Laute und kritische Töne

cache/images/article_1302_47thema_fa_140.jpg Türkische Fans gelten als leidenschaftliche und stimmkräftige Machos, die nicht verlieren können. Abseits dieser teilweise zutreffenden Klischees gibt es aber auch Fraktionen, die gegen das politische System rebellieren.
Reinhard Krennhuber | 03.11.2009
Es war ohrenbetäubend. In der zweiten Hälfte gab es einen Zeitpunkt, da konnte ich mich nicht einmal mehr denken hören.« Ben Foster, Torhüter von Manchester United, war nach dem Champions-League-Spiel bei Besiktas am 15. September voll der Anerkennung für die Fans der »Kara Kartallar« (Schwarzen Adler). Der Guardian­ stieß ins selbe Rohr. »Drei Stunden vor dem Ankick begannen sie, Alarm zu schlagen. Stell dir vor, du stehst bei einem Iron-Maiden-­Konzert neben den Boxen. Oder direkt unter einer Boeing 747 beim Take-Off«, schrieb der Journalist Daniel Taylor in seinem Matchbericht.

Wenn es gilt, die wesentlichen Charakteristka der türkischen Fankultur festzumachen, fallen vor allem zwei Begriffe: Leidenschaft und Lautstärke. Das Inönü-Stadion von Besiktas gilt als Inbegriff eines Hexenkessels. Während eines Derbys gegen Fenerbahce vor einigen Jahren erreichten die Gesänge einen Wert von 132 Dezibel, ein bis dato unerreichter Weltrekord. Aber auch die Fans der anderen türkischen Vereine und der Nationalmannschaft erzeugen mit ihren wuchtigen, basslastigen Chants oft verbunden mit kollektivem Hüpfen eine Stimmung, die einzigartig ist im internationalen Vergleich und der am ehesten noch die griechischen Supporter nahekommen.

Als aus Amigos Onkels wurden

Die Leidenschaft und das Temperament haben aber auch ihre Schattenseiten. ­»Türkische Fans können schlechter verlieren als Fans in anderen Ländern«, sagt Tobias Schächter, Autor des Buches »Süperlig« und ehemaliger Istanbul-Korrespondent deutscher und Schweizer Zeitungen. Schächter führt diese Beobachtung auf das stark von Werten wie Stolz und Ehre geprägte Rollenbild der Männer in der türkischen Gesellschaft zurück: »Niederlagen werden sehr persönlich genommen.« Den Sieg des Gegners anzuerkennen kommt für viele nicht in Frage. Eine Ausnahme erlebte Schächter nur einmal: nach einer 3:4-Niederlage gegen ­Besiktas applaudierten auch die »Fenerli« den Gewinnern. »Die Stimmung hat sich dann aber binnen Sekunden wieder gedreht und gegen die eigene Mannschaft gerichtet.«

In dieser aggressiven und emotionalen Atmosphäre bleibt es oft nicht bei Wort­gefechten. Gewalt war im türkischen Fußball seit jeher vorhanden verstärkt wurde das Problem durch eine »zunehmende Hierarchisierung und Militarisierung der Fanszene ab den 1980er Jahren«, wie es Schächter beschreibt. Die »Amigos« der alten Schule, beliebte Capos mit Vorsängerqualitäten, wurden von den ­»Kabadayi« abgelöst. Diese »Groben Onkel« scharten die Jugendlichen des jeweiligen Viertels hinter sich und begannen, eigene Geschäftsstrategien zu verfolgen. Konkurrenz wurde dabei keine geduldet. Eine ihrer Einnahmequelle ist der Schwarzmarktverkauf von durch den Verein bereitgestellten Kartenkontingenten. Ähnlich wie in Südamerika sind auch die türkischen Fanklubs wichtige Rädchen im Werkel der Vereinspolitik. »Man darf sich die Klubs in der Türkei nicht als homogenes Gebilde vorstellen«, so Schächter: »Von 15 Präsidiumsmitgliedern wollen acht Präsident werden, weil das mit sehr viel Macht und Einfluss verbunden ist. Die Amigo-Fraktionen sind Spielbälle der Vereinspolitik, und da fließt Geld von verschiedenen Seiten.«

Besiktas vs. Besiktas

Zu klubinternen Reibereien kommt es in erster Linie vor Präsidentenwahlen und wenn es schlecht läuft wie aktuell bei Besiktas, wo sich Klubchef Yildirim Demirören­ nach dem schwachen Saisonstart trotz Meister­titel und Cupsieg in der Vorsaison einer zunehmend unruhigen Opposition ausgesetzt sieht. Vor wenigen Wochen kam es während des Heimspiels gegen Denizli zu einer Massen­schlägerei unter Besiktas-Anhängern im Inönü, nachdem ein Teil der Fans den Präsidenten verhöhnt hatte. Die Bilder von besorgten Vätern, die Sicherheitskräften ihre Kinder über den Zaun aufs Spielfeld reichten, wurden über TV ins ganze Land ausgestrahlt. Das türkische Publikum ist solche Szenen schon gewohnt und hat seine Schlüsse daraus gezogen. Fußball wird, auch wegen der hohen Kartenpreise, vermehrt vor dem Fernseher konsumiert.

»Auch wenn immer mehr Frauen ins Stadion kommen, vor allem bei Fenerbahce der Familienausflug zum Fußball findet nicht statt, weil die Stimmung so aggressiv ist«, sagt Tobias Schächter. Der nach dem UEFA-Cup-Sieg von Galatasaray und Platz drei der Türken bei der WM 2002 einsetzende Zuschauerboom sei weitgehend verebbt. »Galatasaray hat gegen einen durchschnittlichen Gegner selten mehr als 15.000 Zuschauer, bei Besiktas sind es immer rund 20.000. Wirklich voll werden die Stadien nur bei Derbys und Europacupspielen.« Deutlich mehr Zuschauer 33.000 im Schnitt zieht mit Fenerbahce jener Istanbuler Klub an, der als einziger der »Großen Drei« über ein modernes Stadion verfügt.  

Die Rote Nacht von Adana

Ein volles Haus ganz ohne Europacup gab es am 4. September im Stadion von Adana. Das Gastspiel des AS Livorno beim zweitklassigen Eisenbahner­klub Adana Demirspor sorgte auch international für Aufsehen. »Livorno ist ein sehr berühmter Klub in der Türkei. Mit ­forzalivorno.org gibt es sogar eine eigene Homepage von türkischen Fans«, erklärt Demirspor-Fan Yavuz Yildirim dem ­ballesterer das Zustande­kommen der Partie. »Unser Präsident hat Livorno­ eingeladen, um den Fans eine Freude zu machen. Es war eine Art Geschenk. Er hat gesagt, es sei ein Match zwischen zwei ­Arbeiterklubs, deren Fans die gleichen Weltanschauungen vertreten.«

Dass Klubchef Bekir Cinar als Mitglied der regierenden AKP eigentlich eine andere politische Richtung vertritt, ist die Ironie an der Geschichte. Die Freude der Demirspor-Anhänger konnte das freilich nicht trüben. Cristiano ­Lucarelli und Co. wurden schon bei der Ankunft am Flughafen von hunderten­ Fans begrüßt und versetzten die Provinzhauptstadt am Mittelmeer für zwei Tage in helle Aufregung. Die nach westeuropäischen Para­metern als links geltenden Fans von Adana­ Demir­spor nutzten die Gelegenheit zu einer Party mit Programm. »Beim Match und auch schon in der Nacht davor hat eine Karnevalsstimmung geherrscht, in der viele das Gefühl hatten, etwas sagen zu können, was normalerweise nicht möglich ist«, erzählt Yildirim. »Es war auch ein politischer Abend überall hingen Che-Fahnen und andere linke Botschaften und Symbole.« Getrübt wurde das Spiel durch einen Polizeieinsatz gegen Fans, die die Freilassung der trotz einer Krebserkrankung inhaftierten Linksaktivistin Güler Zere forderten. Die Freiheit hatte also auch in der »Roten Nacht von Adana« ihre Grenzen. Unterm Strich wurde das Spiel trotzdem zum Volksfest. Auch wenn sich die Mainstream-Medien bemühten, die Demirspor-Fans als altmodische Romantiker darzustellen, konnten sie das Spiel nicht negieren. Einige kritische Journalisten unterzogen es einer genaueren Betrachtung und sorgten somit für die seltene Gelegenheit, dass in der Türkei durch ein Fußballspiel so etwas wie linkes Gedankengut verbreitet wurde.

Antagonisten und Labelgründer
Sich selbst und die Fangruppe »Simsekler Grubu« (dt.: Die Blitze; in Anlehnung an eine schnelle Eisenbahn, Anm.) möchte Yavuz Yildirim nicht als links bezeichnen, er sagt lieber: »Wir sind antagonistisch, viele Mitglieder sind gegen das System.« Die Situation in der Türkei sei nicht vergleichbar mit anderen europäischen Ländern, Fangruppen würden sich nie politisch deklarieren. »Die Kurven sind nicht homogen. Im Stadion kannst du keinen klaren linken Standpunkt vertreten, sondern ihn nur implizit andeuten mit Transparenten oder der Umdichtung eines linken Songs auf dein Team.« Und das machen die Fans aus Adana, die heuer als erstes türkisches Team an den »mondiali antirazzisti« in Italien teilgenommen haben. »Bella ciao« wurde nicht nur im Livorno-Spiel intoniert, und auf den Bannern steht »Hasta Siempre« oder »Sehrin Asi Cocuklari« (Die schlimmen Bengel der Stadt): »Das rebellische auf diesem Transpi bezieht sich offiziell­ auf den Ärger über das Versagen unseres Teams, das sich Jahr für Jahr wiederholt.«
 
Für Yavuz Yildirim heißt linke Fankultur aber auch, »gegen die Industrialisierung und Kommerzialisierung des Fußballs Stellung zu beziehen, die die Lücke zwischen kleinen und großen Klubs immer weiter aufreißt«. Eine »europäische« Fanposition, die in der Türkei nur langsam Anhänger findet. »Die Fangruppen haben durch die Masse an Leuten viel Kraft, können sie aber nicht effektiv nutzen, weil sie von Kluboffiziellen geleitet werden«, sagt Yavuz. Als Beispiel dafür sieht er auch die Fangruppe »Carsi« von Besiktas, die das Anarchy-Zeichen im Logo trägt und sich in der Vergangenheit durch Aktionen wie der Unterstützung des auf vielen Tribünen angefeindeten Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk oder dem Auftreten gegen Atomenergie­ einen »linken« Ruf erarbeitet hat. »Carsi hat viel für die Fankultur in der Türkei getan, und viele von uns haben etwas von ihnen gelernt. Mittlerweile sind sie aber zu einer Firma geworden, deren Label sich weitgehend von der ursprünglichen Natur und den Inhalten des Fanklubs entfernt hat.« Wer am lautesten schreit, muss nicht immer Recht behalten. Das gilt auch für die Fan­kultur in der Türkei.


Unruhen und Morde


Die Ermordung der beiden Leeds-Fans Christopher Loftus und Kevin Speight am Istanbuler Taksim-Platz durch Galatasaray-Fans am Vorabend des UEFA-Cup-Halbfinales 2000 sorgte weltweit für Schlagzeilen. Tote und Verletzte durch Fußballgewalt waren im türkischen Fußball aber auch davor und danach zahlreich zu beklagen. Ein Auszug:

September 1967:
Im Rahmen des anatolischen Zweitligaderbys zwischen Kayserispor und Sivasspor kommt es zur schwersten Stadionkatastrophe des türkischen Fußballs. Nach Steinwürfen zwischen den beiden Fangruppen im Atatürk-Stadion von Kayseri, entsteht unter den 5.000 mitgereisten Sivas-Anhängern eine Massenpanik. 40 Menschen sterben, 300 werden verletzt, die Sicherheitslage in der Region gerät für Wochen außer Kontrolle. Hintergrund der Katastrophe ist eine langwierige Feindschaft zwischen sunnitischen Moslems aus Kayseri und schiitischen Alewiten aus Sivas.

Mai 1987:
Schwere Unruhen in Konya, nachdem der lokale Verein um zwei Tore den Aufstieg in die Süperlig verpasst. Häuser werden angezündet, die Polizeizentrale und das Büro der regierenden Vaterlandspartei ANAP angegriffen. Die Tumulte können erst vom Militär beendet werden.

November 2004:
Der 16-jährige Cihat Aktas wird während der Partie zwischen Besiktas und Rizespor mit drei Messerstichen so schwer verletzt, dass er wenig später stirbt. Der Täter, ebenfalls ein Besiktas-Fan, gibt nach seiner Verhaftung an, sich nach einer Rempelei provoziert gefühlt zu haben. In der Saison davor war während der Zweitliga-Partie zwischen Karsiyaka und Göztepe ein weiterer Fan ums Leben gekommen.

Referenzen:

Heft: 47
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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