Große Jeföhle

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Gründungsmitglied der Bundesliga, Karnevalsverein und Chaostruppe – über den 1. FC Köln gibt es viele Geschichten zu erzählen. Nach fünf Abstiegen und Aufstiegen will sich der Klub wieder in der ersten Liga etablieren. Dabei helfen neben Trainer Stöger neue Tugenden und treue Fans.

Jan Heier, Nicole Selmer | 17.08.2016

Karnevalslieder erklingen aus den Lautsprechern – „Kumm, loss mer fiere!“ von der Gruppe „Höhner“ und „Kölsche Jung“ von „Brings“. Es ist ein lauer Abend Ende Juli, der Beginn der fünften Jahreszeit also noch einige Monate entfernt, aber Karnevalslieder gehen in Köln immer. Erst recht beim Fußball. Fortuna Köln empfängt den 1. FC Köln. Auf den Businessseats im Südstadion nimmt lokale Prominenz Platz: ehemalige Bürgermeister, ehemalige Spieler, Geschäftsleute. Beide Vereine tragen die Farben der Stadt, doch zahlenmäßig überwiegt das Rot und Weiß der Gästefans. Es ist ein typisches Sommertestspiel mit vielen Wechseln und wenigen Toren, der FC verliert 0:1. Nach der Begegnung führen die Wege der Klubs in ganz unterschiedliche Richtungen: Die Fortuna spielt seit 2014 nach langer Zeit wieder Profifußball, allerdings in der dritten Liga. Der FC hat die vergangene Bundesliga-Saison und damit die zweite Spielzeit nach dem Aufstieg auf dem neunten Platz beendet. Unter Führung des seit rund vier Jahren amtierenden Präsidenten Werner Spinner hat beim FC ein seltenes Gut Einzug gehalten: Kontinuität. Cheftrainer Peter Stöger ist drei Jahre im Amt, nur Hennes Weisweiler und Christoph Daum trainierten den Klub länger. Der 1. FC ist Gründungsmitglied der Bundesliga, wurde dreimal Meister, viermal Cupsieger und hat knapp 80.000 Mitglieder – das ist Platz vier hinter dem FC Bayern, Schalke 04 und Borussia Dortmund. Doch ein großer Name, Meisterschalen und Pokale in der Vitrine sind kein Garant für anhaltenden Erfolg – speziell in Zeiten, in denen der sportliche und wirtschaftliche Konkurrenzkampf im deutschen Fußball immer härter wird. Der FC Bayern und hinter ihm Borussia Dortmund scheinen dem Rest der Liga enteilt, während sich Klubs wie Werder Bremen und der VfB Stuttgart, die noch in diesem Jahrtausend Meistertitel feiern konnten, zuletzt im Abstiegsstrudel wiederfanden.

Die Nummer eins in Köln
Anders als in Gelsenkirchen, München und Hamburg wird die Tradition in Köln nur in zweistelligen Jubiläen gezählt. Der FC ist ein Verein der Bundesrepublik, 1948 entstand der Erste Fußball Club Köln 01/07 aus der Fusion des Kölner Ballspiel Club von 1901 und der Spielvereinigung Sülz von 1907. Eine Vernunftehe sei das gewesen, sagt Dirk Unschuld, der offizielle FC-Archivar und Autor der Vereinschronik „Im Zeichen des Geißbocks“. In der Nachkriegszeit galt es auch im Sport, die knappen Ressourcen zu bündeln. Die Ideengeber waren Franz Bolg und Fritz Plate, die Obmänner der beiden Ursprungsvereine, das Ruder des neuen Klubs sollte jedoch ein anderer führen: Franz Kremer, zunächst Vorsitzender des Kölner BC und dann Präsident des FC bis zu seinem Tod 1967. Die Aufgabe ihrer Vereine zur Gründung eines neuen Klubs machte er den Mitgliedern mit einem bis heute vielzitierten Satz schmackhaft: „Tradition hat nur dann Sinn, wenn der Wille zu noch größeren Taten vorhanden ist.“

Der neue Vereinsname, „Erster Fußball Club“, war nicht historisch gemeint, sondern sportlicher Anspruch. Kremer war in der Stadt bestens vernetzt, und er hatte eine Idee vom Fußball der Zukunft. „Er hat sich genau überlegt, wie man mit Fußball Geld verdienen kann“, sagt Unschuld. Der junge FC Köln wurde ein Verein mit professionellen Strukturen. Zehn Prozent der Spieleinnahmen gingen schon ab 1949 auf ein Sonderkonto zur „Schaffung einer Großsportanlage“, 1953 wurde das Klubhaus, das Geißbockheim, samt Büros und Trainingsgelände eingeweiht. Bis heute wird hier im Grüngürtel, der die Stadt ringförmig umgibt, trainiert. Die Heimstätte, das Müngersdorfer Stadion, liegt keine fünf Kilometer entfernt.

Erster Meister
Das Geißbockheim mit Fanshop, Geschäftsstelle und Nachwuchszentrum ist mehrfach umgebaut worden, doch die weiß gestrichene Front vermittelt immer noch den Geist der vom Wirtschaftswunder geprägten Adenauer-Ära. Der FC setzte mit dieser Anlage Maßstäbe. „Etwas Vergleichbares hat es in Deutschland damals nicht gegeben“, sagt Archivar Unschuld. Der Klub unter Präsident Kremer hatte jedoch noch andere Annehmlichkeiten zu bieten. Dank seiner Kontakte in die Geschäftswelt waren die Einkünfte der Spieler, die bis 1963 offiziell keine Profispieler waren, gesichert: Sie betrieben Trafiken und Lottoannahmestellen, erhielten Bausparverträge bei der Sparkasse und Jobs im Warenhaus. Viele Geschäfte der Spieler lagen in der Luxemburger Straße, die aus der Innenstadt in den Grüngürtel führt und schon bald als „Straße des FC“ galt. Kremer konnte Sponsoren und Partner gewinnen, die – wie die Warenhauskette Kaufhof – dem Klub zum Teil bis heute geblieben sind. So versorgte er Nationalteamspieler der 1950er Jahre wie Paul Mebus, Josef „Jupp“ Röhrig und Hans Schäfer bei seinem Verein.

Innerhalb weniger Jahre wurde der neue Klub zu einer regionalen und dann auch landesweiten Größe. Er gewann die Westdeutsche Meisterschaft, erreichte mehrfach die Endrunde der Deutschen Meisterschaft und holte 1962 schließlich den Titel. Präsident Kremer war auch einer der prominentesten Befürworter einer eingleisigen Profiliga. Nachdem dieses Format unter dem Namen Bundesliga in der Saison 1963/64 eingeführt worden war, holte der FC auch gleich den ersten Titel.

Jecken und feine Pinkel
Doch den Verein, der sich schon früh auf gutes Management und Marketing verstand, umgab auch das Image, elitär und arrogant zu sein. „Kremer hat darauf geachtet, dass die Spieler einheitliche Trainingsanzüge haben und zu Klubessen im Anzug erscheinen“, sagt Dirk Unschuld. „Der FC hat als ‚Feine Pinkel‘-Klub gegolten, das Image hat sich bis in die 1980er Jahre gehalten.“ Dem Gelände im Grüngürtel ist der Verein heute eigentlich längst entwachsen, die Räume sind zu klein, die Plätze nicht alle ganzjährig nutzbar. Doch der 1. FC Köln möchte seine Heimat nicht aufgeben, sondern ausbauen und modernisieren. Dagegen wehren sich Anrainer, die erhöhtes Verkehrsaufkommen und eine Zerstörung geschützter Grünflächen fürchten. Um die Zustimmung der Politik zu den Bauplänen wirbt eine Petition von Unterstützern mit dem Verweis auf die Rolle des Vereins für Köln: „Er ist unser aller Club, der Club dieser Stadt.“

Köln, viertgrößte Stadt Deutschlands, ist im Sommer eine Touristenattraktion. Ende Juli sind zahlreiche Besucher aus aller Welt zwischen Dom, Rheinufer und den Lokalen der Altstadt unterwegs. Auch der FC hat seinen Platz im Portfolio der Kölner Sehenswürdigkeiten, die Silhouette des Stadions in Müngersdorf ziert die Website der Tourismusinformation. Umgekehrt trägt der Klub den Kölner Dom im Wappen und setzt auf Regionalität, um den Marketingclaim „spürbar anders“ mit Leben zu füllen. Die Artikel im Fanshop sind mit zweisprachigen Schildchen versehen – auf Deutsch und Kölsch. Auf den Banden am Trainingsgelände stehen Schlagworte, mit denen sich der Klub selbst beschreibt, neben „einzigartig“, „zielorientiert“, „emotional“ und „tolerant“ ist dort auch das rheinische „jeck“ zu finden, dessen Bedeutungsspektrum von fröhlich-verrückt bis geistig verwirrt reicht.

Jecken gehören zudem zum Karneval und der Karneval seit jeher zum FC. Der Verein veranstaltete schon 1949 seine erste eigene Karnevalssitzung, also eine Veranstaltung mit kostümierten Gästen, Musik-, Show- und Redebeiträgen. Die Spieler sind seit Jahrzehnten auf verschiedenen Wagen des Rosenmontagszugs vertreten, seit 2015 ist der FC sogar mit einem eigenen Wagen dabei. Am vergangenen 11. November, dem Beginn der Karnevalssaison, ließ Stöger die Spieler verkleidet trainieren, anschließend ging es zum Feiern in die Stadt.

„Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ war lange ein Schmähgesang der gegnerischen Fans. Seit Jänner 2015 ist der FC förderndes Mitglied des Festkomitees Kölner Karneval und darf sich ganz offiziell Karnevalsverein nennen. Auch bei der Parade zum Christopher-Street-Day ist der Verein seit 2014 mit einem eigenen Wagen vertreten – als Zeichen der Verbundenheit mit der großen schwulen und lesbischen Community in der Stadt und dem FC-Fanklub „andersrum rut-wieß“. 2016 nahm neben Geschäftsführer Alexander Wehrle und Vizepräsident Markus Ritterbach auch Verteidiger Dominic Maroh teil.

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Ausgabe des ballesterer (Nr. 114 September 2016). Seit 18. August österreichweit in den Trafiken sowie einige Tage später im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel und digital im Austria-Kiosk der APA!

 

Foto: Nicole Selmer

 

Referenzen:

Heft: 114
Verein: 1. FC Köln
ballesterer # 120

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