Generation "Roasting"
So richtig unter die Räder kam der Ruf der Profifußballer Ende September 2003. Eine 17-jährige Schülerin informierte die Polizei, dass sie in einem Londoner Luxushotel von mehreren Premier-League-Spielern vergewaltigt worden war, nachdem sie eingewilligt hatte, mit einem der Anwesenden Sex zu haben. Der Auserwählte stellte sich als der 29-jährige Nicholas Meikle heraus. Laut dem Veranstaltungsorganisator hätte die Schülerin zuerst mit ihm und im Anschluss mit einem Freund und den beiden Fußballern Titus Bramble (22) und Carlton Cole (19) auf freiwilliger Basis geschlafen. Für umgerechnet 14.500 Euro gab Meikle Tage darauf in der Boulevardzeitung »News of the World« nähere Einblicke in das Intimleben der Jungprofis. Laut Meikle sei es üblich, dass die Fußballer in so genannten »Roastings« ihre Frauen teilen. Das »Rösten« bezieht sich dabei auf das weibliche Fleisch, im Idealfall mit zwei Spießen von zwei Seiten.
Aufgrund der zu dünnen Beweisdecke wurden Newcastles Bramble und Chelseas Cole im Jänner freigesprochen. Das angekratzte Berufsbild wurde durch den Fall von Leeds' Jody Morris (25) nicht gerade aufpo¬liert, der mit der Vergewaltigung einer 20-Jährigen in Verbindung gebracht wurde. Auch Morris kam mit ei¬nem blauen Auge davon. Im Soge der Ereignisse schafften dann auch Robbie Fowler und Steve McM¬anaman von Manchester City den Sprung auf die Titelseiten der Boulevardzeitungen. Beide versuchten vergeblich per Gericht eine junge Dame davon abzuhalten, ihr jüngstes Erlebnis mit den verheirateten Altstars zu veröffentlichen. Ihre Story: Nach einer durchzechten Nacht sei sie mit Fowler und MacManaman in ihre Wohnung in Colchester gefahren, wo die beiden Spieler sie zum gemeinsamen Akt zu überreden versucht hätten. Ohne Erfolg.
Selbst die gutgläubigsten Fans mussten langsam zur Kenntnis nehmen, dass es sich um keine Einzelfälle mehr handeln konnte. Wenn¬gleich keinem Fußballer eine verübte Vergewaltigung nachgewiesen werden konnte, blieb dank zugegebener Praktiken wie dem »Roasting« doch ein schaler Nachgeschmack.
Fußballer als Popstars
Nun konnte die Suche nach Erklärungen beginnen. Kolumnisten verglichen »Roasting« mit der Umarmung beim Torjubel, Psychologen sahen im brutalen Umgang mit den »Groupies« eine Form von Bestra¬fung und »Experten« verwiesen auf die Skandalsucht der Medien. Letztere hatten freilich nicht unrecht, denn Premier-League-Fußball ist nun einmal ein Zweig der Unterhaltungsindustrie und erhält eine enorme Aufmerksamkeit. Durchschnittliche Erstligakicker, für die sich vor 15 Jahren niemand wirk¬lich interessiert hätte, genießen heute den Status von Popstars. Früher hätte wohl kaum ein Medi¬um 14.500 Euro für Informationen über das Intimleben eines Verteidigers von Newcastle United hingelegt.
Trotzdem sind die Schuldzuweisungen an die Medien etwas kurzsichtig, denn selbst Boulevardzeitungen reagieren in den meisten Fällen bloß auf eine bestehende Nachfrage. Vielmehr empfiehlt es sich, das Verhalten der jungen Neureichen in einem breiteren Zusammenhang zu betrachten.
Dabei können die Veränderungen im englischen Spiel durchaus aufschlussreich sein. Die Vermarktung der Premier League und das Bosman-Urteil haben dafür gesorgt, dass von den 500 Bestverdienern Großbritanniens im letzten Jahr nicht weniger als 44 aktive Fußballspieler waren. Dabei sind es mitunter mäßig begnadete Akteure wie Jody Morris, die Gehälter von rund 45.000 Euro pro Woche verdienen.
Um zu erfahren, wohin dieses Geld fließt, brauchen Interessierte nur einen Blick in den Anzeigenteil von »The Players Club«, dem Magazin der Spielergewerkschaft, werfen. Neben Villen im sonnigen Dubai wird hier auch die Mitgliedschaft in exklusiven Clubs wie Londons »Chinawhite« angepriesen, wo die Fußballer für rund 3.000 Euro im Jahr ihren verdienten Champagner schlürfen können. »Ohne von Autogrammjägern oder Anhängern gestört zu werden«, versteht sich. Und hier fängt der Fisch zu stinken an. Anstatt den Kontakt zur Realität zu suchen, zahlen junge Profis gutes Geld, um damit nicht in Berührung zu kommen. »Fußballer leben in einer Seifenblase, geschützt von den alltäglichen Schwierigkeiten anderer Menschen«, gibt Southamptons 35¬jähriger Routinier Graeme Le Saux zu.
Hilfe für Jungmillionäre
Viele junge Spieler tun sich schwer, zwischen Seifenblase und Außenwelt zu unterscheiden. Sie verirren sich in der Doppelmoral das Fußballgeschäfts, das von den Akteuren zwar Verantwortung am Spielfeld verlangt, selten aber abseits davon. Dafür gibt es schließlich Manager, Pressesprecher und Spielerberater, die im Gegenzug am Kuchen mitnaschen dürfen.
Die Klubs überschütten ihre Hoffnungsträger zwar mit Geld, kommen ihren sozialen Verpflichtungen aber nicht nach. Anstatt ihnen dabei zu helfen, zu verantwortungsbewußten Menschen zu werden, lassen viele Vereine die jungen Spieler nach Belieben walten. Freddie Ljungberg, schwedischer Mittelfeldspieler bei Arsenal, ortet genau an dieser Stelle das Pro¬blem: »Für junge Spieler ist es wie ein Schock, diese Aufmerksamkeit und das viele Geld zu bekommen. Wenn sich dann auch noch Frauen auf sie schmeißen, dann wird es problematisch. Sie brauchen Hilfe, um damit umgehen zu können.« Unter Hilfe versteht Ljungberg, dass ihnen zuallererst einmal ver¬mittelt wird, was Respekt bedeutet. »Respekt für jeden, vom Mitspieler über den Zeugwart bis zur Putzfrau.«






erscheint am 12. Juli 2013.
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