»Fußball ist Zufall«

Candido Cannavò ist das Gesicht zur Gazzetta dello Sport. der langjährige Direktor des meistverbreiteten Sportblattes Europas über die Stärken der Squadra Azzurra und die schnelllebigen Wahrheiten im Fußball.
Martin Schreiner | 13.05.2008
Alles ändert sich täglich. Von diesem Tageszeitungsmotto ist Candido Cannavò beseelt. Auch nach dem Ende seiner 20-jährigen Amtszeit als Direktor der Gazzetta 2002 ist der 77-jährige Sizilianer immer noch ihr strenger, aber fröhlicher Starkolumnist und gleichzeitig so etwas wie die Vaterfigur des Ende März optisch neugeborenen Sportblattes. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man mit Cannavò in seinem noblen Mailänder Büro sitzt und ständig Kollegen freundlich vom Gang hereingrüßen. Gerade als wir mit dem Interview beginnen wollen, signiert er einer jungen Journalistin noch schnell sein aktuelles Buch. Ihre herzliche Verabschiedung hindert ihn nicht daran, sich »volley« ins Interview über die regierende Weltmeistermannschaft zu stürzen.

ballestererfm: Welche Bedeutung hat die Nationalmannschaft für die Italiener?
Candido Cannavò: Das Verhältnis zur Nationalmannschaft ist eine Liebe. Eine Liebe ist nie böse. Du ärgerst dich, und es schmerzt manchmal, aber du bist nicht fanatisch. In den Momenten des Titelgewinns entsteht in Italien eine nationale Einheit, die man sonst nicht registriert. Die Freude über einen Sieg des Nationalteams ist heilig. Man sollte sich auch nicht schämen, sie heute glücklich zu zeigen, und sich denken: Erst Morgen geht das Leben mit all unseren Problemen und Zweifeln weiter. Was wäre unser Leben sonst für ein Mist. Aber missverstehen Sie mich nicht. Leute, die glauben, der Titelgewinn ändere etwas an der Zivilisiertheit des Landes, täuschen sich.
Welche Entwicklung hat das italienische Team seit dem WM-Titel 2006 genommen? Es scheint offensiver ausgerichtet als früher.

Um die Wahrheit zu sagen, sehe ich das nicht so. Die Säule der Mannschaft ist eine geschlossene Abwehr. Wenn Pirlo in Form ist, hat man eine schöne Regie. Dann haben Sie die Läufer wie Gattuso und Zambrotta, und im Angriff den zentralen Bezugspunkt. Um Toni herum können Sie dann zwischen anderen Lösungen wählen. Die Weltmeistermannschaft 2006 hat diesen defensiven Eindruck vermittelt, weil sie fast ausschließlich über die Verteidigung gewonnen hat und sehr kompakt gestanden ist. Sie hat kein großes Spektakel gemacht, uns aber Emotionen geschenkt. Wenn das jetzige Team offensiver spielte, dann vielleicht weil die Partien in der Qualifikation leicht waren. Mir scheint, unter Donadoni herrscht Kontinuität.
Warum wurde der Berufsanfänger Donadoni überhaupt zum Commissario Tecnico bestellt? Waren es nur die guten Resultate bei Livorno?
Es war eine Überraschung für alle. Der hatte keine Titel gewonnen. In diesem Moment war Demetrio Albertini, ein ehemaliger Mannschaftskollege von Donadoni, Vizepräsident des Verbandes. Das war in der Ära von Kommissär Guido Rossi, einem Anwalt und Mann der Wirtschaft, keine Fußballführungskraft. Deswegen vertraute er Albertini sehr. Der sagte »Donadoni«, und »Casiraghi« für das U21-Team. Zwei Namen, die vom Himmel fielen. Im Leben ist Platz für alles. Ich glaube sehr wenig an diese Trainermagier, an die Mourinhos und Sacchis. Vor allem für die Nationalmannschaft. Das sind Schaumschläger. Ein Teamtrainer muss wissen, wie man das führt was von anderen kommt. Er kann wenig wirklich trainieren. Also braucht es einen ausgeglichenen Mann mit Hausverstand und Tugend. Donadoni ist keiner, der nach außen eine große Persönlichkeit zeigt. Aber die Fakten geben ihm recht. Er hat seine Aufgabe erfüllt und seine Qualifikationsgruppe gewonnen. Jetzt schauen wir mal.
Warum hat er zuletzt eine erfolgsbezogene Vertragsverlängerung abgelehnt?

Zuallererst aus einer Überlegung der Würde. Er sagte sich, entweder habt ihr Vertrauen in mich oder nicht. Ich bin kein Akkordarbeiter. Zweitens hofft er auf einen gut dotierten Vertrag mit einem Klub nach der EM. Dort kann er wesentlich mehr verdienen. Auch das ist menschlich.
Trotz einer Serie A in der Krise hat Italien eine starke Nationalmannschaft. Woher kommt diese Immunität?

Italien hat im Allgemeinen eine große Neigung zum Fußball. Darüber hinaus produziert der Süden viele gute Spieler. Diese jungen Spieler sind heute auch körperlich viel stärker als früher. Vor allem, weil sie nicht mehr so klein sind wie ich. Dazu kommt diese südliche Fantasie, die Dinge zu tun.
Welche Teams werden der EM ihren Stempel aufdrücken?
Zurzeit haben wir eine Phase in Europa, in der es keine großen Mannschaften gibt, die über den anderen stehen. Die Europameisterschaft wird von jener Mannschaft gewonnen werden, die dort gesund ankommt und einen Trainer hat, der intuitiv erfasst, welcher Spieler in diesem Moment in Form ist. Er darf nicht Sklave seiner Gewohnheiten sein und muss den Mut haben, diesen Spieler aufzustellen. Außerdem muss er es schaffen, Zerwürfnisse und Gruppenbildungen zwischen den Spielern zu vermeiden.
Die Gruppe C spielt in der Schweiz. Die Italiener haben aber in Baden bei Wien ihr Quartier gebucht. Rechnet ihr also fix mit einem Aufstieg?
Unsere Gruppe ist sehr stark und ausgeglichen. Wenn du nicht eine gute Gesundheit und einen Moment der Gnade hast, löst sich der Spielraum an Überlegenheit in Luft auf, den Italien haben könnte. Das ist wirklich eine verworrene, sehr ausgeglichene Europameisterschaft. Vor dem Start wäre ich nicht in der Lage zu sagen, welche Mannschaft stärker als unsere ist. Wir können aber auch Zehnter werden. Jedenfalls können wir ohne Furcht spielen. Toni ist in Form. Neben ihm würde ich Di Natale spielen lassen. Er ist technisch wirklich gut, schießt Tore und bewegt sich viel.
Die Weltmeistertitel 1982 und 2006 holte sich Italien unmittelbar nachdem Skandale die Fußballnation erschüttert hatten. Spielt das italienische Nationalteam nach dem Konzept »Jetzt erst recht«?
Das ist typisch für die Italiener. Der Titel 1982 war ein Sieg einer eingeschworenen Gruppe und ein magischer Moment. Die ersten drei Partien waren furchtbar. Das Team hatte sogar Probleme, sich zu qualifizieren, und spielte darauf vier wunderbare Partien. Wenn du ein Jahr vor und nach diesen vier Partien schaust, findest du die Leere. Das war ein im richtigen Moment geschaffenes Meisterwerk. Wir hätten damals jeden geschlagen. In Deutschland war das eine ganz andere Sache. In diesem Moment war daheim im Fußball alles ruiniert. Lippi hatte gut mit der Mannschaft gearbeitet. Calciopoli schweißte sie dann noch mehr zusammen. Aber Fußball ist Zufall. Wenn dieser Idiot nicht das Foul im Strafraum macht, wären wir vielleicht schon gegen Australien ausgeschieden.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
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