Gott ist klein

KULT Fanklubs gibt es viele. Doch nur in Argentinien werden Kirchen daraus. Ein Bericht über die »Iglesia Maradoniana« und das Glaubensbekenntnis der Diego-Jünger.
Mario Sonnberger | 14.05.2008
Glaubt man den Gerüchten, so tragen sowohl Ronaldinho als auch Michael Owen »Diego« als zweiten Vornamen. So verlangt es das neunte Gebot der Iglesia Maradoniana, der Kirche des Maradona. Kolportierte 20.000 Mitglieder, vornehmlich über das Internet rekrutiert, hat die Gemeinschaft bereits, unter ihnen auch die erwähnten Herren. Verlässlicheren Zahlen zu Folge dürften es immerhin rund 200 Aficionados sein, die dem Kult um die Nummer 10 spirituellen Glanz verleihen.
Begonnen hat alles 1998. Am 30. Oktober, Maradona feierte an diesem Tag seinen 38. Geburtstag, erhielt der Sportjournalist Alejandro Verón einen Anruf von seinem Kollegen Hernán Amez, der ihm »Frohe Weihnachten!« wünschte. Verón verstand. Noch am selben Abend ersann man Gebete und feierte, was später integraler Bestandteil des maradonianischen Kirchenjahres werden sollte: die Geburt des Idols. Mit jedem vollendeten Lebensjahr des Meisters bricht ein neues in der diegozentrischen Zeitrechnung an. Ein weiterer Fixpunkt im Kalender ist der 22. Juni, jener Tag im Jahre 1986 oder 25 nach Diego , als der kickende Heiland in einem seiner denkwürdigsten Momente die englische Verteidigung zu Statisten degradierte und die Hand Gottes ausfuhr.
Der Gott am Telefon

Ziel der Iglesia Maradoniana sei es, so Verón, Maradona noch zu Lebzeiten zu ehren und seine Wunder zu verkünden. Eine Idee, die in Argentinien auf fruchtbaren Boden fällt. Anfangs noch eine lose Gemeinschaft, erfuhren die Kirchenväter in ihrer Heimatstadt Rosario bald so viel Zustimmung, dass man sich 2001 dafür entschied, der Religion einen Namen zu geben. Die Kirche des Maradona war aus der Taufe gehoben.
Wie jede Glaubensgemeinschaft besitzt sie eigene Riten, Symbole und Reliquien. Richtungsweisend für jeden Maradonianer: die Zehn Gebote nach Diego. »Liebe den Fußball über alles andere« und »Verkünde Diegos Wunder auf der ganzen Welt« zählen hierzu ebenso, wie der eher unorthodoxe Aufruf »Sei kein Dickkopf und lass die Schildkröte nicht entkommen«. Als Bibel gilt die im Jahr 2000 erschienene Autobiografie Maradonas »Ich bin der Diego des Volkes«, aus der bei den Zusammenkünften der Gemeinschaft regelmäßig vorgelesen wird. Diese fanden anfänglich in Rosario statt, übersiedelten aber später nach Buenos Aires, wo 2004 knapp 400 Fans und Gläubige Zeugen wurden, wie der Unsterbliche selbst zu ihnen sprach. Maradona meldete sich, gerade erst knapp dem Tod entronnen, telefonisch aus Kuba zu Wort.
Herzensangelegenheiten    

Das Idol selbst steht der biblischen Verehrung durchaus aufgeschlossen gegenüber. Ein Glaubensbrüder, der ihm via Radio ein Ständchen widmete, bekam eine Einladung zu Maradonas 40. Geburtstag. Auch mit den Mitgliedern der Kirche hat er sich schon mehrmals getroffen und nennt deren Ideen originell, in der Hoffnung, dass niemand die zur Schau gestellte Religiosität falsch versteht.
Die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft seien fast alle katholisch, versichert Verón. Es gebe neben Christus, dem Gott der Vernunft, bloß noch einen anderen, jenen des Herzens, Diego Maradona. Dementsprechend heilig ist dem Journalisten daher seine wichtigste Devotionalie: ein signiertes T-Shirt mit der Aufschrift »D10S«, eine Mischung des Wortes für Gott und der Rückennummer desselben. Eines, wie es auch Ronaldinho besitzt.                

Referenzen:

Heft: 25
ballesterer # 120

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