»Ich bin ein alter Jugoslawe«

INTERVIEW Ivan Ergic (26) passt nicht in die üblichen Kicker-Schablonen. Der Mittelfeldmotor und Kapitän des FC Basel ist Mitglied des serbischen Nationalteams, würde aber lieber für Jugoslawien spielen. Ergic über seine marxistische Weltanschauung, die Reize von Titos historischem Provisorium und seine Abneigung gegenüber nationalistischen Ideen.


Fabian Kern | 13.05.2008
ballestererfm: Sie gelten als Anhänger des »schönen Spiels«. Welches jugoslawische Team hat den schönsten Fußball gespielt und welchem Verein fühlen Sie sich verbunden? 

Ivan Ergi: Wir hatten sehr gute Fußballschulen und unser Nationalteam hat eigentlich immer schönen Fußball gespielt. Durch den Krieg ist leider viel zerstört worden. Die einzelnen Nationen spielen heute nicht mehr so einen schönen Fußball wie das früher der Fall war. Mein Verein ist Roter Stern Belgrad das war eine Tradition bei mir zu Hause. Sehr geprägt hat mich der Europacup-Sieg 1991, der größte Erfolg des jugoslawischen Fußballs auf Klubebene. Diese Roter Stern-Mannschaft hatte einige Supertechniker wie Savievi, Jugovi, Mihajlovi oder Prosineki. Im Finale gegen Olympique Marseille haben sie sehr untypisch für eine jugoslawische Mannschaft gespielt, extrem defensiv. Aber das hat ihnen den Erfolg gebracht. Heute bin ich kein passionierter Fan mehr. Zwischen Roter Stern und Partizan herrscht mehr Hass als Rivalität, und das sehe ich nicht gern.

Sie sind als Serbe in Kroatien aufgewachsen. Wie haben Sie den Zerfall Jugoslawiens erlebt? 

Ich war zehn Jahre alt, als der Krieg begann und wir zwischen die Fronten der kroatischen und serbischen Armee gerieten. Wir mussten flüchten zuerst nach Belgrad, dann weiter nach Australien. Von meiner Familie ist glücklicher Weise niemand ums Leben gekommen, aber wir haben alles verloren. Ich habe die Ereignisse damals nicht verstanden. Meine Eltern haben mich als Jugoslawen erzogen. Ich habe davor gar nicht gewusst, dass ich ein Serbe bin. 

Wie denken Sie heute darüber? Wer trägt die Schuld daran? 

Es ist ein komplexes Thema. Teilweise war der stark aufkeimende Nationalismus verantwortlich. Aber die internationale Gemeinschaft hat zu wenig getan, um es zu verhindern. Man muss das Ganze sehen, und da haben geostrategische Überlegungen etwa von Seiten der USA, aber auch von Deutschland eine wesentliche Rolle gespielt. Ich kann nicht nur uns und den verschiedenen nationalistischen Führern die Schuld dafür geben.

Was sehen Sie positiv bzw. negativ am sozialistischen Experiment Jugoslawien?

Ich sehe viel mehr positive Seiten als negative. Ich würde Jugoslawien nicht vergleichen mit der Sowjetunion. Das war ein ganz anderes, revisionistisches System. Wir waren blockfrei, haben unsere Freiheit genossen und Tito hat die ärmeren Länder gelehrt, wie sie sich gegen den Imperialismus wehren können. Für mich gibt es aber zwei Abschnitte. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg sind auch in Jugoslawien Sachen passiert, die mir ganz und gar nicht gefallen. Wir hatten zwar keine großen Gulags wie in der UdSSR, aber es gab auch Lager, in denen Leute inhaftiert waren, die eine andere Meinung hatten. Ich würde nicht sagen, dass Jugoslawien ein Experiment war. Es war ein historisches Provisorium und ich glaube, wenn jeder Jugoslawe ehrlich ist, würde er sagen, es war das beste System für uns. Tito hat immer Einheit und Brüderlichkeit gefordert, aber leider ist der Nationalismus in vielen Leuten latent geblieben. Wir hatten so ein wunderschönes Land. Jetzt ist leider alles kaputt.

Wie haben Sie die Ausschreitungen vom 13. Mai 1990 beim Spiel Dinamo Zagreb gegen Roter Stern miterlebt?

Das war eine Allegorie auf den Krieg, ein symbolisches Ereignis. Viele der fanatischen Anhänger im Stadion standen wenig später in Diensten der serbischen oder kroatischen Armee oder der Paramilitärs. Ein Jahr danach ist ausgebrochen, was man damals schon spüren konnte. Die Menschen, die an die Idee von Jugoslawien geglaubt haben, hatten damals freilich noch die naive Hoffnung, dass alles trotzdem zusammenhält.

Was haben Sie gefühlt, als das jugoslawische Nationalteam 1992 von der EM ausgeschlossen wurde? War Fußball in diesen Tagen überhaupt noch wichtig für Sie?

Dass unser Nationalteam nicht mitspielen durfte, war sehr hart. Das Turnier hat einen kleinen Buben wie mich aber trotzdem begeistert. Später habe ich viel darüber nachgedacht. Über die Aussagen der FIFA und anderer Fußballinstitutionen, dass Fußball nichts mit Politik zu tun hätte. Die Ereignisse von damals zeigen, dass das nicht wahr ist.

Hätten sich gewisse Spieler wie Boban oder Mihajlovic, die sich stark von nationalistischen Ideen vereinnahmen ließen, anders verhalten sollen? 

Wenn Krieg herrscht oder bevorsteht, ist es für einen Fußballer schwer, sich nicht zu deklarieren. Fußballer haben in Serbien und Kroatien eine große Rolle gespielt, sie waren Aushängeschilder. Es ist schwierig, jemandem einen Vorwurf zu machen, der direkt vom Krieg betroffen war. Mihajlovi stammt aus Vukovar und hat alles verloren. Boban hat sicher auch seine eigene Geschichte. Aber ich glaube, Nationalismus tut keinem gut. 

Sie sind wegen des Krieges mit Ihren Eltern nach Australien ausgewandert, wo der Fußball sehr stark von Kroaten mitbestimmt wird. Hatten Sie während dieser Zeit als Spieler Probleme aufgrund ihrer serbischen Abstammung? 

Wenn wir gegen kroatische Klubs aus Melbourne oder Sydney gespielt haben, ist es schon vorgekommen, dass ich von Zuschauern beleidigt worden bin. Aber nicht in einem großen Ausmaß. Ich habe das den Leuten nicht übel genommen und mich daran gewöhnt. Unter Spielern hat es solche Dinge zwar auch gegeben, aber mit den meisten Kroaten in Australien habe ich mich sehr gut verstanden. Mein bester Freund aus dieser Zeit ist kroatischer Abstammung, meine Freundin halbe Kroatin. In unserer Familie verspüren wir keinen Hass gegen Kroaten, weil wir wissen, dass nur bestimmte Leute dafür verantwortlich waren und nicht das ganze Volk.

Sie haben einmal gesagt, Ihr Vater hätte Ihnen das marxistische Denken beigebracht. Wie darf man sich das vorstellen? 

Mein Vater hat mir immer von den Vorteilen des Sozialismus bzw. des Marxismus erzählt. Er hat nicht alles an diesem System geschätzt, aber er hat erkannt, was Geld oder Kapital aus einem Menschen machen können. Mich haben die postmarxistischen Gedanken der Frankfurter Schule am meisten geprägt, die sich vor allem mit der Entfremdung beschäftigt hat. Diese Theorie bestätigt sich für mich im alltäglichen Leben immer wieder.

Jugoslawien war eine der großen Fußballnationen in Europa. Sind Serbien oder Kroatien langfristig in der Lage, in diese Rolle zu schlüpfen?

Der Substanzverlust war sehr groß, wir sprechen jetzt von relativ kleinen Ländern. Kroatien hat 1998 mit Platz drei bei der WM in Frankreich bewiesen, dass Erfolge trotzdem machbar sind. Wobei Fußballer wie Boban, Prosineki und uker noch in Jugoslawien groß geworden sind. Unterm Strich werden Serbien, Kroatien oder Bosnien nie wieder so große Fußballnationen sein, wie Jugoslawien es war.

Bereuen Sie es aus fußballerischer Sicht, dass Jugoslawien zerfallen ist?

Auf jeden Fall. Mein Traum als Kind war immer, für Jugoslawien zu spielen. 90 Prozent der Fußballer aus Ex-Jugoslawien würden das zwar anders sehen, aber ich bereue, dass dieser Staat kaputt gegangen ist. Nicht nur fußballerisch, sondern auch allgemein. Ich bin ein »alter Jugoslawe« geblieben und schäme mich auch nicht, das zu sagen.           

 


Ivan Ergic wurde am 21. Jänner 1981 in Sibenik im heutigen Kroatien geboren. Der serbisch-australische Doppelstaatsbürger absolvierte bisher neun A-Länderspiele für Serbien. Nach Stationen bei Perth Glory und Juventus Turin landete er 2000 beim FC Basel, mit dem er seither jeweils drei Meisterschaften und Cup-Titel holte.


Referenzen:

Heft: 29
Thema: Ivan Ergic, Jugoslawien
ballesterer # 91

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