Wenngleich sich heutige Musiker sichtlich schwer tun, zum Symbol von Ultra-Gruppen zu werden, hat die Symbolwelt italienischer Fankurven nach wie vor viel zu bieten. Hugo Pratts Comic-Held »Corto Maltese« erlebt neue Abenteuer auf den Doppelhaltern der Riveira 1988, einer weiteren Sampdoria-Gruppe. Ein duseliger Smilie ziert das Transparent der »Acid Boys« aus Cavese und der Geist des schottischen Nationalhelden William Wallace ist bei Anconas »Brigata Wallace« allgegenwärtig.
Der Kampf der Symbole
Nach wie vor stark vertreten sind politische Zeichen in Italiens Fankurven. Die Unbeugsamen (»Irriducibili«) von Lazio pflegen ein Faible für den faschistischen Adler, während am Zaun von Varese eine Fahne mit der Aufschrift »Blood & Honour« hängt. Von einer anderen Richtung weht der Wind beim Zweitligisten Ternana, wo Hammer und Sichel den »Red Boys« als Symbol dienen. Atalanta Bergamos »Brigate Neroazzurre« setzt auf den fünfeckige Stern der Roten Brigaden. Während sich die »Rangers Pisa« mit Che Guevara begnügen, gehen deren Erzfeinde aus Livorno mit Transparenten in kyrillischen Schriftzeichen und dem Porträt Stalins aufs Ganze. Verwandte Symbolik findet sich auch außerhalb Italiens, bei der vermutlich einzigen Ultra-Gruppe im englischsprachigen Raum. Die Ultras der Shamrock Rovers aus Irland bedienen sich neben den obligatorischen Kleeblättern einer geballten Faust im realsozialistischen Stil.
Ein Kleeblatt findet sich auch im Wappen der Ultras von Panathinaikos Athen, und zwar auf der Stirn eines von Flügeln umgebenen Totenkopfes. »Gate 13« ist die älteste Gruppe Griechenlands, ihr Name leitet sich von ihrer Positionierung im Stadion ab. Zahlreiche Graffitis in der Olympiastadt verleiten dazu, die Athener zu Mathematik-Besessenen zu verklären. In Wirklichkeiten sind es die Reviermarkierungen der drei großen Ultra-Gruppen: »Gate 13«, Olympiakos »Gate 7« und »Original 21« von AEK.
Im Gegensatz zu Athen müssen in Belgrad keine Territorien markiert werden, denn hier sind die Namen Abschreckung genug. In Serbiens Hauptstadt thronen die Helden (»Delije«) vom Roten Stern und die Totengräber (»Grobari«) von Partizan. Als Bestattungsservice wird nicht nur der FK Partizan, sondern werden auch dessen Ultras bezeichnet, was sowohl auf die schwarz-weißen Klubfarben als auch auf die Nähe des Heimstadions zu einem Friedhof zurückzuführen ist. Auch in Kaiserslautern dient der Spitzname des Vereins als Inspiration in der Fankurve. So nennen sich die Lauterer Ultras - in Anlehnung an die Roten Teufel vom Betzenberg - schlichtweg »Generation Luzifer«. Doch der Hauptpreis für Europas geschmeidigste Namensgebung geht nach Ungarn an die »Szivtiprók« aus Debrecen. Übersetzt: Herzensbrecher. »Ober-Ultra« Jim Morrison hätte seine Freude gehabt.






erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen