Führungsstrategien und Trainerminuten

cache/images/article_1508_reu_828096_140.jpg Trainer müssen mehr sein als Übungsleiter, damit ihr Team funktioniert. Und weil Mattersburg nicht Salzburg ist, beschreiten Franz Lederer und Huub Stevens wieder andere Wege als Karl Daxbacher in Wien. Ob die Trainer den Vierpunkteplan zum Erfolg kennen oder nicht an seiner Umsetzung arbeiten sie trotzdem.
Wien-Hütteldorf in der Vorbereitungszeit. Es ist 8.45 Uhr. Der Mannschaftsbus steht schon bereit. Mitarbeiter des Betreuerteams beladen den Bus mit Trainingsstangen. Auf der Westtribüne hängen die Trikots zum Trocknen in der Morgensonne. Die Abfahrt ins Trainingslager nach Bad Tatzmannsdorf ist für 9.30 Uhr angesetzt.

 

Peter Pacult sitzt in seinem Büro auf der Couch und frühstückt Himbeeren mit Joghurt, vor ihm liegt die Kronen Zeitung. Der Cheftrainer des SK Rapid ist bereit zum Interview. Sein Schreibtisch ist penibel aufgeräumt, auf der Taktiktafel bilden die Magnete der beiden dargestellten Teams exakt senkrechte Pärchen. Pacults Trainerkammerl ist nur durch die Spielerkabine zu erreichen. Kein Fenster gewährt Tageslicht im Inneren der Südtribüne. Lang möchte man hier nicht arbeiten. Der Arbeitsplatz entspricht dem Berufsverständnis einer Zeit, in der der Trainer in erster Linie als Übungsleiter gesehen wurde. »Am Platz« gibt es ja Luft und Sonne zur Genüge.

 

Das Berufsbild hat sich allerdings gewandelt, auch in Österreich. An den Chefcoach von heute werden ganz andere Anforderungen gestellt als noch vor 20 Jahren. Er muss nicht nur Trainer sein, sondern auch die Dynamik von Teams verstehen. Er darf sich den wissenschaftlichen und technischen Neuerungen, die die Entwicklung des Spiels mit sich gebracht hat, nicht verschließen. Er muss Chef sein und auch delegieren können. Der Organisationspsychologe Thomas Dorner sieht deshalb »augenfällige Überschneidungen zwischen den Aufgaben von Führungskräften und Fußballtrainern.« Beide könnten durch die Art ihrer Kommunikation motivierend, aber auch demotivierend auf ihre »Mitarbeiter« wirken, meint Dorner, der für den Oberösterreichischen Fußballverband Seminare im Rahmen der Trainerausbildung hält. »Mich interessiert, wie das Teambuilding funktioniert, ob durch gewollte Interventionen oder als Wildwuchs. Das gilt für Organisationen genauso wie für Fußballteams.«


Familienbetrieb vs. Großkonzern

Mitbestimmt werden diese Prozesse von den Strukturen, und die könnten in der heimischen Liga unterschiedlicher kaum sein: Der Trainingsplatz des SV Mattersburg liegt hinter einer improvisierten VIP-Zone. Der Verein aus der kleinsten Bundesliga-Stadt hat für seine exklusivsten Gäste Partyzelte aufgestellt. Die Stimmung vor dem Beginn der Übungseinheit ist amikal. »Hallo, servas, dEhre«, die Spieler grüßen und geben brav die Hand. 400 Kilometer weiter westlich, bei Red Bull, wird das elektronische Tor nur nach expliziter Berufung auf den Pressesprecher geöffnet. Der österreichische Meister hat sich in Salzburg-Taxham, in Sichtweite zum Stadion Wals-Siezenheim, ein ansehnliches Übungsgelände geschaffen. Dunkles Holz und viel Glas prägen das Klubhaus, in dem sich Büros, Kraftkammern und eine Indoorlaufbahn befinden. Dem Team stehen ein Kleinfeld, ein Kunstrasenplatz und zwei Rasenplätze zur Verfügung. Abgerundet wird das großzügige Angebot durch einen Streetsoccer-Court. Auf diesem werde jedoch nur dann gespielt, wenn der Trainer »lustig drauf« sei, verrät die Security, sichtlich unsicher, ob diese Preisgabe hochsensibler Interna nicht die eigenen Kompetenzen überschreitet. Vereinsfremde dürfen das Training in Taxham nur aus gesicherter Distanz verfolgen. »Weil sie die Spieler nervös machen«, meint die Aufpasserin. Die Assistenztrainer geben noch kürzere Antworten. Schulterzucken und überlegenes Lächeln dominieren.

 

In Mattersburg ist man gesprächiger. Ein Nachwuchsspieler, der wegen einer Muskelverhärtung zum Zuschauen verurteilt ist, freut sich, einen Gesprächspartner gefunden zu haben. Der Trainer sei schon eher ein »Hawerer-Typ«, könne aber auch streng sein, charakterisiert der Verletzte Franz Lederer. Der bleibt während der Trainingseinheit weitgehend ruhig. Wenn er Instruktionen an die Mannschaft zu geben hat, unterbricht er die Übung und ruft alle zu sich. Gesprochen wird Dialekt. Eine große burgenländische Familie. »Die familiäre Atmosphäre ist mir wichtig. Davon leben wir ja. Da hinten ist gleich das Freibad, da kann jeder zuschauen«, sagt Lederer. Für Armin Wiedenegger vom Institut für Unternehmensführung an der Wirtschaftsuniversität Wien ist die Strategie und Unternehmenskultur jedoch nicht in erster Linie Sache des Trainers. »Das ist eine Ebene höher angesiedelt«, sagt der Wissenschaftler, der sich im Rahmen seiner Forschungen mit der strategischen Führung von Fußballvereinen beschäftigt hat. Sein Kollege Alexander Kern ergänzt: »Im Idealfall sucht sich die Vereinsführung einen Trainer aus, der der jeweiligen Strategie entspricht und zur Unternehmenskultur passt.«

 

Der SV Mattersburg hat sich an diese Maxime gehalten. Franz Lederer hat sein ganzes fußballerisches Leben im Burgenland zugebracht. Er ist mittlerweile der längstdienende Trainer der Liga. Huub Stevens trieb es zwischen Deutschland und den Niederlanden hin und her. Mit Schalke 04 gewann er den Europacup, in Salzburg ist er ein weiterer international bekannter Name nach Matthäus, Trapattoni und Adriaanse. Wiedenegger vermutet auch dahinter strategisches Denken: »Wenn ich den Trapattoni hole, bin ich in Italien in den Medien, wenn ich den Stevens hole, in Holland.«

Maßvolle Autorität

Hinter dem Horr-Stadion haben es sich zwei ältere Herren bequem gemacht. Die Zaungäste beobachten das Geschehen am Trainingsplatz der Austria aus dem Augenwinkel, um sich sogleich wieder der ausführlichen Besprechung ihrer gesundheitlichen Beschwerden zuzuwenden. Unter den Austria-Spielern bilden sich vor Trainingsbeginn Gruppen, der Schmäh rennt. Manuel Ortlechner, Julian Baumgartlinger und Manuel Wallner stehen an der Toroutlinie und veranstalten ihren gewohnten Privatbewerb. Der Ball soll flach ins Tor gezirkelt werden. Fehlgeschlagene Versuche erzeugen allgemeine Heiterkeit.

 

Zum Zeitpunkt des offiziellen Trainingsbeginns um 17 Uhr ist die Stimmung noch immer ausgelassen. Die Spieler dreschen die Bälle kreuz und quer über das Feld. Der eine oder andere muss seinen Kopf einziehen, um nicht von den außer Kontrolle geratenen Geschoßen getroffen zu werden. Cheftrainer Karl Daxbacher beobachtet das Durcheinander aus der Ferne und lässt seine Spieler gewähren. »Früher waren die Trainer autoritärer. Sie haben den Spielern weniger Eigenverantwortung überlassen. Die Meinung der Spieler ist weniger akzeptiert worden«, sagt Daxbacher, der möchte, »dass sich die Mannschaft in gewissen Sachen selbst organisiert«.


Erst nach einigen Minuten ruft der Trainer die Mannschaft zu sich. Jetzt ist Schluss mit der Fetzerei. Zügig treten die Spieler im Halbkreis an. Daxbacher hält eine längere Rede und weist die Spieler in das folgende Training ein. Die Mannschaft scheint die Instruktionen verstanden zu haben. Nachfragen gibt es keine. Der Assistent lässt 15 Minuten Aufwärmen, ehe Daxbacher die Mannschaft wieder versammelt. »Ein Team soll zusammenwachsen. Damit meine ich die Beziehungen der Spieler zum Trainer und zu den anderen Betreuern. Das ergibt das Gesamtbild eines Teams und ist Voraussetzung für erfolgreiche Arbeit. Nur so kann das Potenzial des Kaders genutzt werden.« ...

 

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Referenzen:

Heft: 54
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