der Bank und der Tribüne. Die ersten Elf sind immer zufrieden, aber auch die anderen müssen das Gefühl haben, dass sie gebraucht werden.
Fallen ihnen dazu zwei konkrete Fälle aus der vergangenen Saison ein?
Ich rede über einzelne Spieler selten in der Öffentlichkeit. Internes soll intern bleiben.
Wie wäre es mit Muratovic und Haas als Spieler mit Anspruch auf einen Stammplatz? Wie halten Sie die bei Laune?
Es ist normal, dass Spieler, die nicht von Beginn an zum Einsatz kommen, unzufrieden sind. Aber auch hier gibt es Regeln, an die man sich halten muss. Wichtig ist, dass die Mannschaft nicht darunter leidet und der betroffene Spieler nicht immer die Schuld bei anderen sucht. Er sollte in sich gehen und versuchen, den Trainer zu überzeugen. Über Kritik in den Medien Luft abzulassen, ist nicht der richtige Weg.
Wie teilen Sie Ihren Spielern mit, dass sie nicht spielen werden?
Das sind die schwierigsten Momente für mich als Trainer, aber ich muss auch darauf schauen, dass die ganze Mannschaft funktioniert und sie die Taktik angepasst an den jeweiligen Gegner umsetzen. Das bedenken die Spieler oft nicht, sie haben ihre eigene subjektive Sichtweise. Ich versuche zwar, die Situation so gut ich kann zu erklären, aber die Spieler wollen in diesem Moment keine Erklärungen hören.
Würde es etwas an den Reaktionen ändern, wenn die Spieler ein größeres taktisches Spielverständnis hätten?
Nein, in Österreich sind die Spieler taktisch gut genug ausgebildet. Samuel Etoo hat etwa im Champions-League-Finale fast einen rechten Verteidiger spielen müssen. Auf dieser Position hat er seine Qualität sicher nicht abrufen können. Aber er hat es akzeptiert. Bei Mourinho gibt es Regeln. Entweder akzeptierst du sie, oder du spielst nicht. Da müssen wir hinkommen. In Italien darf keiner gegen den Trainer etwas sagen. So läuft das in den großen Ligen. In Österreich ist das anders. Über diese Ivanschitz-Geschichte ist viel zuviel diskutiert worden, dabei gibt es keinen Trainer der Welt, der nicht immer die Besten spielen lassen will. Constantini ist ja selbst unter Druck, Ergebnisse zu bringen, um im Amt zu bleiben.
Wie gewinnt ein Trainer Autorität?
Sicher nicht, indem man den Spielern alles vorschreibt oder nur Strafen austeilt. Natürlich muss man in einer Gruppe Regeln aufstellen. Wir als Trainerteam haben darauf zu achten, dass diese Regeln eingehalten werden. Die Spieler sind aber erwachsen genug, so dass man ihnen Verantwortung übertragen kann. Jeder muss auch selbst schauen, dass er das Beste aus sich herausholt.
Können Sie sich an einen Fall erinnern, in dem Sie zunächst ein gutes Verhältnis zu einem Spieler hatten und dieses dann zerbrochen ist?
Nein. Aber natürlich muss man den Leuten, mit denen man zusammen arbeitet, absolut vertrauen. Jeder Mensch macht Fehler. Wenn sich einer aber nicht an gewisse Regeln hält, muss man das sanktionieren. Wichtig ist es aber auch, zu vergessen und nicht nachtragend zu sein. Wenn jemand aber mehrmals die gleichen Fehler begeht, sollte man die Konsequenzen ziehen.
Zu Beginn einer neuen Saison müssen Sie vor allem zu neuen Spielern möglichst schnell eine Beziehung aufbauen. Wie stellen Sie das an?
Das versuche ich mir im Training zu erarbeiten. Ich bereite mich auf jedes Training gut vor und fordere von der Mannschaft keine Dinge, die ich nicht selbst vorlebe. Ich kann nicht vorschreiben, die Mannschaft soll eine halbe Stunde vor Trainingsstart auf dem Gelände sein und komme selbst erst fünf Minuten vor Beginn. Ich versuche die Mannschaft von bestimmten taktischen Varianten zu überzeugen und vor allem davon, die nötige Fitness mitzubringen. Wenn die fehlt, können die Spieler ihre Kreativität nicht ausleben. Aber das wichtigste ist es, Spiele zu gewinnen. Dann glauben dir die Spieler.

Referenzen:

ballesterer # 121

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