Jedem sein Fan

Damit Sie sich auf der Fanmeile bei Besuchern aus sämtlichen Teilnehmerländern einschleimen können, hat der ballestererfm mit einem 18-köpfigen Linguistenteam das Wort Fan in alle EM-relevanten Sprachen übersetzt.
Klaus Federmair | 13.05.2008

ADEPTO

(portugiesisch)

Für Außenstehende ist es ein Rätsel, wie sich wegen eines Teams aus elf Fußballern Woche für Woche Tausende Menschen aufführen wie kleine Kinder und die seltsamsten Rituale zelebrieren. Insofern sind Fans durchaus mit den Adepten der antiken Mysterienschulen zu vergleichen.

AFICIONADO

(spanisch)

Spanier lassen sich vom Team ihres Herzens einfach immer begeistern (aficionar), obwohl sie beim Antreten der Nationalmannschaft bei Welt- und Europameisterschaften am Ende meistens eher entgeistert dreinschauen.

ANHÄNGER

(deutsch/österreichisch/

schweizerdeutsch)

Der Fan ist vor allem in Deutschland auch Anhänger. Nicht wegen der vielen Autobahnen, sondern weil zu den Urzeiten des deutschen Fußballs fremdländische Ausdrücke verpönt­ waren. Der Österreicher bezeichnet sich hingegen seit jeher als Fan. Nicht weil er besonders fanatisch wäre, wie die Herkunft des Wortes nahelegen würde, sondern weil er die Herkunft des Fußballsports immer schon auch in seinem Sprachgebrauch würdigte (oder weil er zu faul zum Übersetzen ist). Auch die Schweiz kennt kaum Anhänger. Ob es mit dem 28-Tonnen-Limit auf der Autobahn und den vielen Eisenbahnstrecken zusammenhängt?  

/BOLELSCHTSCHIK (russisch)

Kann man bei den Franzosen noch an einen Zufall glauben, der den Fan in die wortwörtliche Nähe des Leidenden bringt, so sind die Russen über jeden Zweifel erhaben. kommt von /boljet: krank sein, Schmerzen haben. Es ist wirklich krank, mit dem ersten offiziellen UEFA-Europameister der Geschichte (als Sowjetunion) 48 Jahre später immer noch auf eine Wiederholung des Kunststücks von 1960 zu hoffen.     

FAN

(rätoromanisch/österreichisch/

westschweizerisch)

Dass gerade die kleine Sprachgruppe der Rätoromanen die Herkunft des Fußballsports in ihrem Sprachgebrauch so konsequent würdigt (oder zu faul zum Übersetzen ist), ist für den Nichträtoromanen doch eine beträchtliche Überraschung. Dennoch sei dem Leser an dieser Stelle ein Wort im vierten schweizerischen Idiom ans Herz gelegt, das er bei seiner EM-Reise in die Schweiz womöglich gebrauchen kann: Wer in Graubünden die Fanbotschaft sucht und mit Deutsch, Französisch und Italienisch nicht durchkommt, frage am besten nach dem center daccoglientscha per fans.

FANOUEK

(tschechisch)

Natürlich, die Tschechen ohne Hatschek geht gar nichts. Trotzdem soll die Herkunft des Fußballsports in ihrem Sprachgebrauch durch ein mehr oder weniger englisches Wort gewürdigt (oder der übersetzungsspezifischen Faulheit gefrönt) werden.

KIBIC

(polnisch)

Der polnische Ausdruck ist vom deutschen »Kiebitz« entlehnt. »Der Kiebitz ist kein Singvogel«, sagt ein Sprichwort, das dem Zaungast bei einem Spiel Kommentare zu selbigem untersagt. Dies wirkt anachronistisch, wenn man polnische kibice im Stadion beobachtet. Zwar hängen sie sich gelegentlich an einen Zaun, um ein Tor zu feiern, aber Kommentare und Gesänge lassen sie sich ganz sicher nicht verbieten.

MIKROBIST

(rumänisch)

Der rumänische Fan ist Tag und Nacht von seinem Team erfüllt. Millionen kleine Fan-Mikroben fließen unentwegt durch seine Adern. Solcherart infiziert wird er schließlich völlig mikrobist.

NAVIJA

(kroatisch)

Das eigene Team zu unterstützen (navijati), darauf kommt es den Kroaten an.  Der navija ist also genau wie der supporter ein Unterstützer.

/PHILATHLOS

(griechisch)

Der Fan ist der Freund des Sportlers, und genau so ist der athletophile Fan im Griechischen konstruiert.

SUPPORTER

(französisch/niederländisch/westschweizerisch)

Bei den Niederländern und Schweizern wundert man sich nicht, dass sie die Herkunft des Fußballsports in ihrem Sprachgebrauch würdigen (oder zu faul zum Übersetzen sind). Aber die Franzosen, gemeinhin bekannt als stolze Verteidiger ihres Idioms bis hin zum Kommunikationsverzicht? Da muss etwas anderes dahinterstecken. Vielleicht das: Das aus dem Englischen entliehene Hauptwort ist identisch mit dem französischen Zeitwort für ertragen/erdulden/aushalten. Fan zu sein bedeutet natürlich immer auch zu leiden, das hat Zinédine Zidane der Welt bei seinem schmerzlichen Abgang im WM-Finale noch einmal extra vor Augen geführt. In diesem Sinne müsste Marco Materazzi »Zizous« größter supporter sein. Er war es schließlich, der den Kopfstoß aushalten musste.

SUPPORTRAR

(schwedisch)

Natürlich, die Schweden sozialpartnerschaftlich geschult bis zum Gehtnichtmehr haben einen Kompromiss gefunden.  Einerseits soll die Herkunft des Fußballsports in ihrem Sprachgebrauch durch ein mehr oder weniger englisches Wort gewürdigt (oder der übersetzungsspezifischen Faulheit gefrönt) werden, andererseits darfs doch auch ein bisserl schwedisch zugehen.

TARAFTAR

(türkisch)

Dem türkischen Fan ist wichtig, parteiisch zu sein. Er definiert sich darüber, auf einer Seite (taraf) zu stehen.

tifoso

(italienisch/südostschweizerisch)

Erstaunliches fördert das italienische Herkunftswörterbuch zutage. Der uritalienische Begriff tifoso kommt vom griechischen typhos. Und das bedeutet: im Delirium sein. Ein echter tifoso ist also immer komplett von Sinnen, selbst wenn er Südostschweizer ist.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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