Medien, Macht, Mourinho

Das Zeitungstriumvirat »A Bola«, »O Jogo« und »Record« setzt Portugals Teamchef Paulo Bento heftig unter Druck. Der muss aus Cristiano Ronaldo und vielen Einzelkönnern ein erfolgreiches Team zusammenstellen.
Clemens Zavarsky | 16.05.2012
Im Stadteil Bairro Alto in Lissabon platzen die Lokale aus allen Nähten, wenn das Nationalteam spielt. Fußball bestimmt das Leben vieler Portugiesen, und das Nationalteam ist ihr ganzer Stolz. Selbst wenn das runde Leder einmal nicht rollt, gibt es nur ein Thema. »Egal in welcher Stadt des Landes: Überall findest du Männer und Jugendliche beim Studium der Sporttageszeitungen«, sagt Hermann Stessl. »Sie legen sie nicht einmal aus der Hand, wenn sie über die Straße gehen. Das habe ich sonst noch nirgendwo gesehen.«

Gnadenlose Medien
Stessl muss es wissen. Schließlich war er als Trainer ein wahrer Weltenbummler. Neben vier Meistertiteln mit der Wiener Austria arbeitete er noch in der Schweiz, Griechenland, Spanien und eben Portugal, seiner zweiten Heimat. Von 1980 bis 1984 betreute er den FC Porto, Boavista und Guimaraes. Auch heute noch fährt Austrias Jahrhundertcoach zweimal jährlich für mehrere Monate an die Westspitze Europas und kennt die dortigen Gepflogenheiten.

»Die Erwartungshaltung für die EM ist groß. Vor allem wegen Cristiano Ronaldo«, sagt Stessl. Getrieben wird die Stimmung von den großen Sportzeitungen A Bola, O Jogo und Record. Das Mediendreigestirn hat großen Einfluss auf alle Vorgänge im portugiesischen Fußball von der Erstellung des EM-Kaders bis zur Entscheidung, wer die Nationalmannschaft betreuen darf. »Paolo Bento muss mächtige Freunde im Verband und bei den Medien haben. Sonst hätte man seinen Vertrag nicht vorzeitig bis 2014 verlängert«, sagt Stessl.

Der portugiesische Teamchef ist die klassische Zielscheibe der Medien. Kommt er aus dem Dunstkreis von Sporting, wettern A Bola und O Jogo, die Hausblätter von Benfica und Porto, gegen ihn, während Record die Hand vor ihn hält. »Der Druck, unter dem Bento steht, ist ungemein groß. Die Medien sind gnadenlos«, meint Pasching-Tormann Hans-Peter Berger, der zwei Saisonen bei Leixoes SC in der Primeira Liga gespielt hat. »Und Bento hat ein Problem: Er hat keine Mannschaft, sondern viele Einzelkönner. Die muss er zu einer Einheit formen. Seine Leistungsträger sind große Nummern bei ihren Vereinen im Ausland, aber nicht im Team.«

Langer Schatten
Das zweite Problem trägt die Nummer sieben und hat zwölf sündteure Sportwagen in der Garage stehen. »Mit Cristiano Ronaldo in der Startelf muss er mindestens ins Finale kommen. Alles andere wäre eine Blamage«, sagt Stessl. »Seine Spielweise ist der Inbegriff der portugiesischen Mentalität: locker, leicht und heiter. Wenn es aber einmal nicht so läuft, stockt das System. Die portugiesischen Kicker wollen sich nicht quälen.« Und dann kommt schnell die Keule der Medien geflogen.

Doch Paulo Bento hat schon als Trainer von Sporting breite Schultern bewiesen und sich auch als Teamchef konsequent vor seine Mannschaft gestellt. Nach den Erfolgen der »Generation Figo« war die Öffentlichkeit Probleme in der Qualifikation für ein Großereignis nicht gewohnt. Bei einem Ausscheiden im Play-off gegen Bosnien-Herzegowina wäre der Galgen für Bento schon bereitgestanden.

Und immer, wenn es schlecht läuft, mehren sich die Rufe nach Jose Mourinho. Die Situation ist ähnlich wie in Österreich Anfang der 1980er Jahre, als die Medien von einem Teamchef Ernst Happel träumten. »Da wird noch viel Wasser den Bach hinunterlaufen, bis Mourinho den Posten übernimmt«, sagt Hans-Peter Berger. »The Special One« hat bisher alle Rufe höflich, aber bestimmt überhört und Bento den Rücken gestärkt.  

Portugals Sportmedien stehen auf der Seite des Teamchefs, vorerst. Wenn Bento aus den Individualisten eine Einheit formen kann, ist bei der EM alles möglich. Mit dem Pokal im Gepäck würde nicht nur Record den 42-Jährigen auf ein Podest heben. Und Bento würde aus dem langen Schatten Mourinhos treten.

Referenzen:

Heft: 72
Rubrik: Thema
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png