Gemeinsam schlagen

Bei der Europameisterschaft werden auch deutsche Polizisten in Österreich und der Schweiz im Einsatz sein. Eine äußerst bedenkliche Entwicklung.
Stefan Kraft | 13.05.2008
Polizei muss in EM-Form sein« titelte die in solchen Fragen wenig zimperliche Neue Zürcher Zeitung. Gemeint waren die Einsätze am 1. Mai in Zürich, bei denen die Schweizer Beamten traditionell nicht nur die Innenstadt mit Tränengas einnebeln, sondern auch zum Gummischrotgewehr greifen. Wenig Grund also, an der »nötigen Härte« der Polizisten zu zweifeln. Doch die fanatisierte Presse der Schweiz fürchtete sich offenbar vor der schlechten Presse im Ausland: »Gelingt die Hauptprobe, steigt die Polizei gestärkt in die EM. Wird man aber der Chaoten und der Mitläufer wiederum nicht Herr, wird das diesmal europaweit wahrgenommen.« Was zu folgendem Ergebnis führen könnte: »An der EM stehen in Zürich auch deutsche Polizisten im Einsatz, Spezialisten im Umgang mit Hooligans und für ein konsequentes Einschreiten bekannt. Es wäre gut, wenn nach dem 1. Mai die Hoffnungen nicht allein in diese Söldnertruppe gesetzt werden müssten. Die einheimische Polizei hat die Chance, Europa zu zeigen, dass sie es auch selber kann.«

Auslandseinsatz

Für den Redakteur der NZZ kündigt sich im Einsatz der deutschen Polizisten bei der Europameisterschaft offenbar eine Art Vergleichskampf an. Die »außer Rand und Band geratenen und meistens betrunkenen Fussball-Hooligans« sollten möglichst von den Einheimischen gezüchtigt werden. Ganz anders lauten die Pläne der Schweizer Polizeikommandanten: Sie wollen die Deutschen mit »Schlagstöcken durchgreifen« sehen, während die Schweizer Beamten für »Streife gehen« und »Gespräche führen« zuständig sein sollen, so der Präsident der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten, Beat Hensler.

Auslöser dieser bizarren Wortmeldungen ist der Auslandseinsatz von 1.700 deutschen Polizisten, die jeweils in einer Truppenstärke von 850 Mann in Österreich und in der Schweiz stationiert sein werden. Polizisten, die im Umgang mit Fußballfans oft eine wesentlich härtere Vorgehensweise wählen als etwa österreichische Einsatzkräfte. Zwar stehen sie unter dem Kommando der österreichischen und Schweizer Polizei, sind aber naturgemäß nur mit der Rechtslage in der Heimat vertraut. Die erlaubt ihnen zum Beispiel im Fall der deutschen »Präventivhaft«, einen »amtsbekannten Fan« aus der Menge zu greifen und festzunehmen.

Schlechter Ruf

Neben den verschärften Gesetzen sorgt die erhöhte Handlungsbereitschaft der deutschen Polizei in vielen Stadien des Nachbarlands für Unmut. Schlagstöcke und Pfefferspray kommen dort regelmäßig zur Anwendung, ob in Köln, Frankfurt oder Ahlen. Dass man sich trotzdem die schlagfertigen Beamten ins Land holt, hat sehr wahrscheinlich mit höheren politischen Motiven zu tun und weniger mit der Angst vor den deutschen Fans. Eine intensive Zusammenarbeit der europäischen Polizeieinheiten bedeutet auch ein engeres Netzwerk, Datenaustausch und die Entwicklung einer gemeinsamen Strategie. Die EM 2008 stellt dafür nur ein gemeinsames Übungsterrain dar und es ist zu befürchten, dass die österreichische Exekutive ihren deutschen und Schweizer Kollegen nacheifert.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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