Französische Balance und österreichisches Blabla

Jocelyn Blanchard kickte bei Juventus, RC Lens und führt heute die Wiener Austria als kapitän aufs Feld. Im Gespräch erklärt der Routinier, wie man in Frankreich arbeitet und warum in Österreich zu viel geredet wird.
Mario Sonnberger | 13.05.2008
In Frankreich hat man »weniger Stress« als in anderen großen Ligen, sagt Jocelyn Blanchard. Zumindest, wenn man nicht Lyon heißt. »Wenn Lyon Zweiter ist, dann ist das eine Krise«, meint der ehemalige Kapitän von RC Lens zur Dominanz des französischen Serienmeisters. Um nicht ohne Ironie hinzuzufügen: »Wie bei der Austria.«
Hört man Blanchard zu, wenn er über Fußball redet, merkt man rasch: Der Franzose versteht sein Metier. Gemütlich in den Sessel gelehnt plaudert er über Licht und Schatten des internationalen Geschäfts. »Logisch« sei es, dass Frankreich reihenweise Spieler in die großen Ligen exportiere. Mit dem Geld aus England, Italien oder Spanien könne man eben nicht mithalten. »Aber das ist ein anderes System. In England kommt ein Milliardär mit 500 Millionen Euro. In Frankreich nicht. Ein Euro weniger in der Bilanz, und du bist in der zweiten Liga. Zwei Euro dritte Liga.« Umso mehr werde der Nachwuchs forciert, schließlich besitze fast jede Mannschaft in den französischen Profiligen eine große Akademie, die sich durch Transfers gut finanzieren lasse. Und auch was die Zielsetzungen betrifft, sei in Frankreich vieles weniger dramatisch. Dass ein Klub wie Paris Saint-Germain gerade am 18. Platz liege, sei zwar nicht normal, verglichen mit einer ähnlichen Talfahrt bei Barcelona, Real oder Milan aber gar nichts.


ROUTINIERS, JUNGSTARS

UND DIE BALANCE

 Dass 70 seiner Landsleute in den großen europäischen Ligen ihr Geld verdienen, beurteilt der Austria-Routinier im Prinzip positiv. Schließlich würden sie so lernen, jedes Spiel ernst zu nehmen und mit Druck umzugehen Qualitäten, die man als Nationalspieler durchaus brauchen kann. Für die heimischen Vereine bedeutet dies aber eine gläserne Decke. »Wenn du 35 im Ausland hast, ist das perfekt. Die andere Hälfte bleibt in Frankreich, um das Niveau nicht absinken zu lassen.« Schließlich muss man international spielen. Wohin mangelnde Ausgewogenheit führen kann, zeigt das Beispiel England: »Du hast drei Klubs im Halbfinale der Champions League, aber die Nationalmannschaft nicht bei der EM. Warum? Du hast keine englischen Spieler bei Liverpool, bei Chelsea, bei Manchester.«

Im französischen Team stimmt die Balance: »Du hast immer zwei oder drei Spieler, die von der alten Generation in der Mannschaft bleiben. Dieses Jahr Thuram, Vieira oder Henry.« Aber die Jungen würden Fortschritte machen. »Benzema ist heute stärker als Zidane mit 20 Jahren. Das ist normal. Der Fußball ist schneller, du trainierst mehr. Ein zehn Jahre alter Porsche ist ein schönes Modell, aber ein Porsche von heute ist eine neue Generation.« Das heißt nicht, dass Frankreich schon reif für den EM-Titel ist, erklärt Blanchard. Wichtiger sei es, bei jedem Turnier mitzumachen, um Erfahrung zu sammeln. Erzielt die Équipe Tricolore in Österreich und der Schweiz ein gutes Resultat, traut ihr der Austrianer zu, bei der nächsten WM als gereiftes Team den Titel zu holen. Auf dem Papier zählt Spanien demnach zu den Favoriten auf den Silberpokal: »Spanien hat eine Generation auf hohem Niveau, viele Spieler haben schon eine große Karriere gemacht.«


50 PROZENT BLABLABLA

Über den heimischen Kick befragt, kommt der Analytiker im 35-Jährigen noch stärker zum Vorschein ohne Not, sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen. »Österreich«, sagt er, »ist 50 Prozent Arbeit und 50 Prozent Blablabla. Ich verstehe, dass es ein kleines Land ist. Aber manchmal glaube ich, dass viele Vereine wie Amateure organisiert sind.« Das hiesige System ist für den Franzosen ein Rätsel. »Du überlässt die Macht nur einem Mann. Stronach hat gesagt, er geht und der Klub ist panisch. Was passiert in Salzburg, wenn Mateschitz morgen sagt, er geht?« Wie auch in der öffentlichen Meinung vermisst der Austrianer die Ausgewogenheit, die für kontinuierliches Arbeiten so wichtig ist. »Wir sind nicht an der Play-Station«, plädiert er für Besonnenheit. »Wenn du eine gute Mannschaft willst, musst du zwei oder drei Jahre arbeiten mit deinem Trainer, deinem Sportdirektor, deinem Klub.«
Dass dem Austria-Kapitän die Aufbauarbeit am Herzen liegt, ist nicht zu überhören. »Wenn ich zu einem Klub gehe, wo alles schon in Ordnung ist, ist das für mich keine Motivation.« Man müsse sich einfach realistische Ziele setzen auch bei der EM, wo es vor allem um den Lerneffekt gehe. Im Fußball sei zwar alles möglich, aber auch bei einer Niederlage sollte nicht alles infrage gestellt werden. Fast schon entschuldigend, aber mit Nachdruck erklärt er, dass nicht zuletzt die Medien gehörig Unruhe ins Fußballgeschäft bringen.

ZWISCHEN DEN EXTREMEN

Im Verlauf des Gesprächs wird deutlich, wie wichtig dem Franzosen Kontinuität und Ausgewogenheit in der fußballerischen Arbeit sind vor allem auf die Zusammensetzung der Mannschaft bezogen. »Du musst mit ein paar Jungen spielen, ein paar routinierten Spielern, ein paar Ausländern. Das ist Harmonie. Ich habe auch bei Magna gehört: Ja, wir spielen nur mit jungen Spielern! Okay, probiers. Für mich kein Problem, ich warte da aber ich weiß, ich warte nicht sehr lange.« Nur wenn Österreich nicht mehr von einem Extrem ins andere stolpert, sei Fortschritt möglich.
Auch auf die Nationalmannschaft bezogen hält der Austrianer Österreich für unausgeglichen. »Die Leute sind nur patriotisch, wenn die Lage positiv ist. Österreich ist da ein bisschen gemütlich.« Verglichen mit der Stimmung bei der WM 1998 sei man hierzulande noch nicht aufgetaut. In Frankreich habe man sich nach dem Titel gesehnt, hier bloß nach einem Sieg gegen Deutschland »dann ist es vorbei«. In Wien hätte er sich schon längst mehr Ausgelassenheit erwartet inklusive geschmückter Schaufenster und Busfahrern im ÖFB-Trikot. »Nur einmal in deinem Leben organisiert dein Land einen so großen Bewerb. Du hast nur eine Chance!«
Wenn es nach ihm geht, wird am 29. Juni die Stadt aber ohnehin Blau tragen. Die Frage nach dem kommenden Europameister beantwortet Jocelyn Blanchard mit einem Lächeln und den Worten: »Frankreich. Was für eine Frage!«

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
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