Hörst du die Engländer singen?

cache/images/article_631_peel_140.jpg Vor neun Jahren starb die britische Radiolegende John Peel. Für den DJ und Journalisten war der Fußball fast so wichtig wie die Musik. In Mark Perrymans Buch »The Ingerland Factor« kompilierte Peel seine persönlichen Top Ten zum englischen Fußball. Der ballesterer veröffentlichte im März 2005 als erstes deutschsprachiges Medium eine Übersetzung des Textes.

1. The Fall: »Kicker Conspiracy«

Ich muss gestehen, dass ich nie völlig verstanden habe, worum es in dem Lied geht. Das gilt für viele Tracks von The Fall. Aber es besitzt eine Gehässigkeit, die recht schön einige der Gefühle wiedergibt, die zum Fußball gehören. Auch wenn man weiß, dass man sie nicht haben sollte. Neben »Roger Milla« von Pepe Kalle ist »Kicker Conspiracy« vielleicht die beste Fußballnummer aller Zeiten.

2. Barmy Army: »Sharp As a Needle«

Viel besser kann's nicht werden, als dieser klassische, von Adrian Sherwood produzierte Track der Barmy Army. Noch heute, Jahre nach der Veröffentlichung, kann ich ihn nicht hören, ohne einen Kloß im Hals zu bekommen. Widersinnigerweise gibt es einen Verweis auf West Ham, weil Sherwood ein Hammers-Fan ist, aber ansonsten geht es in dem Stück um Kenny Dalglish. Dalglish war ein Stürmer, der wirklich Tore geschossen hat. Im Gegensatz zu Stürmern, die dafür berühmt sind, Stürmer zu sein, aber es ansonsten verabsäumen, auch abseits der Tanzfläche zu stechen. Bei uns zu Hause haben wir Kenny verehrt und tun es noch immer. Bei jedem Fernsehauftritt des großen Manns hängen wir an seinen Lippen. Obwohl ich ihn seit Jahren nicht persönlich getroffen habe, hatte ich immer das Gefühl, dass der populäre Mythos des verbissenen, einsilbigen Dalglish nicht dem wirklichen Kenny entspricht. » And Dalglish has scored. Kenny Dalglish sharp as a needle«. Mir kommen schon die Tränen, wenn ich nur daran denke. Ich glaube, der Moment, in dem er das Siegestor gegen Brügge im Finale des Meistercups 1978 in Wembley geschossen hat, war der schönste Augenblick in meinem Leben. Seine größte Stärke war die unheimliche Gabe, scheinbar immer zu wissen, wo sich alle anderen Spieler auf dem Feld befanden und wohin sie sich bewegen werden. Wir sind ja der Meinung, er wurde unterschätzt. Wir lieben dich, Kenny! Wenn ich diese Nummer irgendwo auf der Welt in einem Stadion höre, fange ich hemmungslos an zu weinen.


3. The Kop: »You'll Never Walk Alone«

Heute singt ja keiner mehr. Vielleicht ist es uncool. Keine Aufnahme des Kop wird jemals wirklich die Stimmung in Anfield aus der Hochzeit der Shankly-Ära wiedergeben können. Aber das Lied und die Gefühle sind einfach unglaublich.

4. Georg Friedrich Händel »Zadok der Priester«

Diese Hymne kennt man nicht zuletzt deshalb, weil sie bei unseren königlichen Krönungsfeierlichkeiten gesungen wird. Ich bin kein Royalist, nicht einmal Patriot, eher ein Europäer. Händel war ein Deutscher, und dieses Stück Musik und die Art, wie es sich aufbaut und aufbaut, um schließlich in Freude zu explodieren, ist einfach nicht aufzuhalten. Klarerweise ist das Werk wegen seiner Komplexität und der notwendigen Orchesterbegleitung für die meisten Fans außer Reichweite. Trotzdem: Vielleicht hören wir ja eines Tages den North Stand von Ipswich Town, wie sie es versuchen.

5. The Members: »Sounds of the Suburbs«

Die neuere Version von The Samurai Seven wäre eine mögliche Alternative für Platz fünf. Vieles aus der Punk und Post-Punk-Zeit hat die Jahre nicht gut überstanden. Manche der großen Nummern von damals klingen heute wie leere Posen. Ein Grund dafür mag im späteren Auftreten von einigen Mitgliedern der Sex Pistols oder The Clash liegen. Aber dieser Track klingt immer noch witzig, schlau und überraschend zeitgemäß. Ich habe nie in den Suburbs gelebt und bin ja eigentlich ein Junge vom Land, aber dieses Lied fängt etwas von dem England ein, das ich mag genauso sehr wie Platten von anderen Künstlern, die für ihre Englishness gefeiert wurden, wie XTC oder die Kinks.

6. The Kinks: »Waterloo Sunset«

Ich habe auch nie in Waterloo gewohnt, aber diese Nummer wurde am öftesten von Hörern genannt, die auf meine Bitte nach Unterstützung für diese Playlist E-Mails geschickt haben. Als jemand, der nur drei Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, bin ich natürlich kein Freund von Nationalismus. Aber ich schätze Musik, Fußball und andere Dinge, die jene subtilen Gefühlsschattierungen vermitteln können, die die Summe der Verbundenheit zum eigenen Geburtsort darstellen. Irgendwie schafft »Waterloo Sunset« das ziemlich gut.

7. Billy Bragg: »A New England«

Diese Wahl hat wenig mit dem ausgesprochen passenden Titel, dafür umso mehr mit Billy zu tun. Er ist ein zutiefst anständiger Mensch in einem oft widerlichen Geschäft. Wenn er mich und viele tausend andere nicht getäuscht hat, dann besitzt Billy etwas immens Ermutigendes. Nachdem ich selber ein ziemlich unverbesserlicher Old-Labour-Typ bin, bewundere ich Billy auch politisch. Eine Politik, die heute belächelt wird, obwohl sie im Grund genommen auf der Bedingung beruht, dass du so handelst, wie du selber behandelt werden möchtest. Daran versuche ich mich auch selber zu orientieren. Von Fußballfans habe ich so etwas bisher nur auf den Tribünen des FC St. Pauli in Hamburg gehört. Nicht dass sie das wirklich so singen, weder auf Deutsch noch auf Englisch. Aber man spürt dieses Gefühl, nicht zuletzt wenn sie ihren Standpunkt in Bierfragen erklären. Ich war selten so glücklich besoffen wie während des Spiels St. Pauli gegen Leverkusen, wo niemand auf Konfrontation aus war.

8. Rod Stewart: »Maggie May«

The Faces mit Rod Stewart, ich habe sie live geliebt. So ziemlich die besten Auftritte aller Zeiten. Ihr Konzert in Sunderland war das allerbeste: An diesem Abend hatte Sunderland Arsenal im FA-Cup Semifinale in Hillsborough geschlagen. Es war 1973, das Jahr in dem sie Leeds im Finale besiegen sollten. Eine Fußballband für ein Fußballpublikum das gibt reine Ekstase. The Faces ließen mich manchmal Fußbälle von der Bühne in die Menge schießen. Ich hoffe, jeder hat bemerkt, dass ich die Bälle regelmäßig weiter als alle anderen nach hinten in die Konzerthalle gebracht habe. Das wollte ich nur erwähnen.

9. Blur: »Song 2«

Eine Band, der oft nachgesagt wurde, der Inbegriff von Englishness zu sein. Das erscheint immer irgendwie so einschränkend. Trotzdem ein moderner Klassiker, der dich an daheim erinnern würde, wenn er irgendwo aus einem öffentlichen Lautsprecher dröhnt.

10. Robert Wyatt: »Shipbuilding«

Es muss hier auch ein langsameres und reflektierteres Lied geben. Ich habe mich für Robert Wyatts Aufnahme von Elvis Costellos »Shipbuilding« entschieden. Zunächst einmal ist Robert einer der witzigsten, nachdenklichsten und anregendsten Menschen, die ich kenne. Außerdem besitzt seine Stimme diese fast überwältigende Melancholie. »Shipbuilding« (ein Lied über den Falkland-Krieg, Anm.) erinnert uns an die Gefahren von Emotionen, Politik und der Herrschaft des Mobs. Und erinnert uns hoffentlich auch, dass solche Gefühle auch auf der anderen Seite des Stadions vorkommen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Mark Perryman. Eine längere englische Fassung findet sich in: Mark Perryman (Hg.), »The Ingerland Factor: Home Truths from Football« (Mainstream Sport, London 1999)

 

Zur Person: John Peel war wahrscheinlich der einflussreichste Radio-DJ Englands. Über einen Londoner Piratensender kam er 1967 zur BBC. Über Jahrzehnte entdeckte und förderte er dort laufend erstklassige Musiker, vorwiegend von den britischen Inseln. Er gilt als der erste, der Reggae, Punk und Hip Hop im britischen  Radio spielte. Seine »Peel-Sessions« wurden zur Institution, die Einladung dazu war für jede Band fast gleichbedeutend mit dem endgültigen Durchbruch. Eine seiner Lieblingsbands, die nordirischen Undertones, schuf mit »When Saturday Comes« jenen Song, der der Mutter aller vereinsunabhängigen Fanzines seinen Namen gab. Die Radio-Legende war Zeit seines Lebens eingefleischter Liverpool-Fan. Seine Kinder tragen zweite Vornamen wie Anfield, Shankly oder Dalglish. John Peel verstarb am 25. Oktober 2004 im Alter von 65 Jahren.

Referenzen:

Heft: 16
Rubrik: Thema
ballesterer # 121

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