Im Goldenen Käfig

cache/images/article_1685_6999_31a_140.jpg Sie sind das elitäre Gegenstück zum Fan aus der Kurve und werden von den Vereinen heiß umworben. Sie sitzen in Logen, trinken Caipirinhas und verschwinden vor dem Schlusspfiff. Ein Ausflug in die oft gar nicht so abgehobene Welt der VIPs.
Mario Sonnberger | 11.08.2011
Das Spiel hat schon begonnen, doch viele Sitzreihen sind leer. Auf der Osttribüne warten ein paar Männer auf ihr Bier und werfen unruhige Blicke auf den Rasen. Sie wollen nichts verpassen. Es ist das erste Meisterschaftsheimspiel der Wiener Austria, und die Stimmung muss sich an diesem kühlen Abend erst einspielen. Schräg gegenüber sind die Menschen bester Laune. Der heftige Wind, der den Regen kübelweise auf den Unterrang der Osttribüne und die Fans zu den geschützten Plätzen bei den Standln oder auf den Oberrang treibt, kann ihnen die Vorfreude auf das Spiel nicht vermiesen. Denn auf der Längsseite machen violette Sitzpolster und ein reichhaltiges Buffett das schlechte Wetter zum kleinen Schönheitsfehler eines standesgemäßen Meisterschaftsauftakts.


Kaum ein halbes Spielfeld trennen die »Ost« von der VIP-Lounge auf der Südtribüne der Generali Arena, vormals Franz-Horr-Stadion. An einem Ort, an dem supportunwillige Längstribünenbesucher bei schwacher Stimmung gern als »Sitzplatzschweine« bezeichnet werden, wirken sie wie Kilometer. Ein Ort, der noch dazu langsam zu eng wird. München, London, Johannesburg überall, wo in den letzten Jahren Hightech-Arenen aus dem Boden gestampft wurden, bekamen Sky-Boxen, Business Lounges und VIP-Sektoren mehr Raum. Mitunter zum Ärger der Fans, deren Plätze nun buchstäblich zweitrangig wurden, obwohl die Klubs die Kartenpreise stetig in die Höhe trieben. Doch ihre Rufe dringen selten zu den Bossen durch. »Populistische Scheiße« nannte Uli Hoeneß 2007 entsprechende Beschwerden der Bayern-Fans. »Was glaubt ihr eigentlich, was wir das ganze Jahr machen, um euch für sieben Euro ins Stadion zu lassen? Euch finanzieren doch die Leute in der Loge.« In Österreich stellt sich die Lage angesichts kleinerer Stadien anders dar. Aber auch hierzulande nehmen die Klubs die Einnahmen aus den hochpreisigen VIP-Karten gerne an. Seit den 1980er Jahren, als die großen Vereine erste VIP-Angebote erstellten, hat sich die Bedeutung der VIP-Klubs stetig erhöht. Die VIPs aus Politik, Wirtschaft und Kultur nutzen die zwanglose Atmosphäre beim Fußball, um ihre Netzwerke zu spinnen, von denen wiederum auch die Vereine profitieren.

Vom Flughafen ins Bierzelt
Was VIP-Clubs von heute ausmacht, beschreibt der deutsche Elitenforscher Michael Hartmann so: »Normalerweise funktioniert es nach dem Schema, dass sich dort die wichtigeren Leute treffen. Auch Sponsoren vergeben ihre Karten nicht an Menschen von der Straße, sondern an Geschäftspartner oder bekannte Leute aus Politik, Wissenschaft und Kultur. Das heißt, es ist sowohl ein Treffpunkt, wo sich verschiedene Kreise austauschen können, als auch ein Ort der Abgrenzung. Denn zu den Kreisen, die sich dort treffen, hat der normale Fußballzuschauer keinen Zugang. Es ist wie am Flughafen, da kommen Sie als normaler Tourist auch nicht in die VIP-Lounge.«


Um als »Very Important Person« entsprechend umsorgt zu werden, muss nicht bloß der Name, sondern vor allem die Brieftasche das richtige Gewicht haben. »Es gibt zwar immer ein paar Ehrengäste«, sagt Austria-Kuratoriumsmitglied Peter Pelinka. »Aber der überwiegende Teil der VIP-Besucher zahlt mehr aus welchem Grund auch immer und sitzt dann auch anders. Wenn man so will: besser. Jeder nach seinem Plaisir.« Bei der Austria ist das immerhin viermal so viel, wie man für einen regulären Sitzplatz auf der Südtribüne hinlegt. Der, mit etwas Glück, nur wenige Meter von dem Bereich entfernt ist, in dem sich die vermeintliche Haute Volée die Hände schüttelt.


Doch einmal abgesehen von Platz und Ambiente:  Was unterscheidet den österreichischen VIP vom »unwichtigen« Normalfan? Zwischen der unnahbaren Red-Bull-Arena in der Salzburger Vorstadt bis zum Edelbankerl des SV Helfort in Ottakring zeichnen sich Bilder ab, deren gemeinsamer Nenner nur schwer zu fassen ist. So mancher assoziiert VIP-Areale mit Champagner, Maßanzügen und der feinen »Bussi-Bussi-Gesellschaft«. Andere sehen darin einen Schaukasten der Politik-Prominenz. Über allem schüttet das Catering-Füllhorn massig Köstlichkeiten für die aus, die das Spiel selbst nur minder begeistern kann. Und so vielfältig wie die Klischees sind auch die Orte des Geschehens selbst vom Dorfklub bis hinauf zu den Spitzenvereinen.


So bittet die Austria ihre Ehrengäste in die zweigeschoßige, seit 2002 kontinuierlich erweiterte VIP-Area in der Südtribüne: Der Bereich umfasst 336 Plätze und 20 Logen, auf der Nordtribüne stehen weitere 121 Luxusplätze zur Verfügung. Beim SV Mattersburg werden die VIPs dagegen in einem Zelt umsorgt, das weniger durch Ausstattung als seine Ausmaße überzeugt. So groß wie ein halbes Fußballfeld, bietet es rund 1.000 Menschen Schutz vor Wind und Wetter. Die dazugehörigen Sitzgelegenheiten auf einer Stahlrohrtribüne längs des Spielfelds sind dagegen nicht überdacht. Beim Match der Mattersburger gegen Wiener Neustadt bleibt jedoch kaum einer der grünen Schalensitze frei. Immerhin ist es das Saisonauftaktmatch, den VIPs lacht die Sonne und es herrscht so etwas wie Derbystimmung im Pappelstadion.


Die Spitze der Nahrungskette
In Wien müht sich die Austria gegen disziplinierte Rieder in die Halbzeit. In der 42. Minute, als die Gäste ihre Schlussoffensive starten, setzt sich auch die VIP-Tribüne in Bewegung. Wie oben im Fansektor scheint das Publikum einer Choreographie zu gehorchen. Nach und nach erheben sich die VIPs von ihren Plätzen und ziehen sich in den Innenraum zurück. Als Schiedsrichter Brugger zur Pause pfeift, ist die Mitte der Südtribüne schon halbleer. Entsprechend rar ist der Platz in ihrem Inneren. Dort bahnt sich das Servicepersonal geschickt seinen Weg durch den Strom der Gäste, um sich um das Buffet zu kümmern. Die Besucher dürfen sich entscheiden zwischen gebackener Hühnerleber, mit Käse überbackenen Gnocchi, Putenfilets in Rahmsauce, Reis und »FAK-Erdäpfelsalat«. Eine Vielzahl feiner Lebensmittel wandert auf die weiß gedeckten, mit violetten Blüten verzierten und mit Brot, Käse und Obst drapierten Tische. Statt nach Bier riecht es nach Kaffee, Semmelbröseln und Zucker. Heiße Marillenknödel versüßen den Gästen die Pause. Zwei Herren greifen gar zu Caipirinhas.


Das Publikum wirkt geschäftig, guter Laune und bunt. Anzug tragende Business-Typen sind kaum zu sehen; stattdessen plaudern Kinder mit ihren Eltern über das Spiel, die kaum schicker angezogen sind als jene Besucher, die sich draußen um ein Bier und eine Scharfe anstellen. Pelinka weiß um die Gemeinsamkeiten: »Der überwiegende Teil gehört, pathetisch gesprochen, zur Austria-Familie. Das sind Leute aus Politik, Wirtschaft und Kultur wie zum Beispiel der Burgschauspieler Peter Simonischek. Sie sind der Austria seit Jahren verbunden und wollen den Matchbesuch mit einem Essen und persönlichem Austausch verbinden.« Dazu gesellen sich Austria-Funktionäre und ehemalige Aktive. Amateure-Coach Ivica Vastic steht plaudernd in einer Ecke, mit Attila Sekerlioglu sitzt eine Stütze der großen Austria-Mannschaft der frühen 1990er Jahre schon wieder draußen auf den Rängen. Der 90-jährige Ex-Teambetreuer Walter Weis ist ebenso da wie Sky-Analyst Andreas Herzog.


In weit nobleren Gefilden als Wien-Favoriten, in Döbling, bleibt das Buffet beim Zweitligaspiel gegen den FC Lustenau vorwiegend kalt. Eine erkleckliche Vielfalt an Pasteten, Brot und Gebäck stimmt die Besucher auf das Match der Vienna gegen den FC Lustenau ein; zur Pause und nach dem Spiel wird es Hauptgerichte wie Schnitzel und Schweinsbraten geben. Heinz Hoffmann, ehemals Funktionär des ältesten österreichischen Klubs, erklärt die Geschichte der VIP-Räume auf der Hohen Warte: »Der VIP-Club wurde in den 1980er Jahren gegründet und war als Kommunikationszentrum gedacht. Das Service ist gut: Man kann zwei, drei Stunden vorher hierherkommen, hat einen festen Parkplatz, gutes Essen und kann die Familie mitnehmen.«


Familiäres Umfeld wird auch in Mattersburg traditionell großgeschrieben. Der SVM lädt regelmäßig bis zu 500 Schulkinder zum Matchbesuch ein, und die dürfen auch ins große weiße Zelt. Doch noch sind Ferien. »Jetzt sind vor allem Mitarbeiter von Sponsor­firmen da«, verrät eine Servicekraft und verweist auf eine 15-köpfige Herrengruppe in weißen Kurzarmhemden, auf denen das Emblem einer Autofirma prangt. Sie bedienen sich an solidem Gasthausessen das obligate Wiener Schnitzel und gebratener Fisch, dazu Wein aus der Region. Die jugendlichen Kellnerinnen, die sich geplagt, aber niemals unfreundlich zwischen den Blöcken hin und her schlängeln, kommen kaum mit den Bestellungen nach. Weniger erfrischend ist die Aussicht: Zwei große Videowalls und der Blick auf den Trainingsplatz samt städtischem Freibad bis auf die Bildschirme das, was auch die Fans auf der Mattersburger Gästetribüne zu sehen bekommen. Verständlicherweise leert sich das Zelt beim Anpfiff in Windeseile, und die Gäste erklimmen die Stufen an der Rückseite der VIP-Tribüne.


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