Mehr als der Pott

cache/images/article_2083_bvb-20130417-272©pollert_140.jpg Nur noch ein Sieg - dann ist Borussia Dortmund wieder auf dem Gipfel des europäischen Fußballs. Dort war der Verein aus dem Ruhrgebiet schon einmal. Nach dem Champions-League-Titel von 1997 ging es jedoch tief hinab. Der BVB und seine Fans haben sich zurückgekämpft. Die Geschichte wird sich nicht wiederholen.

»Leuchte auf, mein Stern Borussia, leuchte auf, zeig mir den Weg. Ganz egal, wohin er uns auch führt, ich werde immer bei dir sein.« Die meisten der knapp 66.000 Fans singen die Borussia-Hymne im Stehen. Fast ungläubig folgen sie dem Spielverlauf, denn sie werden Zeugen eines denkwürdigen Champions-League-Halbfinales gegen Real Madrid. Ihr Verein führt nach drei Toren von Robert Lewandowski mit 3:1. Nach dem andächtigen Gesang peitscht die Südtribüne ihre Mannschaft lautstark nach vorn. Sie will mehr, und das bekommt sie auch. In der 67. Minute bringt Xabi Alonso Marco Reus im Strafraum zu Fall. Robert Lewandowski schnappt sich den Ball und hämmert ihn vom Elfmeterpunkt in die Maschen. Auf den engen Stehrängen der Südtribüne gibt es kein Halten mehr. Wer beim Jubeln keine Standfestigkeit beweist, findet sich fünf Reihen weiter unten wieder.


Schon vor vier Jahren war Real Madrid in Dortmund zu Gast. Der BVB hatte die Spanier für ein Freundschaftsspiel im Rahmen der Hundertjahrfeiern eingeladen. Real deklassierte den BVB 5:0 und kassierte eine Million Euro. Mittlerweile sieht es anders aus: Die Vereine messen sich in der Champions League, in der Gruppenphase der laufenden Saison gewann Dortmund zu Hause 2:1 und spielte in Madrid 2:2. Einen Rekord hatten die Fans aber schon beim Duell 2009 aufgestellt: 75.000 Anhänger schauten zu - Höchstwert für ein Freundschaftsspiel in Deutschland. In der Bundesliga hält Borussia Dortmund mit einem Schnitt von fast 80.000 Fans ohnehin seit Jahren die Bestmarke, mehr als 20.000 davon stehen allein auf der Südtribüne. Der Fußball gibt in der Stadt den Ton an. Autos sind mit dem Vereinswappen beklebt, Geschäfte mit BVB-Utensilien dekoriert, aus den Fenstern wehen schwarz-gelbe Fahnen.

Unendliches Warten
Dementsprechend begehrt sind die Karten für das Halbfinale gegen Real. Im Viertelfinale haben sich die Borussen auf wundersame Weise gegen Malaga durchgesetzt: Treffer von Marco Reus und Felipe Santana in der Nachspielzeit ermöglichten den Aufstieg. Knapp eine Woche vor dem Halbfinal-Heimspiel ist die Stadt im Ausnahmezustand. Bevor der freie Kartenvorverkauf am Dienstag um neun Uhr beginnt, werden die Geschäftsstelle und das Stadion von tausenden Menschen belagert. Die Fans campieren über Nacht im Freien und vertreiben sich die Zeit mit Fußballspielen, Grillen und Bier. Es herrscht eine Atmosphäre wie bei einem Musikfestival. Aus den mitgebrachten Boxen erklingen Hip-Hop-Lieder. Max und Oguz halten 30 Meter vom Geschäftsstelleneingang entfernt Stellung. Die beiden übernehmen die Schicht ab 20 Uhr, um zwei in der Früh werden sie von ihren im Zelt schlafenden Freunden abgelöst. »Weder Sicherheitspersonal noch die Polizei sind hier. Ich hoffe, dass alles friedlich abläuft, wenn die Geschäftsstelle öffnet«, sagt Max. Oguz legt Fleisch auf den mitgebrachten Holzkohlegrill und sagt: »Wir haben von organisierten Schwarzmarktbanden gehört, die sich gute Plätze im Rennen um die Karten mit Gewalt sichern wollen.«


Seine Befürchtungen sollen sich bewahrheiten. Spät in der Nacht kommt es zu ersten Reibereien. Schwarzmarkthändler drängeln sich vor die wartenden Anhänger, die sich gegen die Vorstöße wehren. Die Polizei rückt an. In den frühen Morgenstunden regelt sie die Warteschlangen an weiteren Vorverkaufsstellen, so auch in der Thier-Galerie. Das südwestlich der Innenstadt gelegene Einkaufszentrum steht auf dem Gelände der früheren Brauerei gleichen Namens, einer von vielen in der Bierstadt Dortmund. Kurz vor der Öffnung des Einkaufszentrums kommt es zu Tumulten. Uniformierte Beamte bilden Ketten innerhalb der Menge, um des Gedränges vor dem Fanshop Herr zu werden. Immer wieder appelliert der Einsatzleiter an die Vernunft der Masse: »Leute, wir sind alle BVB-Fans. Benehmt euch dementsprechend. Wer Theater macht, bekommt keine Karte.« Aber auch wer kein Theater macht, hat noch lange keine Matchkarte sicher. Niemand weiß genau, wie viele Tickets abgesetzt werden. Und der Andrang ist derart groß, dass innerhalb von vier Stunden gerade einmal zehn Meter gewonnen werden. Geschätzte zwei Drittel der Wartenden müssen den Heimweg enttäuscht antreten. Die Vereinsführung zieht Lehren aus dem Chaos. In Zukunft will sie keinen freien Vorverkauf mehr anbieten.

Konflikt in der Kirche
Nach dem Trubel um die Halbfinalkarten geht es mit dem Historiker Ralf Piorr und dem ehemaligen BVB-Spieler Siegfried Held zum Borsigplatz, der Wiege der Borussia. 1909 hatten 18 Mitglieder der katholischen Dreifaltigkeitsgemeinde dort im Wirtshaus »Zum Wildschütz« den Ballspielverein gegründet. Ihre sportlichen Aktivitäten hatten sie in Konflikt mit der Kirche gebracht, denn Kaplan Hubert Dewald war die »Fußlümmelei« seiner Bruderschaft schon lange lästig, fast so sehr wie ihre regelmäßigen Besuche im Gasthaus. Als Dewald verkündete, dass man sonntags nun zu zwei Pflichtterminen in der Kirche zu erscheinen habe, machte sich großer Unmut breit. Denn der zweite Kirchenbesuch war zeitgleich zum Anpfiff der Spiele. Die Fußballer brachen mit der Kirche und hoben am 19. Dezember 1909 ihren eigenen Verein aus der Taufe, den Mitgründer Franz Jacobi nach der ehemaligen Borussia-Brauerei benannte.


Heute ist in dem früheren Gasthaus »Zum Wildschütz« der Imbiss »Pommes Rot-Weiß« angesiedelt. Eine an der Außenwand angebrachte Gedenktafel erinnert an die Gründung des BVB, im Fenster hängt eine große Vereinsfahne. Der Dortmunder Borsigplatz ist ein geschichtsträchtiger Ort. Eine der sechs sternförmigen Zufahrtsstraßen führt direkt zur ehemaligen Zentrale der Firma Hoesch, die in Dortmund Eisen- und Stahlwerke betrieb und stets eng mit der Borussia verbunden war. Als der BVB 1972 aus der Bundesliga abstieg und finanziell ums Überleben kämpfte, hatte Hoesch wesentlichen Anteil an der Rettung des Klubs. Neben Geld stellte die Firma den medizinischen Apparat und Trainingsplätze zu Verfügung. Noch in den 1950er Jahren waren einige der Spieler bei Hoesch angestellt. »Dortmund ohne Hoesch war nicht vorstellbar«, sagt Piorr. Auch wenn der Betrieb schon lange kein Familienunternehmen mehr war, stand im Dortmunder Volksmund noch immer ein Hoesch an dessen Spitze: Man berief sich auf den imaginären Karl Hoesch, der zeitweise ein Fünftel der Dortmunder Bevölkerung beschäftigte und das Vereinsleben unterstützte.


Inzwischen ist auch der erfundene Hoesch verschwunden. Der Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte hat in Dortmund seine Spuren hinterlassen. Auch an der Gründungsstätte des BVB: Die Eingangstür des Imbisses ziert ein Schild mit einer durchgestrichenen Spritze. Die Farbe an den Fassaden der umstehenden Wohnhäuser blättert ab. Die Dortmunder Nordstadt gilt als sozialer Brennpunkt. Seit Generationen wird in den bürgerlichen Wohnvierteln davor gewarnt, die Bahnschienen in Richtung Norden zu überqueren. »Das Nord-Süd-Gefälle existiert bis heute. Man könnte diese Arbeitersiedlungen hier und in den umliegenden Städten komplett abreißen, weil sie verwahrlosen«, sagt Piorr. »In Dortmund hat man sich über Stahl, Kohle, Eisen und Bier definiert. Das gibt es aber nicht mehr. Alles, worüber man noch reden kann, ist Fußball.« Schon Ende der 1960er Jahre lohnte sich der Bergbau nicht mehr, die Stahlwerke wurden demontiert. 1987 schloss die letzte Zeche. Die Zeit, in der Dortmund einer der größten Brauereistandorte der Welt war, ist ebenfalls lange vorbei. Mittlerweile gibt es nur noch drei Biererzeuger, der bekannteste davon ist die Dortmunder Actien-Brauerei, kurz DAB.

Selbstwert durch Fußball
Die Farbe blättert heute nicht nur am Borsigplatz ab, sondern im gesamten Ruhrgebiet. »In der Herzschlagader des alten Fußballs, der Ruhr- und Emscherzone, ist es noch schlimmer. Im Vergleich zu anderen Orten ist der Borsigplatz sogar belebt«, sagt Historiker Piorr. Seit Jahren blickt die 600.000-Einwohner-Stadt in eine ungewisse Zukunft. Zwischen 1970 und 2000 gingen in Dortmund fast 80.000 Arbeitsplätze verloren. Heute ist jeder zweite Einwohner in der sogenannten Zukunftsbranche tätig, Dortmund schmückt sich gern mit dem Titel Technologiezentrum. Die Technische Universität zählt 30.000 Studenten und bringt neben Physikern deutschlandweit die meisten Mathematiker hervor. Die hohe Arbeitslosigkeit besteht allerdings weiterhin. Im Jänner 2013 waren 13,5 Prozent der Erwerbsbevölkerung arbeitslos gemeldet, dazu galten 50.000 als unterbeschäftigt. Siegfried Held engagiert sich im Gewerbeverein Borsigplatz. Der ehemalige Stürmer ist einer der »Helden von Glasgow«. Im Finale des Europacups der Cupsieger 1966, beim 2:1-Sieg gegen den FC Liverpool im Hampden Park, schoss Held das 1:0. Es war der erste Europacupsieg einer deutschen Mannschaft überhaupt. Helds Popularität macht in der Gegend vieles einfacher. Er und seine Mitstreiter wollen das Viertel um den Borsigplatz als Standort und Wohnquartier wieder aufwerten. Der BVB ist ein wichtiger Partner im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. »Wir haben viele soziale Schwierigkeiten, aber jeder identifiziert sich mit dem Klub«, sagt Held. »Der BVB hebt das Selbstwertgefühl.« ...

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 82, Juni/Juli 2013). Ab 14.5. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 82
Rubrik: Thema
Thema: Deutschland
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png