Kollektive Individualisten

Eine Hand an einem europäischen Pokal hatten die Spieler von Lok Leipzig in den späten 1980er Jahren. Nach einer beeindruckenden Siegesserie trafen Leipzigs »freche Hunde« im Endspiel des Cups der Cupsieger auf Johan Cruyffs junges Ajax-Team.
Clemens Zavarsky | 13.02.2012
Es war der 13. Mai 1987 in Athen. Das Finale im Europacup der Cupsieger zwischen Ajax Amsterdam und dem 1. FC Lokomotive Leipzig war 21 Minuten alt, als Marco van Basten eine Unachtsamkeit in der Lok-Abwehr zum 1:0-Siegestor ausnutzte. Der Höhenflug der »Frechen Hunde«, wie der Spiegel die Mannschaft von Lok Leipzig titulierte, war im Finale zu Ende gegangen. »Aber unser Gesicht haben wir nicht verloren«, sagte später Mittelfeldspieler Uwe Bredow, einer der Akteure am Feld.


Dem sensationellen Lauf der Leipziger im Europacup fiel in Runde zwei auch eine österreichische Mannschaft zum Opfer: Der SK Rapid schied mit einem 1:1 und einem 1:2 nach Verlängerung aus. Und auch das Finalspiel hatte Österreich-Bezug. In den Reihen von Ajax stand der damals 19-jährige Frank Verlaat in der Startformation, der in den 2000er Jahren bei Austria und Sturm spielen sollte. Und für Leipzig stürmte Olaf Marschall, Anfang der 1990er Jahre Goalgetter bei der Admira. Lok-Trainer war Hans-Ulrich Thomale, 1993 bis 1996 GAK-Trainer, der 2002 anlässlich der 100-Jahr-Feier der Grazer zum »Jahrhundert-Trainer« gewählt wurde.


Ajax-Trainer Johan Cruyff hatte im Vorfeld des Spiels vor Lok gewarnt: »Aufpassen, das sind Individualisten.« Die Mannschaft von Thomale entsprach auch neben dem Platz nicht dem klassischen DDR-Klischee. Ganz im Gegenteil. Bei einem Ausflug zum »Klassenfeind« nach Bremen saßen die Leipziger Spieler Rene Müller, Hans Richter und Uwe Zötzsche ausgelassen mit Werder-Manager Willi Lemke an der Bar. Auf die Mahnung eines Funktionärs »Meine Herren, zwölf Uhr, Zapfenstreich« sollen sie mit einem gelassenen »Bloß keine Eile« geantwortet haben. Gefeiert wurde bis in die Morgenstunden.


Thomale galt als DDR-Coach westlicher Prägung: dynamisch, ehrgeizig, konsequent. Aus der verspielten Leipziger Mannschaft formte er ein homogenes Team, das seine Führungsspieler in den drei »frechen Hunden« von der Bremer Bar gefunden hatte. Trotz der 1:0-Niederlage in Athen war 1986/87 die erfolgreichste Saison in der Geschichte von Lok Leipzig. Der dramatische Halbfinalsieg gegen Girondins Bordeaux im Elfmeterschießen vor 73.000 Zuschauern im Zentralstadion bleibt unvergessen und gefeiert wurde danach ganz westlich. Nämlich mit Sekt bis in die Morgenstunden.

Referenzen:

Heft: 69
Rubrik: Thema
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