Fußball ist Leinwand

Der Fußball und der Film begannen als Außenseiter, wurden zum Massenphänomen und knüpften schon früh zarte Bande. Nach Hollywood hat es der Fußballfilm dennoch nicht geschafft. Eine Werkschau dieses Genres von den spärlichen Anfängen bis zum Boom der letzten Jahre.
Stefan Kraft | 11.10.2012

Der Fußballverein Linda ist arm an Mitteln, aber reich an Spielern mit dem Herz am rechten Fleck. Tommy heißt die Seele dieses deutschen Arbeiterklubs, ein Schweißer und Mittelstürmer, der den Haufen auf einem holprigen Rasen trainiert. Am anderen Ende der Stadt trägt der reiche Profiverein International unter dem Trainer Mac Lawrence seine Spiele vor tausenden Zuschauern aus. Mac Lawrence hat es auf Tommy und seine Ballkünste abgesehen und so bringt er die attraktive Vivian ins Spiel, die den Stürmer für International abwerben soll. Angezogen von den weiblichen und kommerziellen Reizen wechselt Tommy zum Rivalen und genießt das luxuriöse Leben eines Fußballprofis. Doch schon bald sieht er ein, dass Vivian ihn getäuscht hat. Beim entscheidenden Spiel um die Meisterschaft entscheidet er sich gegen das große Geld und führt schließlich den SC Linda zum Triumph.


Als 1927 der Stummfilm »Die elf Teufel« ins Kino kam, versammelte er schon viele der Elemente, die einen guten Film über Fußball ausmachen. Er thematisierte die für den Sport so wesentlichen Gegensätze zwischen Arbeiterverein und Großmannssucht, zwischen kollektivem Sporterlebnis und Kommerz und der Regisseur Zoltan Korda bemühte sich in Anbetracht der damaligen technischen Mittel redlich, die Spielszenen so realistisch wie möglich zu gestalten. Im Abspann des Films heißt es dazu: »Das Fußball-Wettspiel wurde von den bedeutendsten Spielern deutscher Sportvereine ausgeführt.« Die Kamera bleibt dabei oft auf Ballhöhe, das Spiel wird in seinen unterschiedlichen Geschwindigkeiten eingefangen, mittels Zeitlupe und Zeitraffer, mittels Fahrten entlang der Outlinie und Nahaufnahmen der Zweikämpfe. Der Fußball, wie der Film ein Kind des 19. und Massenphänomen des 20. Jahrhunderts, hatte seine Entsprechung auf der Leinwand gefunden.

Was ist ein Fußballfilm?
Nach Beispielen für Fußballfilme gefragt, können wahrscheinlich selbst erprobte Filmkritiker und Kinogänger nur wenige Titel nennen. Das hat nicht mit der Anzahl gedrehter Filme zu tun, wie Jan Tilman Schwab in seinem 2006 erschienenen Werk »Fußball im Film. Lexikon des Fußballfilms« beweist. Das Buch umfasst 1.100 Seiten, angefüllt mit Rezensionen und Daten von über 500 Werken zum Thema. Schwabs Filmografie beginnt mit dem ersten Versuch aus dem Jahr 1897, der einmütigen Dokumentation »Football« des französischen Filmpioniers Alexandre Promio, und endet 2003, als der Fußballfilm erst richtig zu boomen beginnen sollte. Dabei erfolgt die Auswahl nach strengen, wenngleich schlüssigen Kriterien. Für Schwab ist ein Film dann ein Fußballfilm, wenn Fußball als »zentrales Thema«, »stringenter Subtext« oder »als Leitmotiv« behandelt wird. Nicht in die Auswahl schafften es daher alle Filme, in denen Fußball zwar prominent platziert ist, aber nicht die Handlung bestimmt. »Trainspotting« (1996) etwa, in dem eine vertauschte Videokassette mit einem Fußballspiel zu einer dramatischen Wende führt, fand daher wie viele andere Filme mit Fußballbezug keinen Eingang in das Lexikon.


»Die Ausstattungsdramaturgie und die Gefühle, die sie weckt: ein glattes Tor.« Über die Gemeinsamkeiten von Fußball und Film schreiben Filmtheoretiker so wie in der taz zum Film »Das Wunder von Bern« oft und ausladend: über den Vergleich von Leinwand und Rasen und die Projektionsfläche, die beide dem Zuschauer bieten würden, bis zum von Schwab zitierten Vergleich, der Zuschauer im Kino würde meist elf Meter vor der Leinwand sitzen. Genauso weisen viele Kritiken von Fußballfilmen gequälte Parallelen und manierierte Wortspiele auf: Der Film komme aus der Tiefe des Raums, der Plot gelange nie in Strafraumnähe, die runde Kamera befördere den Film in das eckige Format. Doch trotz dieser vermeintlichen Gemeinsamkeiten muss ein gelungener Fußballfilm eine schwierige Verbindung zum Gegenstand herstellen. Will er den Sport abbilden, so sollen seine Aufnahmen einen realistischen Spielverlauf wiedergeben, mit allen Unwägbarkeiten und Überraschungen, die ein Fußballspiel zu bieten hat, mit allen Spannungsmomenten und Enttäuschungen. Will er die Leidenschaft zeigen, die den Fußball umgibt, muss er einem kritischen Publikum genügen, das weiß, wie es sich anfühlt, eine Meisterschaft zu feiern und wie es aussieht, wenn auf den Rängen die Verzweiflung herrscht. Studiert der Regisseur das Dasein des Trainers, des Spielers, des Fans, des Hooligans, des Vereins, dann wird er erst dann Erfolg haben, wenn er in der Handlung jene so unterschiedlichen und seltsamen Kräfte walten lässt, die den Fußball bestimmen.

 

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 76, November  2012) Seit 13.10. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 76
Rubrik: Thema
ballesterer # 115

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 20.10.2016.

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