Fußball, Pop und Demokratie

Fußball und Pop funktionieren nicht nach dem herkömmlichen Muster von Kunstdarbieung und Massenbelustigung. es gibt kein »Friss, Publikum, oder stirb!« Doruk Yurdesin geht der Frage nach, ob die beiden Kulturformen dadurch demokratischer sind als andere. Übersetzung aus dem Englischen: Klaus Federmair
Klaus Federmair | 01.03.2005
Demokratie muss zu Hause beginnen: Das heißt, die ewige und total abscheuliche Mauer zwischen Künstler und Publikum muss fallen. Der Elitismus muss verschwinden, die Stars müssen vermenschlicht und demystifiziert werden, das Publikum muss mit mehr Respekt behandelt werden«, forderte der legendäre Rockkritiker Lester Bangs in den 1970ern, als er feststellte, wie die »wahrhaft demokratische Kunstform Rock n Roll« gegenüber der Gier der Plattenfirmen und einiger Popstars auf dem Karrierehöhepunkt immer mehr das Nachsehen hatte.
Etwa zu gleichen Zeit interpretierte der englische Soziologe Ian Taylor den zunehmenden Hooliganismus im Fußball als Widerstand der Fans gegen die Kommerzialisierung. Diese These konnte das Phänomen Fantum nicht in seiner ganzen Tragweite erfassen, aber Taylor zeigte früh einen wichtigen Faktor auf: Die Kluft zwischen Fans und ihren Helden hatte sich seit den 1960ern zusehends vergrößert, und einige Spieler wurden in diesem Zeitraum zu Popstars, während das Spektakel für den Durchschnittsfan langsam teuer wurde.

 

Globale Anziehungskraft, zweifelhafter Fortschritt

 

Popmusik und Fußball haben mehr gemein als nur die Berührungspunkte bei den Chants in den Stadien. Als meistausgebeutete und globale Formen der Populärkultur reproduzieren sie in besonderem Maß Ungleichheiten und Hierarchien in fast jeder Gesellschaft und in sich selbst. Diejenigen, die Produktionsmittel kontrollieren, nützen alle Möglichkeiten des Marktes und der verfügbaren Technologien, um ihre Interessen zu verfolgen. Während die Produkte der Popmusik  immer gleichförmiger und langweiliger werden, verschwindet im Fußball die Idee eines Wettkampfs mit gleichen Mitteln die Wettbewerbe sind, um mit Michel Platini zu sprechen, zum »geschlossenen Zirkel der G14« geworden.
Beide Kulturformen haben den unmittelbaren Effekt, Massenemotionen hervorzurufen und sofort in Aktionen umzuwandeln. Diese Effektivität, die unterfüttert wird mit synthetischen Effekten und aufgebauten glamourösen Stars, um garantiert die Bedürfnisse des Publikums zu erfüllen, scheinen einen unendlichen Markt zu produzieren: Eine passive Masse nimmt alles an, was ihr hingeworfen wird. Die Akteure werden von der Medien- und Werbemaschinerie manipuliert und zurechtgebogen. Rassische, sexuelle und ökonomische Ungleichheiten werden vertieft, während das Publikum die Kultur nicht mehr mitproduziert und jeden Sinn für Mitbestimmung verliert. Wie sollen solche hierarchischen Industrien demokratisch sein?
Außer dem globalisierten Konsum gibt es noch etwas, das Fußball und Popmusik von anderen Formen der Massenkultur unterscheidet: die riesige Zahl der Menschen, die emotional davon betroffen sind. Dazu gehören die flächendeckende Verbreitung von Fußball und Popmusik auf Hobbyebene, als soziale Zusammenkünfte, abseits aller Vermarktung. Pop hat seine Wurzeln in den lokalen Folktraditionen, sowie in der Rhythmik der afrikanischen Einwanderer (Jazz, Soul, Rock n Roll) und wendet sich schon deshalb mit seiner eigenen, alternativen Ästhetik gegen die elitäre Hochkultur. Damit hat sie das Potenzial praktisch alle anzusprechen. Fußball wiederum ist der Sport, den man fast ohne Ausrüstung, Regelkenntnisse oder körperliche Voraussetzungen ausüben kann. Alle können überall und immer Fußball spielen.

 

Egalitäre Ethik

 

Diese beiden Formen der Massenkultur stellen hierarchische Unterscheidungen in Frage, Wissenschafter sprechen von einer »egalitären Ethik«. Sie haben aber auch etwas »karnevaleskes«, die Fankultur entwirft eine neue, rebellische Schönheit, die die konventionelle Ästhetik verwirft: Es entsteht »die Schönheit des Vulgären«, wie sich der russische Philosoph Bachtin ausdrückte.
Im Hinblick auf die Massenemotionen und die daraus entstehenden (Sieges-) Feiern behauptet der britische Theoretiker Adam Brown: »Durch das Feiern, die Freude und die involvierten Massen, sowie die zentrale Bedeutung von geteiltem, kollektivem Glück wohnt dem  Fußball und der Popmusik eine Demokratie geradezu inne.« Und dennoch: Trotz dieses kulturellen Bruchs mit dem Elitismus bringt die Fußball- wie die Popindustrie mit ihren Machtzentralen und Superstars ökonomische Eliten hervor, die in Konflikt mit den Massen stehen, ohne die sie gar nicht existieren könnten. John Lennon wollte sich damit nicht zufrieden geben. »Die Musik gehört jedem«, behauptete er. »Nur die Verlage glauben, dass sie bestimmten Personen gehört.«
Für die Mächtigen der Musikindustrie geht die größte Gefahr von Raves und vom Internet-Filesharing aus, weil durch sie die Art des Konsums und der Produktion beeinflusst wird. Raves werden wegen ihres illegalen Charakters oft durch Mundpropaganda angekündigt, und die DJs verwenden häufig 12-Inch-Stücke, die an den Plattenfrmen vorbeiproduziert werden. Es handelt sich um eine Demokratisierung der Musik, wobei die Endverbraucher ihre Musik unabhängig von der Industrie bestimmen. Das Filesharing kann je nach Perspektive als Demokratisierung des Musikvertriebs oder schlicht als Diebstahl gesehen werden.
Im Fußball stellen von unten organisierte Projekte das Establishment in Frage. So etwa die Football Supporters Federation in England, Eurosupport in den Niederlanden, Progetto Ultrà in Italien, die Fanprojekte und das Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) in Deutschland. Sie koordinieren sich in Fragen, die sie gemeinsam betreffen, im Kampf gegen Kommerzialisierung, Polzeiübergriffe, die Übermacht des Fernsehens und Rassismus.

 

Demokratie am Ende?

 

Dieser demokratische Widerstand kommt nicht von ungefähr. Er hat seinen Ursprung darin, dass einige in der Industrie so viel verdienen, wie man in zehn Leben nicht ausgeben kann, während sich viele andere die Teilnahme am Spektakel kaum oder gar nicht mehr leisten können. Fragen tauchen wie von selbst auf: Müssen die Stars wirklich so viel verdienen? Wie stark müssen die bereits übermächtigen Teams noch werden? Werden sich die Großklubs völlig von ihrem soziokulturellen Umfeld lösen, oder gibt es Raum für eine Art von Grundkonsens mit den Anhängern? Die Antworten liegen nicht auf der Hand, wir werden sie wohl am eigenen Leib erfahren müssen.  
Möglicherweise werden alle Regulierungsversuche wie Gehaltsobergrenzen oder ein vorgeschriebenes Minimum an Eigenbauspielern in Zukunft daran scheitern, dass die Großklubs mit einer Euroliga drohen. Georgina Turner vom englischen »Guardian« analysiert die Sache dennoch gelassen: »Die großen Klubs sollen nur davonrennen. Es wäre interessant zu sehen, wie viele Fans sich zu einem Mittelständlerduell zwischen Manchester United und Olympique Lyon an einem kalten Novemberabend ins Stadion verirren.«
Und was die Musik betrifft, werden die Jugendlichen immer die Songs austauschen, die ihnen am Herzen liegen, ohne dass der Markt viel dagegen tun kann. Die meisten Popstars haben den Kontakt zu den gewöhnlichen Menschen ohnehin verloren, und die Verkaufzahlen vermögen über die Qualität kaum noch etwas auszusagen. Bei all den fast identischen seelenlosen Sounds, die durch die Industrie geistern, würde es kaum jemandem auffallen, wenn sie über Nacht alle verschwinden würden. Gute Musik findet ihre Zuhörer sowieso. Wie schon Stevie Wonder gesungen hat: »Musik ist eine Welt für sich, mit einer Sprache, die wir alle vestehen, mit gleichen Möglichkeiten für alle, mitzusingen, mitzuklatschen, mitzutanzen.« Genauso ist es mit dem Fußball.

Referenzen:

Heft: 16
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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