Statischer Libero, aktiver Nachtschwärmer
Intelligenz, Visionen und Humor beweist Happel schon als Spieler. Geboren am 29. November 1925 als Sohn zweier Wirtsleute, wächst er bei der Großmutter in Wien-Breitensee auf und debütiert als 17-Jähriger am 13. Dezember 1942 inmitten der Kriegswirren in der Kampfmannschaft des SK Rapid. Nach dem Zweiten Weltkrieg, der für Happel mit einem Aufenthalt in einem Gefangenenlager in Deutschland endet, kristallisiert sich langsam jene Rapid-Elf heraus, die später auch international von sich reden machen wird. Mit Walter Zeman, Leopold Gernhardt und den Brüder Robert und Alfred Körner wird Stopper Ernst Happel 1946 und 1948 Meister und holt 1951 neben dem Titel auch den Zentropacup nach Hütteldorf. Chef auf dem Platz war Happel schon damals. Nach einer Südamerika-Tournee modernisiert er das 2-3-5-System Rapids und gibt fortan einen »statischen« Libero.
Auf und neben dem grünen Rasen bildet er mit Torhüter Zeman ein kongeniales Duo, das sich auch den Ausschweifungen des Lebens hingibt. »Nach Mitternacht trinkt der Tiger nur Champagner!«, lautete Zemans Motto. Auch Happel war dem Alkohol nicht abgeneigt, galt schon als Spieler als großer Zocker das Bummerl um einen Tausender war durchaus keine Seltenheit und hatte den Ruf eines Frauenhelden. Der Journalist Karl Koban dazu in Johann Skoceks Buch »Sportgrößen der Nation«: »De san ihm ja nachgrennt. Net nur, weil er großzügig war. Er hat schon a Gspür ghabt, wie man a Frau behandelt.« Ein Frauenschwarm bleibt Happel auch nach der Heirat mit Elfriede Kogler 1952. Koban: »Er war absolut kein treuer Mensch.« Ab den 70er Jahren leben die beiden getrennt, zu einer Scheidung lässt es Elfriede Happel aber nicht kommen. Aber auch sonst ist Happel nicht unbedingt ein braver Bürger: Während der Südamerika-Tourneen bessert er sich die Prämien mit Schmuggeln auf, als Trainer in den Niederlanden landet er nach einem Autounfall in volltrunkenem Zustand in einem Straflager für Verkehrssünder. Und auch in Österreich gerät er mit dem Gesetz in Konflikt: Ein Ausflug in den Wienerwald mündet 1964 in einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf Happel einen Mann bewusstlos schlägt. Happel wird vorübergehend festgenommen und kommt wohl nur deshalb ungeschoren davon, weil sein Kontrahent als psychisch auffällig gilt und sich nach dem Zwischenfall auch noch mit Polizisten prügelt.
Drei Tore gegen Real Madrid
Der sportliche Erfolg leidet nie unter Happels Eskapaden. Nach der Saison 1950/51 will Real Madrid den 25-Jährigen verpflichten, doch der Deal platzt wegen eines ÖFB-Statuts, das einen Auslandstransfer vor dem 28. Lebensjahr verbietet. »Aschyl«, wie Happel seit einem Istanbul-Gastspiel Rapids wegen seiner Ähnlichkeit zu einem türkischen Filmzauberer genannt wird, bleibt bis zur WM 1954 in Österreich. Nach der bitteren Halbfinalniederlage gegen Deutschland und Gerüchten über eine Schiebung (siehe Seite 24) »flüchtet« er nach Paris. Bei Racing findet er »super Individualisten, aber keine Mannschaft«, und ist enttäuscht vom »neutralen Publikum«. Trotz oder gerade wegen Treffen mit Filmstars wie Gina Lollobrigida resümiert der Bonvivant in Heinz Prüllers Biografie: »Paris ist keine Stadt für Fußballer, weil du so viele Möglichkeiten hast. Und wenn du im Ausland bist, willst du das natürlich auch kennenlernen.«
Nach zwei Saisonen kehrt Happel wieder zurück zu Rapid und spielt im Herbst 1956 seine legendärste Partie. Im Meistercup-Duell mit Real Madrid erzielt der Verteidiger nach einem 2:4 in Spanien beim Rückspiel in Wien drei Tore und trifft einmal die Stange. Erst kurz vor Schluss gelingt Alfredo di Stefano das 1:3 für Real, was ein Wiederholungsspiel nötig macht. Real drängt bei der UEFA darauf, das dritte Match zuhause im Bernabeu auszutragen. Rapid verkauft das Heimrecht in einer Nacht- und Nebelaktion laut Prüller für 60 Prozent der Zuschauereinnahmen.
In dieser Zeit kreuzen sich erstmals auch die Wege von Josef Huber mit jenen von Ernst Happel. Der junge Kurier-Journalist trifft den Starverteidiger regelmäßig im Gasthaus Jäger in der Westbahnstraße. »Das war ein Rapid-Lokal und der Kurier ist halt auch hingegangen. Ich bin ganz gut ausgekommen mit ihm«, erzählt der spätere Sportchef der Zeitung. »Er hat mir erzählt, dass das dritte Match gegen Real verkauft war, aber es war klar, dass ich das damals nicht schreiben konnte.« Huber stand Happel durchaus nahe, als freundschaftlich würde er das Verhältnis jedoch nicht bezeichnen: »Happel war mit keinem Journalisten gut Freund. Distanz war sein Zauberwort zu Spielern, Funktionären und erst recht zu den Figuren oder Ministranten, wie er die Reporter immer genannt hat.« Das Schlüsselerlebnis für die Abneigung Happels gegenüber der Presse sieht Huber in der WM 1954 mit den schweren Anschuldigungen nach dem 1:6 gegen Deutschland. Happel zahlt den Medien diese Untergriffe später mit einsilbigen Auftritten und spürbarer Abneigung zurück.
Im Nationalteam bringt es der Abwehrchef auf insgesamt 51 Spiele und 1958 zu einer weiteren WM-Teilnahme in Schweden. Die österreichische Mannschaft befindet sich da allerdings gerade im Umbruch, und mit Teamchef Pepi Argauer hat Happel so seine Probleme. Einmal seilt er sich mit Bettlaken aus dem WM-Quartier in Uddevalla ab. Als er von seinem nächtlichen Ausflug zurückkommt, wartet Argauer im Zimmer und schnauzt ihn an: »Wenn du einmal Trainer wirst, dann wünsch ich dir von ganzem Herzen einen solchen Raubersbua, wie du einer bist.« Ein Satz, den Happel als Trainer auch an seine Problemkinder weitergeben wird.
Sein letztes Spiel für Rapid bestreitet Happel am 11. April 1959. Danach wird er Sektionsleiter, vergleichbar mit dem heutigen Amt des Sportdirektors. Mit seinem Freund und Rapid-Trainer Robert Körner erreicht er 1961 das Semifinale des Meistercups, Endstation ist erst gegen Benfica.
Mentalflak und die Gnade des Grants
So groß Happels Liebe zu Wien auch ist, für seine Ambitionen scheint Österreich zu klein. Er geht ins Ausland, und das Gesellenstück als Trainer gelingt: Innerhalb von fünf Jahren macht Happel aus dem Aufsteiger ADO Den Haag einen Cupsieger und einen fixen Bestandteil der höchsten niederländischen Spielklasse. Bei einem der ersten Trainings in Den Haag soll sich auch folgende Geschichte abgespielt haben: Es regnet in Strömen, und die Spieler haben keine Lust, Fußball zu spielen. Happel lässt eine Bierdose aufs Lattenkreuz stellen, schießt sie mit einem präzisen Schuss vom Sechzehner herunter und sagt den Spielern, dass jeder, der es ihm gleichtut, nach Hause fahren darf. Nach zahllosen vergeblichen Versuchen nimmt schließlich der gesamte Kader am Training teil. Eine ähnliche Geschichte wird freilich auch vom Trainingsantritt in Hamburg erzählt, und vielleicht hat sie sich ganz anders zugetragen. Auf alle Fälle wäre sie Happel zuzutrauen und hätte zu seinem Stil gepasst.
Happels mürrisches Auftreten wird mit der Zeit zum Markenzeichen. Johann Skocek schreibt dazu in seinem Buch: »Happel hatte die Gnade des Grants. Er war nicht anfallsweise grantig. Sein Grant kam von tief drinnen und diente wie jede wahre Tugend der Wahrung der persönlichen Würde.« Daneben war Happel zeit seines Lebens ein Narziss selbstbewusst, stur und von der Richtigkeit seiner Handlungen stets überzeugt und ein großer Sprücheklopfer, wobei legendäre Meldungen wie »Hau di in Koks« seinem klassisch wienerischen Naturell entsprangen.
Den Spielern war Ernst Happel kein Kumpel oder Freund. Er führte ein strenges Regiment und erwartete, dass seine Vorstellungen umgesetzt wurden. Davon weiß auch Willem van Hanegem zu berichten, dessen Wege sich mit Happel auf der nächsten Station bei Feyenoord Rotterdam kreuzten. »Wenn Happel sagte, der Bus fährt um Sieben, dann ist der Bus um Sieben gefahren. Der Manager kam nach einem Match eine Minute zu spät, und er hat den armen Mann wirklich laufen lassen. Happel hat den Bus nicht angehalten«, erinnert sich der 52-fache niederländische Internationale.
Wie aber verständigte sich Happel mit den Spielern in den Niederlanden? Einen Dolmetscher gab es laut Van Hanegem im Rotterdamer Alltagsbetrieb nicht: »Happel kommunizierte mit uns in einer Mischung aus schlechtem Niederländisch und Deutsch. Er kannte schon einige Wörter von seiner Zeit in Den Haag.« Happel nannte die Strafraumgrenze »Parkline« (baklijn), aus Freistoß wurde der »freie Trab« (vrije trap). Josef Huber bestätigt: »Die paar Brocken in der jeweiligen Landessprache hat er kombiniert mit seinen Wortkreationen wie Mentalflak oder Kondizi.« Gemeint hat er damit die Einstellung und die Kondition der Spieler. Wie lang seine Kicker gebraucht haben, bis sie diese Sprache verstanden, bleibt ein Rätsel. Fest steht jedenfalls, dass auch beim HSV gewisse Sprachbarrieren vorhanden waren. Josef Huber: »Ein Spieler hat nach Happels Ausführungen gesagt: Was hat er denn gemeint? Ich verstehe Österreichisch so schlecht. Darauf Franz Beckenbauer: Das war nicht Österreichisch. Das war Happel.« Lange Spielerbesprechungen habe der Erfolgstrainer aber ohnehin nicht benötigt, meint der ehemalige Kurier-Journalist: »Das war alles kürzest und knappest. Es war auch nicht mehr notwendig. Wenn der Happel etwas aufgezeichnet hat auf der Tafel, dann war es wurscht, in welcher Sprache er geredet hat. Da hätte er auch chinesisch reden können!«
»Es gibt nur einen Happel-Stil«
Nach einem weniger erfolgreichen Spanien-Intermezzo bei Betis Sevilla unterschreibt Happel 1975 beim FC Brügge, den er von 1976 bis 78 zu drei Meistertiteln en suite führt. Im Meistercup werfen die Belgier Teams wie Roma, Milan, Juventus und sogar Real Madrid aus dem Bewerb und scheitern sowohl 1976 als auch 1978 erst im Finale am FC Liverpool. Mit dabei ist Edi Krieger, den Happel für zwei Millionen Schilling von der Austria holt. Krieger, heute Kellner in einem Simmeringer Beisl, spricht von seinem ehemaligen Mentor nur in höchsten Tönen: »Er hat mir sehr geholfen in meiner Anfangszeit in Belgien. Die meisten Leute haben gesagt: Das ist ein Griesgram. Aber ich habe ihn eigentlich nur als einmaligen Menschen kennengelernt.« Nach den Qualitäten des Trainers Happel gefragt, meint Krieger: »Er war ein Phänomen, das kann man schwer beschreiben. Ich habe viele Trainer gehabt, einen Ocwirk, einen Stotz bei denen hat die Spielerbesprechung zwei Stunden gedauert, da sind die Spieler eingeschlafen. Beim Happel war nach fünf Minuten alles klar. Wir haben das auf dem Trainingsplatz umgesetzt.« War er härter als andere Trainer? »Ja, er war viel härter, aber konsequent.« Auf der Bank, während des Matches sei Happel die Ruhe in Person gewesen, sagt Krieger: »Wenn ihm etwas aufgefallen ist, hat er gepfiffen. Aufspringen, das hat es überhaupt nicht gegeben. Auch den Schiedsrichter hat er nie kritisiert. Das hat erst in Innsbruck angefangen. Da hat er sich an die Gegebenheiten in Österreich angepasst.«
An eine Anekdote erinnert sich Krieger noch heute lebhaft: »Ich war mit meinem besten Freund bei Brügge, Tormann Jensen, nach Mitternacht in einer Bar unterwegs. Auf einmal geht die Tür auf und drei Frauen kommen rein eine davon die Freundin vom Happel. Ich sag zum Jensen: Bumm, des is net guat, da Trainer ist bestimmt a glei do. Wir haben uns zwar versteckt, aber die Freundin hat uns verraten. Nach einer Weile kommt die Serviererin und bringt uns ein Mineralwasser. Sag ich: Wir haben das nicht bestellt. Darauf sie: Das kommt vom Trainer.« Jensen sei dann gegangen, erzählt Krieger: »Und ich bin mit dem Trainer bis fünf Uhr früh gesessen. Normal waren harte Getränke bei ihm verboten, aber er hat mich auf einen Cognac eingeladen und dabei ist es dann nicht geblieben. Das war an einem Montag. Wir haben normalerweise am Dienstag nie Kondition trainiert am Vormittag schon gar nicht. Wir kommen also zum Training, der Happel packt Bleiwesten, Medizinbälle und macht eine Kondi-Einheit. Und jedes Mal, wenn ich an ihm vorbei gerannt bin, hat er gesagt: Wos is? Host Cognac in de Fiass?«
Laut Edi Krieger behandelten die Leute in Brügge Happel wie »Gott in Frankreich«. Das war nicht nur den Erfolgen, sondern auch dem attraktiven Spielstil geschuldet, den der Wiener Fußballlehrer allen seinen Mannschaften einimpfte. »Es gibt nur einen Happel-Stil«, beliebte der Meister mit den dicken Augenbrauen zu sagen, und der basierte auf »Pressing«. Für Happel galt: »Wenn wir den Ball haben, hat ihn der Gegner nicht.« Seine »Spielers« hielt er deshalb an, die gegnerische Mannschaft schon in der eigenen Hälfte unter Druck zu setzen, was ein hohes Maß an Fitness voraussetzte. Um diese zu erreichen, ließ er seine Schützlinge mitunter auch im Hochsommer in Wintertrainingsanzügen schwitzen eine Methode, die schon damals nicht unumstritten war. Ein weiteres Merkmal von Happels Taktik war die Abseitsfalle, durch die er den Raum für den Gegner ebenfalls einengte und diesen unter Druck setzte. Hinzu kamen individuelle Fähigkeiten wie sein einmaliges Auge für das Spiel und die Bereitschaft, auf neue Situationen während des Spiels sofort zu reagieren. Josef Huber fasst das so zusammen: »Man kann sagen, er hatte den totalen Blick. Happel hat während eines Spiels mehr gesehen als jeder andere und alles im Geiste fotografiert. Für eine Partie hat er zumindest zwei taktische Varianten gehabt und sofort umgestellt, wenn ihm etwas aufgefallen ist.«
Noch während seines Trainerjobs in Brügge übernimmt Happel zusätzlich das niederländische Nationalteam und führt es mit zwei Siegen über Belgien zur WM-Endrunde 1978 nach Argentinien. Beim Finalturnier läuft es zunächst nicht nach Plan, nach einer mühevollen Vorrunde dringen die »Oranjes« unter anderem durch einen 5:1-Erfolg über Österreich aber bis ins Finale vor, das sie gegen die Gastgeber mit 1:3 nach Verlängerung verlieren. Rensenbrink trifft in der Nachspielzeit nur die Stange anstatt des leeren Tores, Happel weint dem Titel aber nicht nach. »Ich hatte nie das Gefühl, dass ich dieses Finale gewinnen kann«, sagte er mit Blick auf einige zweifelhafte Entscheidungen zugunsten der Argentinier. »Wenn Rensenbrink getroffen hätte, hätte der Schiedsrichter zehn Minuten nachspielen lassen und irgendeinen Elfer gegen uns gegeben.«
Ausmisten in Tirol
Nach den Stationen KRC Harelbeke, Standard Lüttich und Hamburger SV, mit dem Happel 1983 erneut den Pokal der Landesmeister holt (siehe Seite 26), kehrt er 1989 nach Österreich zurück. Happel weiß von seiner Krebserkrankung und will wieder zu seinen Ursprüngen zurück, sucht die Nähe zu seinem Sohn und den Enkelkindern. Wien wird es allerdings nicht, trotz seiner Freundschaft zu Joschi Walter. Der Austria-Präsident kann mit dem Angebot von Swarovski Tirol-Mäzen Gernot Langes nicht mithalten, und so landet der »Wödmasta« in Innsbruck. Langes zahlt ihm laut eigenen Angaben 2,1 Millionen Schilling pro Jahr, Zeitungen kolportieren mehr als das Dreifache.
Das erste Jahr dient Happel als Test. Die Spieler müssen bereit sein, seinen Weg mitzugehen. Nachdem der FC Tirol haarscharf am mittleren Play-off vorbeirasselt, mistet Happel aus. 13 Spieler müssen gehen, darunter auch einige Arrivierte, die zwei Jahre zuvor noch im UEFA-Cup-Halbfinale gestanden waren. Andere, wie Robert Wazinger und Alfred Hörtnagl erhalten ihre Chance. Wazinger, der vom Drittligisten Wattens kommt, über sein erstes Trainingslager unter Happel: »Wir haben dreimal täglich trainiert. Um halb sieben aufstehen und gleich rauf auf den Berg. Da hab ich mich schon gefragt, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hab.« Die Kraft- und Ausdauerschinderei viel davon mit dem Ball macht sich aber bezahlt: »Wir haben sehr viele Spiele in den letzten 20 Minuten entschieden.«
Der heutige Rapid-Sportdirektor Hörtnagl schlägt in dieselbe Kerbe: »Ich kann nur aus der Sicht der jungen Spieler sprechen. Und da hat er so gehandelt, wie es viele nicht machen. Er ist den schwierigen Weg gegangen und hat den Jungen, die Talent und Biss hatten, eine Glasglocke drübergestellt. Stattdessen ist er immer wieder auf die Führungsspieler losgegangen, damit die ans Leistungslimit gehen.« Für ihn habe es nur eines gegeben, so Hörtnagl, »mich da durchzubeißen, den Durchbruch zu schaffen. Den Blick für Spieler hatte er, und Spieler wie ich hatten ein gutes Leben unter ihm.«
Allerdings gab es auch die Kehrseite der Medaille. Manch ein Swarovski-Kicker verglich die Zeit unter Happel mit einem Terrorregime, bei dem man nie wusste, woran man war. Von der Hand weisen will das auch Wazinger nicht: »Mit Pipo Gorosito und Hansi Müller hat es immer wieder Schwierigkeiten gegeben. Gorosito hatte die Chance, ins argentinische Nationalteam zu kommen, aber der Happel hat ihn auf die Tribüne gesetzt, als er beobachtet werden sollte. Der hat dann natürlich ziemlich düster dreingeschaut.«
Doch der Erfolg gibt Happel auch in Innsbruck recht. Die Massen füllen das Tivoli und bejubeln das Double 1989 und den Titel in der folgenden Saison. Die Lücke zur internationalen Spitze bleibt freilich riesig. Im Madrider Bernabeu-Stadion gehen die Tiroler gegen Real mit 1:9 unter eine der bittersten Niederlagen in Happels Trainerkarriere. Happel selbst ist indes immer stärker gezeichnet vom Lungenkrebs, den er schließlich auch öffentlich eingesteht. »Als die Chemotherapie losging, war es nicht mehr zu übersehen. Er war dann körperlich nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte und hatte nicht mehr die gleiche Präsenz«, sagt Hörtnagl.
Mit letzter Kraft für Österreich
Im Dezember 1991 wechselt Happel auf den Teamchefposten. Es ist für ihn die Möglichkeit, weiterhin mit dem Fußball in Kontakt zu bleiben, die tägliche Arbeit als Klubtrainer ist nicht mehr möglich. Gleichzeitig kann er zurück nach Wien und erfüllt ÖFB-Präsident Beppo Mauhart (»So viel ein Präsident von Fußball verstehen muss, so viel versteht er!«) einen lange gehegten Herzenswunsch.
Die Öffentlichkeit setzt große Hoffnungen in Happels Engagement, ein gewisser frischer Wind ist zu spüren. Der 66-Jährige verhilft Spielern wie Thomas Flögel und Didi Kühbauer zu Länderspieldebüts. Die Reporter liegen ihm auch nach Niederlagen zu Füßen, einige rauchen sogar Belga-Zigaretten während seiner Pressekonferenzen. Doch der Altmeister ist bereits zu schwach, um weitere Bäume auszureißen. Bundeskanzler Franz Vranitzky, einer der wenigen Politiker, die Happel sehr schätzt, sagt später: »Happel hat dem österreichischen Fußball neue Kraft gegeben, als er selber schon fast keine mehr hatte.«
Happel zeigt noch einmal seine Härte, dieses Mal gegen sich selbst. Er verschiebt Therapien wegen der WM-Qualifikation, nach dem inferioren Auftritt seiner Elf beim 0:2 in Frankreich übergeht er einen Lungeninfarkt, das Karzinom breitet sich im ganzen Körper aus. Beim 5:2 gegen Israel kann sich der Teamchef kaum mehr auf den eigenen Beinen halten. Knapp zwei Wochen später, am 14. November 1992 um 17.17 Uhr, stirbt Ernst Happel in der Innsbrucker Uni-Klinik. Das Match gegen Deutschland am 18. November wird zur Gedenkveranstaltung, wenige Tage nach seinem Tod benennt der ÖFB das Prater-Stadion in Ernst-Happel-Stadion um.
Ernst Happel ist mit 18 Titeln einer der erfolgreichsten Klubtrainer der Welt. Vielfach wird er als letztes Bindeglied des österreichischen Fußballs zur Weltklasse gesehen. Für Happel galt: »Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag.« Seinen Teamspielern hinterließ er ein Vermächtnis, in dem es heißt: »Jede Mannschaft ist in einem bestimmten Moment zu schlagen. Wie? Keine Hochachtung vor dem Gegner. Frechen, aggressiven, offensiven Fußball spielen. Es geht um die richtige Einstellung. Ich muss mit Herz zur Sache gehen.« Eine Botschaft, die heute noch genauso aktuell ist wie im Sommer 1992, als Ernst Happel sie zu Papier brachte.
Mitarbeit: Philipp Glanner, Stefan Kraft, Wolfgang Pennwieser, Clemens Schotola, Dominik Sinnreich, Georg Spitaler.






erscheint am 12. Juli 2013.
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