Hans Sarpei (30) ist in Chorweiler aufgewachsen. Der ghanaische Nationalspieler vom deutschen Bundesligisten VfL Wolfsburg hat hier mit dem Fußballspielen begonnen. »Auf dem Aschenplatz des SV Fühlingen-Chorweiler«, wie er dem ballestererfm verrät, »außerdem spielte ich fast jeden Tag mit meinen Freunden nach der Schule Fußball auf verschiedenen Parkdecks der Wolkenkratzer von Chorweiler.« Die Deutschen, so erzählt Sarpei, waren dabei »immer in der Unterzahl.« »Die meisten meiner Mitspieler kamen aus Albanien, Polen, Russland oder der Türkei«, erinnert er sich. Denn in Chorweiler, der größten Plattenbausiedlung Nordrhein-Westfalens, liegt der Ausländeranteil seit den 80er-Jahren bei über 40 Prozent.
»Deutsche Tugenden« und afrikanische Leichtigkeit
Heute gehört Hans Sarpei zu einer populären Generation von Bundesligaprofis, die zwischen Deutschland und Afrika groß geworden sind. Sarpeis Wolfsburger Teamkollege Pablo Thiam wurde 1974 in Conakry in Guinea geboren und spielte seit 1993 (Afrika-Cup-Qualifikationsspiel gegen Burundi) 30 Mal für die Nationalmannschaft des westafrikanischen Landes. Otto Addo, derzeit beim FSV Mainz 05 unter Vertrag, kam 1975 in Hamburg zur Welt. Er stand mit Hans Sarpei 2006 im WM-Kader von Ghana. Gerald Asamoah vom FC Schalke 04, 1978 in Mampong in Ghana geboren, gab indes 2001 sein Länderspieldebüt für Deutschland.
Der Status von Sarpei, Thiam und Co. unterscheidet sich nach wie vor von dem anderer deutscher Spielerkollegen. »Auf dem Spielfeld stehen Spieler wie wir, die deutsche und afrikanische Wurzeln haben, immer unter besonderer Beobachtung«, erklärt Hans Sarpei dem ballestererfm, »denn wir verkörpern sowohl die so genannten deutschen Tugenden wie Disziplin und Einsatz als auch afrikanische Leichtigkeit und Freude auf dem Platz.« Pablo Thiam, der Anfang 1979 als Sohn eines diplomatischen Vertreters aus Guinea in die damalige Bundeshauptstadt Bonn kam, hat eine ähnliche Meinung: »Als farbiger Spieler musst du schon in jungen Jahren etwas vorweisen, aber wenn du Qualitäten hast und diese zeigst, kann es auf Anhieb klappen. Man muss als Ausländer einfach mehr tun, um die Fans auf die eigene Seite zu ziehen.«
Mit dieser Mischung aus Einsatzwillen und Spielfreude gewann Pablo Thiam, der 1990 mit dem 1. FC Köln Deutscher B-Jugendmeister wurde und 1994 gegen Mönchengladbach sein Bundesliga-Debüt gab, die Herzen der Kölner Fans. Dennoch müssen sich schwarze Fußballprofis wie Pablo im fußballerischen Alltag Deutschlands immer noch gegen rassistische Anfeindungen und Vorurteile wehren. »Es ist schwer zu sagen, wo genau die Probleme unserer Spielergeneration liegen«, meinr Hans Sarpei, »vor etwa zehn Jahren, als ich Profi wurde, hat man rassistische Ausbrüche eher als Nebensächlichkeiten abgetan. Mittlerweile werden solche Vorkommnisse von der Öffentlichkeit besser wahrgenommen und es wird mehr gegen Rassismus getan als früher in den Stadien und auch außerhalb.«
»90 Minuten Urwaldlaute«
Hans Sarpei ist vor allem ein Auftritt mit Fortuna Köln, wo er von 1998 bis 2000 spielte, beim FC Energie Cottbus in Erinnerung geblieben. »Einige Verrückte«, sagt Sarpei nachdenklich, »haben mit Bananen nach mir geworfen und mich permanent bepöbelt. So etwas nimmt einen schon mit.« Auch Otto Addo hat keine guten Erinnerungen an Cottbus, den derzeit einzigen Erstliga-Standort im Osten Deutschlands. »Als Gerald Asamoah und ich 1998 mit Hannover 96 bei Energie Cottbus zu einem entscheidenden Aufstiegsduell antraten, haben einige Cottbuser Fans 90 Minuten lang Urwaldgeräusche gemacht und uns mit Bananen beschmissen«, erzählte Addo Anfang 2006 in einem Online-Interview, »dazu kamen noch Neger-raus-Sprechchöre. Das war ein ganz schlimmes Erlebnis, das ich nie vergessen werde.«
Dass es farbige Spieler in Deutschland lange Zeit schwerer hatten als anderswo, hat für Pablo Thiam historische Gründe. »Es ist ganz einfach«, erklärt er gegenüber dem ballestererfm, »die Deutschen haben im Gegensatz zu den Engländern, den Franzosen oder den Niederländern lange Zeit kaum Kontakt zu farbigen Fußballprofis gehabt. In diesen Ländern gab es durch die ehemaligen Kolonien immer einen höheren Anteil an Schwarzen in der Bevölkerung und später auch in den Fußball-Ligen. Davon haben ab den 80er-Jahren auch die jeweiligen Nationalmannschaften profitiert. Das ist der große Unterschied.«
Respekt für die nächste Generation erkämpft
Für Pablo Thiam sind es nicht nur die zahlreichen Anti-Rassismus-Kampagnen der Bundesligaklubs, die wichtige Zeichen im Alltag setzen. »Es kommt auf die Einstellung an und auf den Willen, sich durchsetzen zu wollen«, erklärt Thiam, »ich habe sehr viele Freunde, die zwar keine Fußballprofis geworden sind, die aber dennoch als Farbige gute Jobs bekommen haben. Wenn man sich behauptet, kann man Rassismus bekämpfen. Nur mit Fingerzeigen kommt man nicht dagegen an. Du musst beweisen, dass du etwas drauf hast, das ist der einzige Respekt, der dich weiterbringt.« Hans Sarpei ist sicher: »Pablo, Gerald, Otto und ich haben uns gemeinsam mit anderen afrikanischen Bundesliga-Profis wie Anthony Baffoe diesen Respekt verdient, von dem auch die nächste schwarze Spielergeneration in der Bundesliga profitieren wird.«
Unterschiedliche Karrieren im Nationaltrikot
Hans Sarpei und Pablo Thiam stehen mit vielen der in Deutschland aufgewachsenen Afro-Profis in losem telefonischen Kontakt. Ihre afrikanischen Wurzeln verbinden sie. Und doch entschieden sie sich unterschiedlich, als es darum ging, für die Nationalmannschaft aufzulaufen. Während Gerald Asamoah für Deutschland unter anderem bei zwei Weltmeisterschaften am Ball war, entschieden sich Addo, Sarpei und Thiam für die afrikanischen Auswahlteams. Eine Suche nach Identität? »Es ist nicht leicht für mich, weil ich in Ghana geboren und in Deutschland aufgewachsen bin«, erklärt Hans Sarpei, »ich habe zwar einen deutschen Vornamen und war in Aachen bei der Bundeswehr, aber wenn mich jemand siehst, dann nimmst er mich nicht als Deutschen wahr.« Umgekehrt, so der Mittelfeld-Allrounder, nennen sie Sarpei in Ghana respektvoll »den Deutschen«. Pablo Thiam dagegen fühlt sich »zu 100 Prozent als Guineaner«. Der Weltpokalsieger von 2001 (mit Bayern München) weiter: »Ich habe eine enge Bindung zu Guinea, obwohl ich nicht so oft im Land war. Aber ich fühle mich trotzdem in Deutschland am wohlsten, habe hier die guten Seiten des Lebens kennen gelernt und ich habe mich dafür entschieden, meine Kinder in Deutschland groß werden zu lassen.« Für Hans Sarpei ist die Stadt Köln »ein Stück Heimat« geworden. Hier leben bis heute viele seiner Freunde. Irgendwann, so sagt er, will er hierher zurück. Vielleicht auch nach Chorweiler.






erscheint am 12. Juli 2013.
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