Meisterschaft der halben Welt

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Wirklich verdient hat die Weltmeisterschaft 1966 diesen Namen nicht, die afrikanischen Verbände boykottierten das Turnier. Sie fühlten sich durch den Qualifikationsmodus und das Verhalten des englischen FIFA-Präsidenten Stanley Rous benachteiligt. 

Nicole Selmer | 03.02.2016

Bei den vorhergehenden zwei Turnieren hatten Bewerber aus Afrika und Asien keinen direkten Endrundenplatz erhalten, sondern jeweils in Play-offs gegen Teams aus Europa antreten müssen. Für die WM 1966 waren die Regeln modifiziert worden und ein gemeinsamer Platz vorgesehen. Dieser sollte zwischen den 16 afrikanischen Teams und den fünf aus Asien und Ozeanien im Play-off ermittelt werden. Die zehn nord-und mittelamerikanischen Verbände erhielten hingegen einen direkten Startplatz, Südamerika drei und Europa neun.

Zu dem sportlichen Affront gegenüber der wachsenden Zahl unabhängig gewordener Kolonien kam die rassistische Politik der FIFA und insbesondere ihres Präsidenten Rous hinzu. Südafrika war 1954 in die FIFA aufgenommen, aufgrund der Apartheid 1961 jedoch suspendiert worden. Der kurz darauf ins Amt gewählte Rous war ein Verfechter der Wiederaufnahme, andernfalls sei der Fußball im Land nicht zu retten, so sein Argument. 1963 wurde Südafrika erneut FIFA-Mitglied, der Verband kündigte an, für die WM 1966 ausschließlich weiße Spieler, für 1970 nur schwarze Spieler in die Qualifikation zu schicken. Der Vorschlag wurde vom FIFA-Kongress 1964 abgelehnt, die afrikanischen Vertreter sorgten für die neuerliche Suspendierung Südafrikas.

Vor diesem sportpolitischen Hintergrund trafen bei der FIFA in den folgenden Monaten Absagen der afrikanischen Verbände für die WM-Qualifikation ein, die für diesen Boykott mit Bußgeldern belegt wurden. In der WM-Qualifikation blieben schließlich Nordkorea und Australien über, Nordkorea setzte sich klar durch und brach bei der WM eine Lanze für sportliche Außenseiter. 1970 gab es für Afrika und Asien je einen fixen Startplatz. Der europazentrierte Kurs des Weltverbands und Präsident Rous standen zunehmend in der Kritik, 1974 wurde er abgewählt und von einem nichteuropäischen Nachfolger ersetzt: Joao Havelange aus Brasilien.  

Referenzen:

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