Leben am Abgrund

Abgerechnet wird am Schluss. Zumindest bei den Absteigern der deutschen Bundesliga. Heuer kommen für die zwei Fixabsteiger und den Relegationsplatz noch eine Handvoll Teams in Frage. In Österreich ist die Tabellensituation klarer. Über Kapfenberg kreisen statt den »Falken« schon die Geier. Eine Bestandsaufnahme.
Die Flutlichtlampen gehen aus. Es ist der 21. März, kurz nach elf im Gerhard-Hanappi-Stadion. In der österreichischen Bundesliga sind noch zehn Spiele zu absolvieren. Das Rennen um die Meisterschaft ist noch offen, zu ausgeglichen sind die Ergebnisse der Titelanwärter. Die Lampen der Flutlichtmasten glühen nach, während die Lichter eines Autos mit steirischem Kennzeichen angehen. In dem Auto sitzen Tamara und Walter, sie treten den Heimweg nach Kapfenberg an. Soeben ist der 26. Spieltag zu Ende gegangen und der SK Rapid hat gegen ihren Verein, den Kapfenberger SV 1919, mit 3:0 gewonnen. Es war eine durchschnittliche Leistung der Rapid. Nach dem heutigen Spiel hat der Tabellenletzte Kapfenberg elf Punkte Rückstand auf den rettenden neunten Platz. Wiener Neustadt hat in Salzburg verloren, Mattersburg hat gewonnen. Die Mannschaft von Trainer Thomas von Heesen fährt ohne Punkte zurück ins Mürztal. Für den Kapfenberger SV wird es sehr eng.

Die Uhr anhalten
Eine Uhr auf der Nordtribüne des Volksparkstadions, dort, wo die Fans des Hamburger Sport-Vereins stehen, zählt die Zeit. Solange sie läuft, ist alles gut. Denn so lange spielt der HSV noch in der ersten deutschen Bundesliga. Zu Redaktionsschluss sind das 48 Jahre, 225 Tage, 14 Stunden, 49 Minuten und 31 Sekunden. Der Verein ist das letzte Gründungsmitglied der Bundesliga, das ununterbrochen in dieser Spielklasse aktiv ist. Deswegen wird er »Dino« genannt und hat ein blaues Dinosaurier-Maskottchen, das in roten Hosen zum Jubeln auf den Rasen läuft. Derzeit allerdings eher selten. Die Fans bangen um den Klassenerhalt, Trainer Thorsten Fink hat dunkle Ringe unter den Augen und hinter der Glasfassade der Geschäftsstelle im Stadion tagt Ende März der Vorstand und rechnet. Bis zum 1. April mussten Vereine, denen in der kommenden Saison möglicherweise ein Ligawechsel bevorsteht, bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) ihre Lizenzierungsunterlagen für die potenzielle neue Liga nachreichen. Denn geplant werden muss auch für das, was nicht sein darf: den Abstieg.


Wenn der HSV im Jahr des 50. Jubiläums der Bundesliga nicht dabei sein könnte, wäre das ein Einschnitt. Aber das Schicksal des HSV in dieser Saison zeigt: In der deutschen Bundesliga kann es fast jeden treffen. Meister von gestern wie Stuttgart 2007 und Wolfsburg 2009 müssen kurz darauf schon um den Klassenerhalt bangen. In der aktuellen Saison beginnt vor den Spielen am Osterwochenende die Abstiegszone bei Platz 13 Platz 17 und 18 bedeuten den Abstieg, Platz 16 die Relegation. Spannung und Drama bis zum Schluss. Für Arnd Zeigler, Stadionsprecher bei Werder Bremen und Moderator der TV-Sendung »Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs«, spricht das für die deutsche Bundesliga: »Ich möchte nicht mit den Ländern tauschen, in denen schon vor Saisonbeginn klar ist, aus welchem Kreis die Absteiger kommen.«

Was tun im Abstiegskampf?
So ein Land ist Österreich. Kapfenberg war zwar letzte Saison im Cup-Semifinale, gehört aber seit dem Aufstieg 2008 ständig zum Kreis der Abstiegskandidaten. In den letzten 20 Jahren versprach der Abstiegskampf kaum Spannung, am überraschendsten traf es wohl die SV Ried 2003. Bis zum letzten Spieltag lagen die Innviertler nie auf dem Abstiegsplatz. Zur Winterpause waren sie noch im Rennen um einen Europacup-Startplatz und zu Saisonende mit 38 Punkten der beste Absteiger seit Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995/96. Es gab wenige knappe Duelle wie zwischen Wacker Innsbruck und Austria Kärnten 2008 sowie Mattersburg und Altach 2009, in der Mehrzahl der Fälle stand der Absteiger schon früh fest. Einen Negativrekord stellte Vorwärts Steyr in der Saison 1995/96 auf, als der Verein mit sechs Unentschieden und ebenso vielen Punkten und einem Rückstand von 28 Zählern auf den Vorletzten abstieg. »Uns hat die Vorbereitung gefehlt. Wir haben gleich eine Woche nach Ende der Meisterschaft UI-Cup gespielt. Wir haben unsere Gruppe gewonnen und sogar Frankfurt 2:1 geschlagen, für den UEFA-Cup hat es dann trotzdem nicht gereicht«, sagt der ehemalige Vorwärts-Mittelfeldspieler Daniel Madlener, der den Verein damals in der Winterpause verließ. »Außerdem war die Qualität wahrscheinlich nicht ausreichend. Nach der Vorsaison hat es geheißen, dass der Kader verstärkt werden würde. Leider ist genau das Gegenteil geschehen.« Der GAK stieg 2007 aufgrund von Punktabzügen nach Lizenzvergehen ebenfalls mit 28 Punkten Rückstand auf den neunten Platz ab. Unwesentlich besser erging es Austria Kärnten 2010 mit 17, Austria Lustenau 2000 mit 16 und im Vorjahr dem LASK mit zwölf Punkten Rückstand auf den Vorletzten.


So viel Rückstand brauchte Kapfenberg nicht, um nervös zu werden. Am 21. November 2011 bat Langzeittrainer Werner Gregoritsch Präsident Erwin Fuchs, das Arbeitsverhältnis aufzulösen. Der Verein war mit vier Punkten Rückstand Tabellenletzter. Thomas von Heesen wurde als neuer Trainer geholt und in der Winterpause acht neue Spieler verpflichtet, um den Umschwung zu bringen. 14 Spieler mussten gehen oder spielen jetzt in der zweiten Mannschaft. »Wenn man sich die Ausgangssituation im Winter anschaut, war es die richtige Entscheidung«, sagt Klubpräsident Fuchs. Auch Gregoritsch ist vom Handeln seines Nachfolgers überzeugt. »Von Heesen hat reagiert und sehr gute neue Spieler geholt, aber die Neuen müssen im entscheidenden Fall Tore schießen und verhindern. Nicht nur schön spielen«, sagt er.
Gelassener reagierten die weiteren Abstiegskandidaten. Wiener Neustadt, das seit dem Ausstieg von Mäzen Frank Stronach im vergangenen Sommer mit stark reduzierten Mitteln auskommen muss, und Mattersburg, das seit dem Bundesligaaufstieg 2003 regelmäßig zu den Abstiegskandidaten zählt, waren im Winter auf dem Transfermarkt kaum aktiv. In Niederösterreich kamen drei Spieler und mit Tomas Simkovic verließ eine Stütze den Verein. Im Burgenland blieb der Kader so, wie er war. Der Verein vertraute auf die über die letzten Jahre aufgebauten Spieler.

Griechischer Rettungsschirm
Beim vermeintlichen Top-Abstiegskandidaten in Deutschland, dem FC Augsburg, der im Winter auf Platz 17 pausierte, hieß das Rezept »Keine Panik, am Trainer festhalten und sich gezielt von außen verstärken«. Der SC Freiburg, das Tabellenschlusslicht der Winterpause, setzte hingegen auf die Umstrukturierung der Mannschaft: Top-Stürmer Papiss Demba Cisse wurde an Newcastle United verkauft, fünf weitere Spieler, darunter Kapitän Heiko Butscher, freigestellt und der Kader aus dem eigenen Nachwuchs aufgefüllt. Hinzu kam die Entlassung von Trainer Marcus Sorg. Rauswurf oder Ruhe beides erwies sich als erfolgreich. Augsburg und Freiburg haben die Abstiegsplätze zumindest vorübergehend verlassen.


Hertha BSC, bei Redaktionsschluss auf Platz 17, setzte erst nach der Winterpause und internen Querelen zum tiefen Fall an. Die außersportlichen Konfliktherde um den großen Trainerverschleiß und die katastrophale Außendarstellung wurden nach dem 21. Spieltag mit einem spektakulären Transfercoup überdeckt: Der Verein griff nach dem griechischen Rettungsschirm Otto Rehhagel. Über den Erfolg dieser Verpflichtung sind die Meinungen auch Wochen später noch geteilt die Frankfurter Rundschau nannte sie eine »sinnvolle Verzweiflungstat«, Peter Neururer spricht im ballesterer-Interview von einer »Ideallösung«. Symbolcharakter hat der Trainer Rehhagel auch über seinen griechischen Mythos hinaus, gilt der inzwischen 72-Jährige doch als »Sohn der Bundesliga«. Beim Debütspiel der neuen Spielklasse am 24. August 1963 stand Otto Rehhagel auf dem Rasen und zwar im Berliner Olympiastadion im Hertha-Dress.

Alles egal
Ob Symbolfigur, Trainerfuchs oder Rettungsanker der Trainerwechsel ist das Mittel der Wahl, wenn die sportliche Leistung nicht den Erwartungen entspricht. In der ersten deutschen Bundesliga wurde der Coach in der vergangenen Saison 13-mal ausgewechselt und auch in der aktuellen Spielzeit ist mit der Entlassung von Robin Dutt bei Bayer Leverkusen das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen. Doch dürfte in so manchem Fall das Problem weder auf dem Feld noch auf der Trainerbank zu finden sein. »Wenn der HSV absteigen würde, dann hätten sie es nicht deswegen verdient, weil sie der HSV sind«, sagt der Bremer Arnd Zeigler, »sondern weil dort seit Jahren so konsequent fast alles falsch gemacht wird, dass es einfach mal fällig wäre.« So sieht es wohl nicht nur durch eine grün gefärbte Werder-Brille aus. Auch der 1. FC Köln und Hertha BSC hinterlassen bereits seit einigen Spielzeiten den Eindruck, dass außersportliche Gründe für ihre Misere eine große Rolle spielen.


Eine ernüchternde Botschaft in Sachen Trainerentlassung liefert eine Untersuchung der Universitäten Münster und Kassel: Die Forscher haben Daten zu Trainerwechseln in der deutschen Bundesliga von 1963 bis 2009 ausgewertet und kommen zu einem Ergebnis, das den Aktionismus von Vorständen und Vereinsführungen ad absurdum führt: Es ist eh alles egal. »Wir können zeigen«, schreiben die Wissenschaftler um Physikprofessor Andreas Heuer, »dass die Entlassung des Trainers während der Saison praktisch keinen Einfluss auf die folgenden Leistungen des Teams hat.« Zwar gebe es eine messbare Verbesserung der Ergebnisse die trat allerdings auch bei den Mannschaften auf, die am Trainer festhielten. Regression zur Mitte nennt die Statistik diesen Effekt. »Irgendwann haben wir auch wieder Glück« heißt er bei den Fans und in Kapfenberg. »Einige Dinge sind sehr unglücklich verlaufen«, sagt Präsident Fuchs. »Wenn manche Schiedsrichterentscheidungen anders ausgefallen wären, könnten wir locker Zweiter der Frühjahrstabelle sein.« Ex-Trainer Gregoritsch assistiert: »Man braucht ein paar Komponenten für den Erfolg, eine davon ist Glück. In Kapfenberg hat man im Moment leider vor allem Pech. Das Glück haben ausgerechnet die direkten Konkurrenten Wiener Neustadt und Mattersburg.«

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 71, Mai 2012) Ab 13.4. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 71
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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