Kontroverser »Transferwahnsinn«

cache/images/article_1347_ronaldo_fu_140.jpg Gezeter, Gesudere, Gegeifer. Jedes Jahr dasselbe Geschrei über die Ablösesummen, wenn der Transfermarkt brummt wie ein Umspannwerk. Braucht es Beschränkungen bei den Ablösesummen oder beim Gehalt? Die ballesterer-Redaktion wetzt die Messer.

PRO

Von Dominik Sinnreich

»Jump! You Fuckers!« ein Kartonschild in New York wurde Ende 2008 zum Medienstar. Als Kommentar zur Bankenkrise. Als Karton-Kontrast zur steinernen Wall-Street-Welt. Als Ausdruck der Hilflosigkeit. Denn das System ändert sich nicht, wenn sich ein paar koksende Idioten aus dem Fenster schmeißen. Es war immer klar: Sie machen nicht nur das System, das System macht auch sie.

Im Fußball ist es nicht anders. Die Perezes und Abramowitschs wären noch gar nicht auf dem Asphalt aufgeklatscht, da stünden am Fenster schon die Nachfolger. Belege dafür, dass das System Mist ist, sind tausendfach durchgekaut. Transferrekorde gepaart mit Geldwäsche, Kinderhandel, TV-Rechte-Irrsinn. Der Markt braucht Brennstoff. Nirgendwo sonst wird so viel Geld aus dem Fußballkreislauf raus in private Taschen umgeleitet. Kickback-Zahlungen an kooperative Trainer, Beraterhonorare. Bezahlen muss die Party der gemeine Fan mit überteuerten Eintrittskarten und Pay-TV-Abos.

Dass der Anstieg der Spielergehälter jenen ein größeres Stück vom Kuchen zuschanzt, die ihre Haut zu Markte tragen, stimmt. Aber ist es in Zeiten spanischer Rekordarbeitslosigkeit sozial verträglich, dass Alexander Hleb bei Barcelona sieben Millionen Euro pro Jahr verdient hat? In einem Jahr, in dem es sein Job war, jedes Mal im Trainingsanzug von der Ersatzbank auf den Platz zu hoppeln, wenn Barcelona wieder einen Topf mit Henkeln gewonnen hat? Man kann sie förmlich fühlen, die soziale Wärme.

Irgendetwas muss passieren zwischen zahnlosem Reformismus und sozialromantischen Träumereien vom Systemcrash. Irgendwie müssen Grenzen gesetzt werden. Der ökonomisierte Fußball kann sich vielleicht gar nicht allein aus dem System wuzeln, in das er hineingeboren wurde. Aber deshalb gar nichts tun? Das spielt denen in die Hände, die vom Status quo profitieren. Wir sollten ihnen das Leben zumindest schwerer machen. Die Probleme sind da. Sie zu leugnen wäre zynisch. Dann doch lieber: Jump! You Fuckers.



CONTRA

Von Klaus Federmair

Bis zum Redaktionsschluss wehte nur ein leichtes Lüfterl durchs winterliche Transferfenster. Doch der Sturm vom letzten Sommer kann in jeder Übertrittszeit wieder losbrechen. 94 Millionen Euro hatte Real Madrid an Manchester United für das Recht überwiesen, Cristiano Ronaldo jährlich zehn bis 13 Millionen zahlen zu dürfen. Und das mitten in der Krise.

»Das wird mir zu absurd«, ließ Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge die Öffentlichkeit wissen. UEFA-Präsident Michel Platini fand den Transfer »exzessiv« und »unanständig« und brachte Ideen für Gehaltsobergrenzen und Transferbeschränkungen ins Spiel. Im Namen derselben UEFA, die jahrzehntelang die Ablösesummen mit ihrem starren System künstlich hoch gehalten hatte, bis der daran zerbrochene Spieler Jean- Marc Bosman dem Treiben mit Hilfe eines ordentlichen Gerichts ein Ende setzte.

Und die 94 Millionen? Was ist verwerflich daran, dass sich ManU ausgiebig dafür bezahlen lässt, auf die Erfüllung des bis 2012 laufenden Vertrags zu verzichten? Sind die Millionen aus Madrid nicht bei dem für seine Nachwuchsarbeit bekannten Klub aus England besser aufgehoben? Leid tun können einem allenfalls die Menschen in Madrid. Immer wieder refinanzieren sich die schwer verschuldeten »Königlichen« über die Stadt. Aber die Betroffenen könnten die Stadtregierung ebenso abwählen wie Reals Präsidenten Florentino Perez.

Vielleicht sind es nur die unvorstellbaren Beträge, die die Kritiker irritieren. Wenn endlich der Punkt erreicht ist, wo es sogar Herrn Rummenigge zu absurd wird, wie manche mit Millionen herumwerfen, während andere jeden Euro zweimal umdrehen müssen, heißt das nicht, dass das Wohlstandsgefälle nicht schon längst absurd war. Dann geht es einfach um soziale Gerechtigkeit, um höhere Steuern für Vergnügungsbetriebe wie Real und Spitzenverdiener wie Ronaldo. Das gehört aber nicht zum Aufgabenbereich von Monsieur Platini. Dafür gibt es Finanzminister.

Referenzen:

Heft: 49
Rubrik: Thema
ballesterer # 121

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

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