Martin Scherb: Nein, ich war nur Amateur und habe in der Landesliga gespielt, bin dort allerdings Torschützenkönig geworden.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Trainer zu werden?
Ich habe bei verschiedenen Vereinen im Waldviertel gespielt und da hat es nur den klassischen »Schwarz-Weiß-Trainer« gegeben. Wenn der Trainer gesagt hat, das Tischtuch ist nicht gelb, sondern lila, dann war es eben lila und wir Spieler haben das hingenommen. Bei Sturm 19 habe ich dann Josef Schöpf, der heute in der Akademie tätig ist, als Trainer bekommen. Er hat eine andere Art verkörpert, die ich bis dahin nicht gekannt habe. Er hat mit den Spielern Einzelgespräche geführt und Verantwortung delegiert. Seine Methoden haben mich damals sehr beeindruckt, später als Trainer habe ich mich an diesem Führungsstil orientiert.
Wann haben Sie Ihre Trainerausbildung begonnen?
Mit 25 Jahren habe ich zunächst die U17 der Spielgemeinschaft St. Pölten/Krems gecoacht und dann zwischen 1997 und 2001 die ÖFB-Trainerlizenzen vom Nachwuchsbetreuer bis zur A-Lizenz absolviert. 2010 habe ich mit der UEFA-Pro-Lizenz abgeschlossen. Ohne den Aufstieg mit St. Pölten wäre es mir aufgrund der Zulassungsbestimmung nicht möglich gewesen, diese höchste Ausbildungsstufe zu absolvieren.
Wie schaut Ihr Resümee der Trainerausbildung in Österreich aus?
Ich habe sehr viel gelernt. Was mich gestört hat, war aber der sehr theoretische Zugang. Bei manchen Themen hat der realistische Transfer zur Praxis gefehlt. Da sind Sachen aufgetaucht, bei denen ich mich gefragt habe, wie ich sie in der täglichen Arbeit im Verein umsetzen soll. Darüber hinaus hätte ich gern mehr über Psychologie, Pädagogik und Menschenführung erfahren. In diese Thematik habe ich mich dann selbst eingelesen.
Wie beurteilen sie das Niveau des UEFA-Pro-Lizenz-Kurses?
Ich denke, dass er grundsätzlich auf einem sehr hohen Level ist. Vor allem die Module von externen Experten wie Hans Holdaus zum Bereich Ernährung und Doping und Günter Amesberger über Sportpsychologie waren sehr lehrreich. Ich würde mir jedoch wünschen, dass Thomas Janeschitz die Ausbildung nicht nur leitet, sondern noch mehr Kompetenzen zur Gestaltung des Kurses bekommt, weil er mehr Praxisnähe in den fußballspezifischen Inhalten hat als andere im ÖFB.
Worüber haben Sie Ihre Diplomarbeit geschrieben?
Über die Entwicklung des Trainerberufes in den letzten 30 Jahren vom autoritären Schwarz-Weiß-Trainer bis zum heutigen Manager eines Trainerstabs. Ein Anschauungsbeispiel dafür habe ich während der Hospitation bei Jürgen Klopp in Dortmund bekommen. Bei ihm hat man den kommunikativen Führungsstil und die klaren Strukturen in der Aufgabenverteilung sehr gut erkennen können. Wir haben Klopp und Assistenten beim Coachen einer Spielform beobachtet. Laut ÖFB-Trainerordnung hätten sie 20 Mal unterbrechen und auf einzelne Coachingpunkte hinweisen müssen, aber sie haben viel laufen gelassen. Zu erkennen, wie viel ich meinen Spieler zumuten kann, halte ich für eine wesentliche Trainerkompetenz. Aber die Unterschiede zu St. Pölten sind vielleicht gar nicht so groß, weil wir ebenfalls nach modernen Trainingsmethoden arbeiten. Das einzige, worum ich Klopp wirklich beneide, sind die Spielanalysesysteme, weil er damit viel detaillierter arbeiten kann als ich.
Mit welchen Kollegen tauschen Sie sich aus?
Ich habe einen sehr guten Draht zu Rapid-Trainer Peter Schöttel, mit ihm stehe ich ständig in Kontakt. Einerseits, um in Erfahrung zu bringen, wie ein Kollege mit vergleichbaren Problemen umgeht. Anderseits haben wir auch zwei Leihspieler von Rapid im Kader, über deren Leistungen ich ihm regelmäßig berichte.
Wie sind Sie als »Nobody« zu Ihrem Job in St. Pölten gekommen?
Ich war zunächst in der Akademie und im Landesverband tätig. Nachdem prominente Trainer wie Frenkie Schinkels und Walter Hörmann mit einer für Regionalligaverhältnisse sehr teuren Mannschaft hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, kam es zu Turbulenzen in der Führungsriege. Markus Kernal ist als Sportlicher Leiter zurückgetreten und der ehemalige Jugendleiter Christoph Brunnauer zu seinem Nachfolger ernannt worden. Brunnauer und ich haben uns schon lange gekannt und er hat mich mit einem befristeten Vertrag für ein halbes Jahr ausgestattet. Zum Glück sind wir dann zweitbeste Frühjahresmannschaft geworden und haben viele Spieler aus der Akademie eingebaut. Diesen Weg der Verjüngung sind wir konsequent weitergegangen und im zweiten Jahr sind wir überlegener Meister in der Regionalliga Ost geworden.
Wie würden Sie Ihre Spielphilosophie beschreiben?
Ich bevorzuge eine offensive Spielphilosophie, die taktisch auf einem 4-4-2-System beruht. Ich möchte mit schnellen Außenspielern agieren, um das Flügelspiel zu forcieren. Zentral vorne soll ein großer Stürmer die Flanken verwerten.
St. Pölten ist bekannt für kompakten, disziplinierten und körperbetonten Fußball. Welchen Stellenwert haben diese Faktoren für Sie?
Körperliche Fitness ist eine Grundvoraussetzung, um im Fußball bestehen zu können. Wenn wir beim FC Lustenau spielen, werden wir mit einem schönen Spiel wahrscheinlich nicht weit kommen. Deswegen stehen in dieser Woche vor so einem Match schwerpunktmäßig Zweikämpfe im Programm und da verlange ich von allen Spielern eine hohe Aggressivität. Meine Spieler müssen auch im Training Schienbeinschützer tragen, weil es vorkommen kann, dass einer einmal härter einsteigt. Grundsätzlich sind wir aber keine Holzhackertruppe.
Wie sehen die Grundzüge Ihres Wochentrainingsplans aus?
Letzte Woche hatten wir am Freitag ein Spiel und danach habe ich den Spielern zwei Tage frei gegeben. Ansonsten steht Regeneration auf dem Programm, nur für die Spieler, die wenig oder gar nicht zum Einsatz gekommen sind, setzen wir einen ordentlichen Belastungsreiz. Montagvormittag beginnen wir mit Koordination und Schnelligkeit und anschließend Ballhalten mit dem Fokus auf Zweikampfschulung. Am Nachmittag geht es weiter mit Stabilisation und einem Turnier fünf gegen fünf mit vier Mannschaften, in dem wieder die Zweikämpfe im Vordergrund stehen. Bei den Turnierformen haben wir eine Ganzjahreswertung, aufgrund der die Verlierer die Gewinner am Ende der Saison zu einem üppigen Essen einladen müssen. Dienstag ist die Intensität weiterhin hoch. Da trainieren wir in zwei Einheiten vor allem in kleinen und engen Spielformen, wobei die Spieler nicht wirklich mitbekommen, wie viel sie eigentlich arbeiten. Am Mittwoch steht Taktik am Programm, wobei wir die Offensive und Defensive dafür trennen. Vor einem Spiel gegen Hartberg, die überwiegend mit hohen Bällen agieren, versuchen wir das auch für die Defensivspieler zu simulieren, in dem wir viele hohe Bälle auf die Viererkette spielen um den Defensivkopfball zu trainieren, gleichzeitig sollen die defensiven Mittelfeldspieler schnell den zweiten Ball gewinnen und durch gezieltes Umschalten unsere Offensivaktion einleiten. Donnerstag wird weiter mit niedriger Intensität im taktischen Bereich gearbeitet und wir studieren Standards ein. Darauf legen wir sehr viel Wert und wir fertigen von jedem Gegner Profile an. Wenn wir freitags trainieren, findet das sogenannte Anschwitzen statt, mit einem Umfang von 40 bis 45 Minuten. Schwerpunktmäßig spielen wir dann mit Simulation des Gegners noch einmal vier bis fünf konkrete Situationen durch, legen die Pressinglinie fest und vertiefen die Pläne für die Standardsituationen.
Wie funktioniert die Vernetzung mit der Akademie?
Sehr gut. Unser Spieler kommen derzeit zu zwei Dritteln aus Niederösterreich, viele davon aus der Akademie. Ohne chauvinistisch klingen zu wollen: Wir wollen eine Vorbildfunktion in Österreich einnehmen und den Profifußball nachhaltig in unser Region verankern. Es geht nicht nur um den kurzfristigen Erfolg, sondern auch um die Entwicklung der Spieler. Unsere Vision ist es, mittelfristig in der Bundesliga zu spielen und uns durch Spielerverkäufe selbst zu finanzieren.
Halten Sie es nicht für denkbar, dass bei solchen Erfolgen Begehrlichkeiten nach einem prominenteren Trainer entstehen?
Ich kann ohne Überheblichkeit sagen, dass ich zurzeit der beste Trainer bin, den es für St. Pölten gibt. Ich halte mich seit vier Jahren im Profigeschäft beim gleichen Verein, das schaffen nicht viele Trainer. Glücklicherweise werden mittlerweile auch in Österreich Trainer nicht mehr nur nach ihren Namen, sondern auch nach ihrer Leistung beurteilt.
Wie organisiert St. Pölten das Scouting?
Ein gezieltes Scouting gibt es nur im Bereich der Gegnerbeobachtung. Was den Spielermarkt betrifft, ist so etwas nicht sinnvoll, weil wir kaum im Stande sind, Ablösen zu zahlen. Es nützt uns nichts, zu wissen, dass Red Bull Salzburg in der U18 einen grandiosen Spieler hat, da wir ihn uns sowieso nicht leisten können. Ich versuche diesen Strukturmangel durch ein gutes Netzwerk zu kompensieren. Wenn ein 18-Jähriger in der Regionalliga auffällt, wird mir das umgehend zugetragen. Auch mit den Akademietrainern stehe ich ständig in Kontakt.
Welcher modernen Methoden bedienen Sie sich?
Wir haben eine Kooperation mit dem Sport und Kletterzentrum Weinburg, mit denen wir vor allem in den Bereichen Kraft und Schnelligkeit arbeiten. Im konditionellen Bereich trainieren wir mit dem HIT-Programm (Hochintensives Intervalltraining, Anm.). Zur Verbesserung der Koordination und Handlungsschnelligkeit haben wir ein ähnliches Programm wie Lifekinetik (fußballspezifisches Gehirnjogging, Anm.) für unsere Bedürfnisse entwickelt.
Wie beurteilen Sie die Arbeit im ÖFB?
Ich kann hier nur meinen Außeneindruck wiedergeben, denke aber, dass im letzten halben Jahr wirklich viel schiefgelaufen ist. Der ÖFB hat das Amt des Teamchefs dermaßen beschädigt, dass es für jeden Trainer schwer ist, sich ordentlich zu positionieren. Ich habe weder eine Kommunikationsstrategie noch eine Medienschulung bei den Verantwortlichen erkennen können.
Sehen Sie da auch ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner stärker gefordert?
Die Nachwuchsarbeit hat sich verbessert. Ich denke aber nicht, dass alles so glänzt, wie es Ruttensteiner darstellt. Es gibt zwar ein durchgängiges Konzept, aber die Umsetzung ist schon nicht mehr so durchgängig. Wenn ich höre, dass U21-Teamchef Andreas Herzog nicht sagt, wer seine besten Spieler sind, weil er die Befürchtung hat, dass sie ihm weggenommen werden, stellt sich die Frage nach der Kommunikation im ÖFB. Das betrifft auch die Zusammenarbeit der Nachwuchsteamchefs mit den Vereinen. Wenn ich da nicht selbst aktiv werde, kriege ich oft kein Feedback über meine Spieler. Der Austausch mit den Vereinstrainern sollte in einem ÖFB-Konzept verankert werden.
Zur Person: Martin Scherb (42) stürmte in seiner aktiven Karriere für Unterhausvereine wie den SC St. Pölten, Sturm 19 und Maria Anzbach. Als Trainer machte er sich zunächst ebenfalls im niederösterreichischen Amateurbereich und in der St. Pöltener Akademie einen Namen, ehe er im Jänner 2007 zum Chefcoach des SKN St. Pölten bestellt wurde. Nach dem Aufstieg aus der Regionalliga 2008, beendete Scherbs Mannschaft die folgenden Erste-Liga-Saisonen nie schlechter als auf dem fünften Platz. Neben seiner Trainertätigkeit arbeitet der zweifache Vater im Landesschulrat für Niederösterreich.






Martin Scherb ist ein Beispiel dafür, dass ein erfolgreicher Trainer kein großer Spieler gewesen sein muss. Vier Jahre mit dem SKN St. Pölten haben den 42-jährigen Niederösterreicher selbstbewusst werden lassen. Im ballesterer-Interview spricht Scherb über die Farbdefinition von Tischtüchern, die Details seines Trainingsplans und Kommunikationsdefizite beim ÖFB.
erscheint am 12. Juli 2013.
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