Im Fadenkreuz der Öffentlichkeit

Das Verhältnis des Millwall FC und der britischen Presse als gestört zu bezeichnen, wäre ein Untertreibung. Hooligans auf der Straße und einige völlig losgelöste Schreiberlinge lassen die Fans als Verlierer zurück.
Reinhard Krennhuber | 01.10.2003
Es finden sich nicht nur negative Schlagzeilen über Mill-wall-Fans in den britischen Medien. So vermeldete die BBC am 19. August dieses Jahres, dass die Zahl von verhafteten Lions-Anhän¬gern in der letzten Saison von 109 auf 18 zurückgegangen ist. Verschwiegen wurde auch nicht, dass derweil Verhaftungen bei Matches der englischen First Division um 19 Prozent zunahmen. Geschlossen wurde sachlich mit der Erkenntnis, dass das rigorose »membership scheme« eben seine Wirkung gezeigt habe.

Weniger seriös agierten die Ver¬antwortlichen beim Fernsehsender ITV. Sie unterlegten die Nachricht mit Bildern von Riots, die die Ge¬walttätigkeit des Millwall-Anhangs untermauern sollten. Allerdings hat¬te man sich beim Archivmaterial vergriffen und zeigte Ausschreitun¬gen von Fans anderer Vereine. Nur wenigen Sehern wird die Falschin¬formation aufgefallen sein, die mei¬sten sahen sich in ihrer vorgefertig¬ten Meinung wohl bestätigt.

Wenn es wieder einmal Probleme gibt mit den Hooligans, ist auch die angesprochene Sachlichkeit der staatlichen Rundfunkanstalt und der Quality Papers schnell verflo¬gen. Selbst der »Guardian« ist sich dann nicht zu schade, seine »83 years of shame«-Chronologie her¬auszukramen und den Lesern zu zeigen, wie abscheulich der blau¬weiße Anhang seit jeher war und immer noch ist. Bezeichnend ist auch, dass es im »Football Violence« - Schwerpunkt der Zeitung einen eigenen Millwall-Menüpunkt gibt, während die anderen Kategorien »Racism«, »Sectarian abuse« oder »EURO 2004« heißen.  

Ein paar Stufen weiter unten, nimmt man es mit der Wahrheit ge¬nerell nicht so genau. Boulevard-Blätter wie der »Daily Mirror« oder die »Sun« spielen die Gewalt- oder Rassismuskarte bisweilen auch unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Eines der plakativsten Beispiele er¬eignete sich vor zehn Jahren, als ein Mitglied der faschistischen British National Party im Wahlsprengel Millwall in Tower Hamlets mit 34 Prozent der Stimmen in den Stadtrat gewählt wurde. Wenige Tage darauf ließ ein »Sun«-Reporter das Ergebnis als Beispiel für das Rassismus-Pro¬blem des MFC in seinen Spielbericht aus dem »Den« einfließen. Entgan¬gen dürfte ihm dabei sein, dass der Wahlsprengel in einem anderen Stadtteil nördlich der Themse liegt und einzig den Namen mit dem Klub gemein hat.

Aber auch TV-Dokumentationen haben ihren Teil zur negativen My¬stifizierung von Millwall beigetra¬gen. Als Fußballgewalt von der BBC 1977 erstmals thematisiert werden sollte, lud der damalige Lions-Ma¬nager Gordon Jago das Kamerateam zum Drehen an die Cold Blow Lane, um den Mythos vom gewalttätigen Millwall-Fan zu widerlegen. Das Gegenteil war der Fall: Die BBC wollte eine Verbindung zwischen Fußball¬gewalt und Rechtsextremismus le¬gen, was durch ein Interview mit dem BNP-Anführer Martin Webster auch geschah. Webster und seine Schergen verkauften vor dem »Den« und laufender Kamera zudem ihr Propaganda-Material. Ein Ereignis, das weder zuvor noch danach jemals wieder in diesem Rahmen stattfand, wurde der Nation auf die Bildschir¬me geliefert. Der Einspruch des Vereins und der lokalen Polizei konnte die BBC nicht davon abhalten.

Drei Monate später verschmolzen Mythos und Realität, Riots während des FA-Cup-Viertelfinales gegen Ipswich forderten Dutzende Verletz¬te. Es waren die ersten schweren Ausschreitungen von Millwall-Fans seit Jahren.

Dass Millwall seit den 60er Jah¬ren ein Hooligan-Problem hat, ist ein Faktum und soll nicht beschö¬nigt werden. Dass Medien mit teils überzogenen Berichten eine Rea¬lität entwerfen, die den Verein für potenzielle Gewalttäter aus dem Großraum London interessant macht, kann aber ebenfalls nicht in Abrede gestellt werden. Ausbaden müssen die Gewalt und die Medien¬schelte der Klub und die Masse der nicht gewalttätigen Fans, denen es zum Hals heraushängt, sich für ihr Fantum rechtfertigen zu müssen. Kein Wunder also, dass sie Samstag für Samstag ihr »No one likes us« hinausbrüllen.

Referenzen:

Heft: 10
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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