Im Feld des Populären

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Seit den 1980er Jahren erforscht die Soziologin Gabriele Klein unterschiedliche Jugend- und Musikszenen. Im Gespräch erklärt sie, wie zwei transnationale Kulturen zueinander fanden und warum sich Geschlechterentwürfe im Fußball und Hip-Hop ähneln.

Ihr 2003 erschienenes Buch "Is this real?" gilt als Meilenstein der deutschsprachigen Hip-Hop-Theorie. Mit "Electronic Vibration" schrieb Gabriele Klein das Standardwerk zur Techno-Kultur. In ihrer Forschung hat sie sich auch mit Praktiken von Fußballfans im Spannungsfeld von Globalisierung, Lokalisierung und Re-Nationalisierung auseinandergesetzt. Der ballesterer besuchte sie in ihrem Büro an der Universität Hamburg und bat um einen Vergleich von Fußball- und HipHop-Kulturen.

ballesterer: 1994 schrieb das Magazin Spex, "Welcher deutsche Rap-Act mit ,credibility' käme auf die Idee, eine Fußball-Hymne zu rappen?" Heute sind viele Rapper erklärte Fußballfans. Was hat sich im Verhältnis von Hip-Hop und Fußball in den letzten 20 Jahren verändert?

Gabriele Klein: Pop als kritische Kulturpraxis und Kulturtheorie hat sich mit dem traditionellen Massenphänomen Fußball lange schwer getan. Mittlerweile hat sich die Popkultur aber popularisiert, und Hip-Hop ist Populärkultur geworden. Das kann man gut an der Hip-Hop-Musik sehen, die nicht nur die kommerziellste Form des Hip-Hop im Vergleich zu Breakdance, Graffiti und DJ-ing ist, sondern auch die kommerziell erfolgreichste Musik insgesamt. Zugleich hat sich der Fußball popularisiert, er ist von einer proletarischen Sportkultur zu einer schichtenübergreifenden Populärkultur geworden. Spitzenfußballer sind heute nicht nur berühmte Sportstars, sondern Medienstars mit Glamourfaktor. Fußball und Hip-Hop treffen sich in diesem Feld des Populären.

Sie haben Techno einmal als Wochenendfreizeitkultur beschrieben. Steht Hip-Hop dem als Lebensstil gegenüber?

Hip-Hop ist für die "echten" Hip-Hopper dann real, wenn er gelebt und nicht in Szene gesetzt wird. Auch "echte" Fans leben Fußball, das ist nichts Neues. Ich habe meine Kindheit im Ruhrgebiet verbracht, dort ist der Sport bis hinein in die Schrebergärten gelebt worden. Heute aber ist das Lokalkolorit eine Marketingstrategie. Die Grenze zwischen der echten Liebe des Fans zu seinem Verein und jener als Branding wie beim BVB ist nicht mehr so leicht zu ziehen.

Spielen beim Fußball Nationalismus und verhärtete Identitäten eine größere Rolle als beim Hip-Hop?

Populäre Sportarten wie Boxen, Formel 1 und besonders Fußball tragen zentral zur Re-Nationalisierung in Zeiten der Globalisierung bei. Die Erzeugung des nationalen Imaginären funktioniert vor allem im Mannschaftssport sehr gut, weil hier nationale Wettkämpfe ausgetragen werden, die in ihren Siegen und Niederlagen eindeutig sind. Bei den meisten Fans sind die Zeichen des Nationalen aber entleert. Das Aufmalen von Nationalfarben, das Tragen von T-Shirts oder das Schwenken von Fähnchen sind für sie eher Rituale einer eventisierten Sportkultur, weniger ein politisches Statement. Dennoch ist zu beobachten, dass rechtsnationale Gruppierungen die Fankulturen unterwandern. Anders als beim Sport ist das Nationale im Hip-Hop - so wie bei allen Popkulturen - vor allem ein Medienkonstrukt und eine Vermarkungsstrategie. Deutscher Hip-Hop ist beispielsweise das Produkt des Fernsehsenders VIVA.

Der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen meint, dass Pop in den letzten Jahren den neo-männlichen Hip-Hop-Mann hervorgebracht habe, der überwunden geglaubte patriarchale Männlichkeitsbilder wiederbelebt hat.

Das Männliche ist im Hip-Hop nach wie vor die Norm. Frauen werden diskriminiert und aufgeteilt in viele Chicks und wenige Queens. Natürlich gibt es einige wichtige und prominente Frauen im Hip-Hop. Letztendlich sind sie aber etablierte Außenseiter, wie es der Soziologe Norbert Elias genannt hätte. Rapperinnen passen ihre Texte und Inszenierungen häufig dem männlichen Prinzip des Überbietens an: Sie sind cooler, geiler, stärker, reicher. Ich würde aber nicht von Neo-Männlichkeit sprechen, es ist eher eine traditionelle Männlichkeit, die die Hip-Hop-Kultur seit den Anfängen geprägt und sich nun mit den Männlichkeitsbildern der lokalen Kulturen der Protagonisten gemischt hat.

Und wie sieht es mit dem Geschlechterverhältnis in der Fußballszene aus?

Auch der Fußball ist nach wie vor eine männlich dominierte Kultur. Fußballverbände und Vereine bestehen in ihren Vorständen nur aus Männern, Kommentatoren und Schiedsrichter sind nahezu ausschließlich männlich. Wir feiern "unsere Jungs" als Helden, die sportlich mindestens so erfolgreichen Fußballerinnen der Nationalmannschaft nicht. Das Heldentum wird dadurch immer wieder als männliches Kriegsprinzip symbolisch reaktiviert.

Wenn immer mehr Frauen sichtbar werden, ist das also nur eine "mimetische Angleichung an eine männliche Bilderwelt", wie Sie es einmal genannt haben?

Nein, sie produzieren auch andere Normen in ihrer Lebenswelt. In der Öffentlichkeit ist z.B. Homosexualität bei Fußballerinnen nicht so tabuisiert wie bei Männern. Lesbische Spitzensportlerinnen leben ein Lebensstilmuster, das die heteronormative Ordnung des Sports unterläuft. Es ist also eine Art widerständiger Praxis. Allerdings gelten, anders als im Männersport, ihre Lebensstile nicht als "Realitätsmodell", da der Frauensport gesellschaftlich nicht als wichtig angesehen wird und medial wenig präsent ist. Das große Tabu ist von daher nicht Homosexualität im Fußball, sondern Homosexualität im Männerfußball.

Organisierte Fußballfans, aber auch die Hip-Hop-Szene gehören heute zu den sichtbarsten Jugendkulturen. Wie sieht es da mit Widerständigkeit aus, mit Kritik an herrschenden Verhältnissen?

Es gibt eine linke Hip-Hop-Szene, und es gibt die sogenannten Politrapper in der Tradition von Public Enemy und Chuck D. Bei Fußballfans kann ich wenig Widerständiges erkennen. Es gibt zwar Fanproteste, aber diese konzentrieren sich auf die Lebenswelt des Fußballs, zum Beispiel auf die Erhöhung von Eintrittskartenpreisen, die Kritik an VIP-Logen oder Sponsoren wie Gazprom. Dahinter steckt zwar eine Kritik an Fußball als reiner Kommerzkultur, aber der Protest geht nicht weiter. Er erkennt den Fußball nicht als ein Oberflächenphänomen, das Hinweise auf weitreichende gesellschaftliche Transformationen gibt, beispielsweise den Verlust lokaler Identitäten, die Disneyfizierung des Sports oder den Handel mit Spielern.

Kann Protest gegen Homophobie und Diskriminierung im Fußball nicht als Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen verstanden werden?

Heute lesen die Mannschaftskapitäne vor dem Spiel einen Text gegen Rassismus vor und halten Transparente hoch. Dies ist ein Beispiel dafür, dass sich der Kampf gegen den stärker werdenden Rassismus unter den Fans institutionalisiert und eine politisch korrekte Form gefunden hat. Auf der anderen Seite raten dieselben Kapitäne davon ab, dass sich aktive Fußballer als schwul outen. Denn das würde nicht nur der Person, sondern auch der Mannschaft und dem Verein schaden.

Foto: Ariane Gramelspacher

Zur Person

Gabriele Klein (57) ist Professorin für Soziologie von Bewegung, Sport und Tanz an der Universität Hamburg. Zu dem Thema publizierte sie u.a. "Electronic Vibration. Pop Kultur Theorie", "Is this real? Die Kultur des Hip-Hop" (mit Malte Friedrich), "Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs" (Hg. mit Michael Meuser).

Referenzen:

Heft: 96
Thema: Hip-Hop
ballesterer # 112

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 21.07.2016.

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