Mehr leise als laut

cache/images/article_2471_arnie_140.jpg Er ist vielleicht der talentierteste, sicher aber der umstrittenste Fußballer Österreichs. Marko Arnautovic bewegt die Massen wie ein Popstar. Eine Biografie voller Höhen und Tiefen.

Die englischen Midlands. Sanft ansteigende Hügel, saftiges Grün, hunderte Schafe und kleine Seen prägen die Landschaft. Nur gelegentlich stören Industrieruinen und leerstehende Backsteinhäuser das Idyll. Manchester, Liverpool und Birmingham liegen kaum mehr als eine Autostunde entfernt, aber wer hier lebt, bekommt vom Takt der Großstädte nichts mit. Marko Arnautovic sitzt am Steuer seines Audi-SUV und fährt nach einem ausführlichen ballesterer-Interview zum abschließenden Fototermin. Auf den schmalen, kurvigen Landstraßen lassen sich die 500 Pferdestärken des Autos erahnen, aber der Fahrer hat es nicht eilig. Nur der wiederholte Blick aufs Smartphone verrät, dass an diesem Tag noch weitere Termine anstehen.


In den 1970er Jahren schrieb der Popjournalist Jon Landau: „I saw rock’n’roll future and its name is Bruce Springsteen.“ Vor acht Jahren münzte eine holländische Zeitung diese Prognose auf einen jungen Österreicher um, der im Dress des FC Twente den Nachwuchs von Ajax Amsterdam schwindlig spielte. „Wir haben heute einen zukünftigen Weltklassestürmer gesehen“, hieß es am 31. März 2007. „Und sein Name ist Marko Arnautovic.“ Gut acht Jahre später spaziert jener über das feuchte englische Gras und posiert bereitwillig für die Kamera. Dazwischen führt er kurze Telefonate – sein Bruder Danijel dreht mangels Parkplatz Ehrenrunden mit dem Wagen –, ehe es zurück ins große, doch wenig protzige Anwesen geht. Wäre Marko Arnautovic ein Musiker, hätte er inzwischen die leisen Töne für sich entdeckt. Davor jedoch hat er ordentlich Krach gemacht.


Der Stürmer Marko Arnautovic steht für Starallüren, wie man sie im beschaulichen Fußballland Österreich bis vor wenigen Jahren nicht gekannt hat. Mit dem Nationalteam ging es nach der Europameisterschaft 2008 nur langsam bergauf, abseits des Felds blieb Charisma Mangelware. Der kreuzbrave Kapitän Andreas Ivanschitz oder der trotz Tattoos und Hardrock-Faible introvertierte Emanuel Pogatetz waren Leistungsträger, aber keine Stars. David Alabas Schmäh kannte man höchstens im Bayern-Nachwuchs. In dieser Zeit debütiert Marko Arnautovic, der erste richtige Popstar. Er ist eine echte Ansage an die Balotellis und Ibrahimovics der Welt. Mode, Autos, bunte Schuhe und große Sprüche prägen sein öffentliches Bild stärker als sein Können am Ball.

Popoklatsch vom Papa
Seine ersten Tore schießt Marko Arnautovic in den Parks des 21. Wiener Gemeinde-bezirks. Schon bald wird der Käfig in der Hopfengasse hinter dem Platz des Floridsdorfer Athletiksport-Clubs wichtiger für ihn als alles andere. Im Gespräch mit dem ballesterer drückt er es so aus: „Nach der Schule nach Hause, Sachen ablegen, umziehen. Zwei Stationen mit der Straßenbahn gefahren oder hingelaufen, gespielt, bis das Licht weg war.“


Zum Fußball bringen ihn sein Vater und sein um drei Jahre älterer Bruder. „Schon mit fünf, sechs Jahren hat es für uns fast nur noch Fußball gegeben“, sagt Danijel Arnautovic. „Als kleiner Bruder hat er natürlich immer zu mir aufgeschaut, und so wollte er dann auch immer mit mir mit.“ Nur wenn es zu Reibereien kommt, schickt er Marko nach Hause. „Ich habe mich immer geprügelt. Wer im Käfig verloren hat, der hat ein paar seiner Leute geholt, und dann ist es schon losgegangen. Den Marko haben wir dann heim-geschickt.“ Manchmal hat er dennoch etwas abbekommen. „Schürfwunden hat es schon gegeben, dann habe ich einen Popoklatsch vom Papa gekriegt und gut war’s“, erinnert sich Marko Arnautovic. Das körperbetonte, trickreiche Spiel auf engem Raum, das er im Käfig bis zur Perfektion trainiert, wird seinen Stil prägen.

Antithese eines Akademiekickers
Den Schritt in den Vereinsfußball macht Arnautovic beim FAC, wo sein Vater Tomislav die Stadionkantine betreibt. Nach drei Jahren in Floridsdorf versucht er sich in den Nachwuchsabteilungen von Austria Wien, der Vienna und des SK Rapid. Die Trainer verzweifeln reihenweise daran, nicht die gewünschte Autorität auf das Talent ausüben zu können. Der pubertierende Arnautovic wird als untrainierbar abgestempelt. 2004, im Alter von 15 Jahren, kehrt er schließlich zum FAC zurück. Ausschlaggebend ist Othmar Larisch, der den Nachwuchs bei den Floridsdorfern trainiert und Arnautovic schon länger auf der Liste hat.


„Jeder Trainer hat gesagt, dass man mit ihm nicht arbeiten kann. Dabei hat niemand verstanden, wie man den Marko behandeln muss“, erzählt Larisch dem ballesterer. „Marko ist zum FAC zurückgekehrt, weil er gewusst hat, dass ich ihn kenne und schätze.“ Schon mit 16 Jahren spielt Arnautovic in der U23 und zeigt konstant gute Leistungen. Am Ende der Saison holt das Team den Meistertitel. Arnautovic entwickelt sich zur Antithese eines Akademiefußballers – unangepasst, launisch und verspielt. „Er war schon einer, der wenig Respekt gezeigt hat“, sagt Larisch. „Doch er ist wahrscheinlich der Talentierteste, den wir überhaupt je gehabt haben. Marko braucht am Feld seine Freiräume, sonst kann er sich nicht ausleben.“


Larisch und sein Kollege Walter Künsel legen Tomislav Arnautovic nahe, seinen Sohn ins Ausland zu schicken. Dieser lässt Marko 2006, im Alter von 17 Jahren, in die Niederlande ziehen. Twente Enschede nimmt ihn nach nur zwei Tagen eines eigentlich zweiwöchigen Probetrainings unter Vertrag. „Dort war mir dann schnell klar: ‚Bumm, jetzt geht es los, das ist kein Käfig mehr, das ist ein anderer Fußball‘“, sagt Arnautovic. „Aber ich wollte es unbedingt.“

Der Durchbruch
In den Niederlanden spielt Marko Arnautovic in der ersten Saison für die Jugendmannschaft. Bis 2008 schießt er in 32 Spielen 27 Tore, in der Saison 2007/08 gewinnt er mit seinem Team die Juniorenmeisterschaft und absolviert bereits regelmäßig Einsätze in der Eredivisie. Fred Rutten, der damalige Trainer von Twente, hat ihn am 14. April 2007 gegen PSV Eindhoven eine knappe Viertelstunde vor Schluss zum ersten Mal eingewechselt. Arnautovic startet nun endgültig durch. Er kommt bis 2009 auf 59 Meisterschaftseinsätze und steuert 14 Tore und zehn Torvorlagen bei. 2009 wird er mit Twente Enschede Vizemeister. Neben dem Platz verläuft das Leben in den Niederlanden weniger reibungslos, Marko wechselt die Gastfamilie und bricht die vom Verein verordnete Sprachschule ab. „Ich war damals nur mit Holländern unterwegs, nach sechs Wochen habe ich die Sprache perfekt gekonnt“, sagt Arnautovic.


Der europäischen Elite bleiben seine Leistungen nicht lange verborgen, Schalke und Feyenoord signalisieren Interesse. Als der FC Chelsea anklopft, entschließt sich Arnautovic, Twente zu verlassen. Der Wechsel nach London scheitert aber am Medizincheck. Im Sommer 2009 reist Arnautovic zum Probetraining nach England, wo die Ärzte eine Stressfraktur im Mittelfuß diagnostizieren. Chelsea spielt auf Zeit, will ihn zunächst noch in Enschede parken. Doch nun lockt die Serie A, Inter Mailand fragt bei Arnautovic an. Mit Twente wird eine einjährige Leihe mit Kaufoption ausgehandelt. Aus dem Floridsdorfer Käfigkicker ist der wertvollste Fußballspieler Österreichs geworden.

 

Foto: Stefan Salcher


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Referenzen:

Heft: 102
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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