Im Wohnzimmer der Legende

cache/images/article_1321_meisl_dsh__140.jpg Mit der Veröffentlichung ihrer Biografie über Hugo Meisl haben dessen Enkel Wolfgang und Andreas Hafer ein Stück eigener Familiengeschichte aufgearbeitet. Im ballesterer-Interview räumen sie auf mit Klischees über ihren Großvater und sprechen über Schwarze Löcher bei Österreichs Fußballverbänden, die Bedeutung des Wunderteams für das rot-weiß-rote Nationalbewusstsein und die mangelnde Distanz Meisls zum Austrofaschismus.
Andreas und Wolfgang Hafer­ ­leben in Deutschland, Andreas­ in der Nähe von Stuttgart, Wolfgang in Frankfurt. Umso größer war die Freude, als klar wurde, dass unser Interview anlässlich eines Wien-Besuchs der beiden Historiker in Hugo Meisls ehemaliger Wohnung im Karl-Marx-Hof stattfinden konnte. »Stiege 13. Klingeln Sie bei Meisl, wo sonst«, schrieb Andreas Hafer in der E-Mail-Korrespondenz. Als wir das tun, öffnet sich die Tür zu einer großzügigen Gemeindebauwohnung, in der der Meister des Wiener Fußballs auch mehr als 70 Jahre nach seinem Tod noch omnipräsent ist. Auf Fotos, Bildern und Skulpturen sogar sein Schreibtisch steht noch da.

ballesterer: Wir sitzen hier im Wohnzimmer von Hugo Meisl. Welche Rolle hat dieser Ort für Ihr Buch gespielt, und was verbinden Sie mit ihm?
WOLFGANG HAFER: Die Wohnung lebt von Erinnerungsstücken an Hugo Meisl. Wenn man früher zur Tür hereingekommen ist, hat man ein großes Bild vom Länderspiel 1931 im Grunewald-Stadion in Berlin gesehen, wo das Wunderteam 6:0 gegen Deutschland gewonnen hat. Darauf stand: »In ­Erinnerung an ehrenvolle Tage«. Der zweite Eindruck war das Relief, da an der Wand.

Wie ist die Idee zu dem Buch entstanden?
WOLFGANG HAFER: Anlass war die Veröffentlichung von zwei kurzen Biografien beides sehr wohlwollende Beiträge, bei denen man aber gemerkt hat, dass die Autoren von vielem keine Ahnung hatten. Zuerst wollten wir ihnen einen Brief schreiben, um einige Dinge richtigzustellen. Dann haben wir uns gedacht: Wer sollte eine Biografie schreiben, wenn nicht wir selber? Wir hatten die Quellen und den Zugang zu den Zeitzeugen. Das war auch ein Stück Aufarbeitung der Familiengeschichte. Hugo Meisl war eine Legende, die quasi über unseren Köpfen geschwebt ist. Unsere Tante hatte ihn noch sehr intensiv erlebt und ist mit ihm auf Reisen gegangen. Was für ein Mensch er aber eigentlich war, das haben wir erst bei der Arbeit an dem Buch herausbekommen.

Was waren denn die Familienerzählungen über Hugo Meisl?
WOLFGANG HAFER: Meine Mutter hat immer wieder davon erzählt, wie sie mit Hugo spazieren gegangen ist, und alle drei Meter hat jemand seinen Hut gezogen und gesagt: »Grüß Gott, Herr Meisl.« Das hat sie sehr beeindruckt.
ANDREAS HAFER: Eine andere Geschichte ist die vom berühmten, abwesenden Vater. Er war praktisch nie zu Hause und hat sich auch sehr früh von unserer Großmutter getrennt. Das war 1934, damals war meine Mutter zehn Jahre alt. Später hat er sich sozusagen noch radikaler getrennt, als er 1937 gestorben ist. Das ist der Mythos, der in der Familie mitschwingt: dieser große, zumindest in Wien weltberühmte Vater und sein Nichtvorhandensein. Darum kreisen viele Geschichten.

Was waren die überraschendsten Erkenntnisse während der Arbeit?
WOLFGANG HAFER: Dass der ÖFB uns nicht wollte.
ANDREAS HAFER: Wir haben ganz naiv einen Brief geschrieben und nie eine Antwort bekommen. Erst ganz am Ende hat unser Cousin Herbert Meisl den ÖFB-­Generalsekretär angesprochen und der meinte, wir sollten uns an ihn wenden. Wir haben ihm dann eine E-Mail geschrieben und eine Antwort vom ÖFB bekommen, dass sie uns nichts sagen könnten und wir alles im Buch von Wolfgang Weisgram nachlesen sollten.
WOLFGANG HAFER: Ich hatte noch ein kafkaeskes Erlebnis, als ich beim Wiener Fußballverband angerufen und nach Archiveinsicht gefragt habe. Als Antwort kam: »Moment, ich frage mal nach.« Dann habe ich fünf Minuten gewartet, zehn, 15 Minuten. Aber da war niemand mehr. Nur ein großes Schwarzes Loch. Ob es Ressentiments gab, weil wir aus Deutschland kommen, weiß ich nicht. Es ist mir auch egal, wir haben trotzdem einen Haufen Dinge gefunden. Auch in dem Sofa, auf dem Sie gerade sitzen. Da haben wir ein Buch mit dem Briefwechsel mit Arsenal-Manager Herbert Chapman gefunden.

Wie würden Sie das Verhältnis von Meisl zu seinen Spielern beschreiben? Es ist überliefert, dass alle außer Kapitän Blum ihn mit »Herr Meisl« angesprochen haben.
WOLFGANG HAFER: Ich vermute, dass ihn kein Spieler geduzt hat. Das war der Zeitgeist. Der Trainer war der Professor. Es gibt eine Szene, als die Mannschaft in Ungarn war. Meisl hat alle ins Bett geschickt und ist dann durch verschiedene Kneipen gezogen und hat es sich gutgehen lassen. Er war eine Vaterfigur und die Spieler waren die Buben, die zu machen hatten, was er sagte. Eine mögliche Ausnahme ist die legendäre Geschichte, als das Team 0:5 in Nürnberg verloren hatte und Sindelar gesagt haben soll: »Wir hätten noch mehr scheiberln müssen.« Das wäre ein Eingriff in die Autorität des Trainers gewesen.

In Ihrem Buch rücken Sie bestimmte Klischees über Ihren Großvater zurecht. Worauf sind Sie bei der Recherche gestoßen?
WOLFGANG HAFER: Diese »Schmieranski-Geschichte« ist nett, aber dahinter steckt eine Sichtweise auf Hugo Meisl, die besagt, dass alles mehr oder weniger Zufall gewesen sein soll: die Aufstellung, die ihm abgerungen werden musste, die er eigentlich gar nicht wollte. Die Infragestellung seiner Kompetenz. Das ist ein kritischer Punkt: Man sieht die wirkliche Leistung nicht. Er war ein sehr moderner Trainer mit sehr modernen Trainingsmethoden. Er hat sich sehr intensiv mit Taktik auseinandergesetzt, mit dem Konflikt zwischen der WM-Formation und der Wiener Schule. Er hat sich Gedanken gemacht: Welche Spieler könnten in das System passen? Ärgerlich ist, dass man bei dieser schönen Anekdote den Eindruck gewinnt, dass es Glück und letztendlich Sindelar gewesen wären, die den Unterschied ausgemacht hätten. Der Erfolg beruhte aber auf langfristiger Spielerbeobachtung, Trainingsmethoden und System.
ANDREAS HAFER: Hugo Meisl hat Tagebücher geführt, in die er alle Spieler eingetragen hat. Leider sind sie verschollen. Sindelar hat er sehr früh beobachtet, ihn zur Austria geholt und gefördert. Dass er Meisl aufgedrückt wurde, das stimmt einfach nicht.
WOLFGANG HAFER: 1940 haben zwei kicker-Autoren eine Broschüre über das Wunderteam veröffentlicht, in der dieses Muster sehr klar dargestellt wird. Hugo Meisl, der namentlich nicht mehr genannt werden darf, wurschtelt vor sich hin. Dann wird ihm Sindelar aufgezwungen, und der große Erfolg kommt. Das sind die Legenden, die immer noch leben. An der Stelle sind wir etwas empfindlich, weil es definitiv nicht so war. Das lässt sich nachweisen

Wie Hugo Meisl zum Austrofaschismus und zu Benito Mussolini gestanden ist, wie sich die Kaffeehausdiskussionen mit den Journalisten abgespielt haben und was ihn von seinem Bruder Willy unterscheidet, lesen Sie in der vollständigen Version des Interviews im aktuellen ballesterer ab sofort österreichweit im Zeitschriftenhandel.

Buchtipp:
Andreas & Wolfgang Hafer:
»Hugo Meisl oder: Die Erfindung des modernen Fußballs«
(Verlag Die Werkstatt, 2007)

Referenzen:

Heft: 48
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png