Mulatschak mit Hannes

Hannes Reinmayr hatte zu aktiven Zeiten den Ruf eines passionierten Kartendipplers. Bei einem Besuch in der Weststeiermark wollte der ballestererfm Skandalgeschichten über Glücksspiel und Wetten unter Fußballern ausgraben und verfiel der Sympathie des Mittelfeldregisseurs. Man erlernte dort »Mulatschak« von und mit dem ehemaligen Sturm-Regisseur.
Stainz in der Weststeiermark. Hier lebt der gebürtige Simmeringer Hannes Reinmayr mit seiner Familie, seit er in der Saison 1995/96 von Bayer Uerdingen zum SK Sturm Graz übersiedelte. Als wir ihn kurz vor Silvester im Gasthof Messner treffen, ist die Atmosphäre gemütlich und romantisch. Die Straßen sind tief verschneit, Hannes hat seine Frau Beatrix mitgebracht und der Wirt kennt und begrüßt jeden der Gäste persönlich mitunter auch mehrmals. Es herrschen also geradezu ideale Voraussetzungen für einen verklärten Vorstoß in die Seele eines Fußballspielers. Von dem würden wir gerne mehr über seine persönliche Neigung zu Glücksspiel und Wetten sowie die angebliche Nahebeziehung zwischen dem professionellen Spiel mit dem Ball und jenem mit der Glücksfee erfahren.
Das Interview ist angelegt wie ein Training. Zuerst ein paar persönliche Aufwärmfragen, dann weiter zu den Kartenspielen. So erfährt man, dass der Assistkönig aus dem magischen Dreieck der Sturm-Meistermannschaft, entgegen dem bereits geplanten Karriereende, weiter beim Kärntner Regionalligaklub St. Andrä aktiv ist. Außerdem besitzt er die A-Trainer-Lizenz und arbeitet als Sportkoordinator der Fußballnachwuchsschule Lavanttal.

 

Ein Tausender bis Lustenau

 

Wir lauschen gespannt und vergessen beinahe die eigentliche Hauptübung der abendlichen Einheit. Hannes lächelt und nach einem kurzen Blick zu seiner Frau geht es auf eine Reise in die »Spielhölle« Mannschaftsbus. Am häufigsten seien bei seinen zahlreichen Vereinsstationen »Mulatschak« (»15 owi«) und »Schwarze Katze« gespielt worden, meint der 36-Jährige. »Aber bei Sturm hat Osim immer Rummy gespielt, das haben wir dann eine Zeit lang übernommen«. Würfelpoker Anfang der 90er-Jahre bei Austria Salzburg noch an der Tagesordnung sei hingegen kaum mehr praktiziert worden.
Auch wäre es zu Sturm-Zeiten unter Mannschaftskameraden niemals um sehr hohe Beträge gegangen, sagt Reinmayr. »Auf einer Fahrt nach Lustenau hast du auch bei einem extremen Minuslauf maximal tausend Schilling verloren. Ich kenne aber andere Mannschaften, wo um sehr viel Geld gespielt worden ist.« Nähere Ausführungen bleibt der Ex-Internationale schuldig mit dem Verweis, dass solche Hasard-Geschichten ohnehin abzulehnen seien. »Wenn einer schon bei der Hinfahrt zu einem Spiel 15.000 oder 20.000 Schilling verliert, kann ich mir nicht vorstellen, dass sich das gut auf die Mannschaftsleistung auswirkt.«
Gattin Beatrix ist am Zug. Bei Sturm seien das gute Klima innerhalb des Teams und die Harmonie unter den Spielerfrauen einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren gewesen, wirft sie ein. Und das habe man sich durch exzessives Kartenspiel nicht verderben wollen. Freundschaftlich gezockt wurde aber durchaus, zumeist innerhalb der gleichen Gruppe mit Darko Milanic, Ivica Vastic, Markus Schopp und Mario Haas. Auch der Mählich »Romsch« galt als begnadeter Kartendippler.
Mannschaftskollegen aus anderen Ländern erlernten die österreichischen Kartenspiele zumeist sehr schnell. Anders war für Reinmayr die Situation als junger Spieler bei der Wiener Austria. Dort herrschten in seinem ersten Profijahr (1987/88) noch hierarchische Verhältnisse zwischen Jung und Arriviert. Die älteren Spieler habe man noch per Sie anreden müssen, erzählt Reinmayr: »Da bin ich gar nicht zum Kartenspielen gekommen. An den Tischen sind die Alten gesessen, die haben dich gar nicht hin gelassen.«

 

Kreativer Offensiver

 

Da wären wir also mitten in der Trainingseinheit und fragen Hannes nach seiner Spielleidenschaft und der Verwandtschaft zwischen Kicken und Karteln. »Sicher«, bestätigt er gerne, »der Spieltrieb ist bei den meisten da«, und eine Verbindung zum Spiel auf dem grünen Rasen sei zweifelsfrei gegeben. »Entscheidend ist aber der Einsatz mit dem gespielt wird«. Offensivere Fußballer würden einen ebensolchen Stil am Kartentisch pflegen, plaudert der Freigeist aus der eigenen Schule. Man lote daher viel eher aus, was möglich sei. Er sei kein guter Kartenspieler, aber bevorzuge auch hier einen eher risikoreichen Stil, bekennt Reinmayr und stimmt grinsend zu, dass ein niedriger Geldeinsatz insofern auch Selbstschutz gewesen sei.
Zeit für einen Querschläger. Wie stand es mit seinem Körpereinsatz in Training und Spiel? Der Mittelfeldspieler galt immer als hochtalentiert und beizeiten genial, aber nie als ganz austrainiert. »Das mit dem schlampigen Genie stimmt zu hundert Prozent, ich war nie ein Arbeiter. Der Osim hat aber für alle eine spezielle Hand gehabt. Der wollte dich nicht verändern, sondern deine Stärken forcieren. Was nicht heißt, dass wir nicht hart trainiert haben.«
Einmal berühren, der Ball wird hin und her geschoben. Einen guten Kartenspieler mache die Fähigkeit aus, sich das Blatt schnell zu merken, erklärt Reinmayr. Auch Selbstkontrolle und eine ausgeprägte Trinkkondition wären von Nutzen. »Die beste Taktik ist, wenn die anderen schon besoffen sind und du bist noch nüchtern.« Und wie ist das beim Fußball? Hannes muss erneut Schmunzeln: »Ein guter Fußballspieler verfügt über Kreativität, Koordination und peripheres Sehen.« Zudem sollte er immer schneller sein als der Gegner. »Ich war immer so. Kreativspieler haben halt eine andere Denkweise als Leute, die nur auf der Seite auf und ab rennen.«

 

Karten stechen Playstation

 

Der kulturpessimistischen Theorie, wonach neue, von Computern generierte »Games« das traditionelle Spiel mit Unter, Sau und Weli ersetzen würden, kann Reinmayr nichts abgewinnen. »Das Karteln wird immer bleiben. Was willst du denn anderes machen, wenn du fünf oder sechs Stunden zu einem Auswärtsmatch unterwegs bist. Die Playstation kannst du da nicht mitnehmen.«
Während Hannes so erzählt, wird uns bewusst, dass er bisher keinerlei Skandalinformationen preisgegeben hat. Auf Geschichten über Automatenspielsucht warten wir genauso vergeblich wie auf Existenz bedrohende Glücksspielverluste oder mafiaähnliche Wettkartelle unter Fußballern. Dafür bringt der Regisseur uns zum Abschluss noch Mulatschak bei. Über die dabei verspielten Geldbeträge bewahren wir diskretes Stillschweigen. Nach ein paar Runden drehen wir die Karten zu, sitzen noch lange zusammen beim Wirten und erweitern unseren Horizont über modernen Kreativfußball. Und während im tief winterlichen Stainz langsam die Gehsteige hochgeklappt werden, unterliegt die versuchte Psychoanalyse endgültig der Charmeoffensive eines klassisch österreichischen Spielmachertypen.

 

Die »Mulatschak«-Regeln

Spiel mit 33 doppeldeutschen Karten inklusive Weli (zweithöchste Karte im Spiel, immer Trumpf). Jeder der zwei bis fünf Teilnehmer bekommt fünf Karten. Der Spieler links vom Geber beginnt die Anzahl der Stiche anzusagen, die er zu machen glaubt. Die anderen folgen. Sagt ein Spieler einen »Mulatschak« (fünf Stiche) an, müssen alle ohne Austauschen mitgehen.
Allgemein dürfen nur so viele Karten behalten werden, wie man Stiche zu machen glaubt. Sagt einer keine Stiche an, nimmt er an der kommenden Runde nicht teil. Derjenige mit der höchsten Anzahl angesagter Stiche, bestimmt den Trumpf und darf als erster austauschen. Es folgen die anderen und der Ansager beginnt, auszuspielen. Ab jetzt herrscht Farbzwang vor Stichzwang.
Gewonnen hat, wer zuerst von 15 Punkten bei null angekommen ist (»15 owi«). Erreichen zwei Spieler die Null, gewinnt die höhere Minus­punkteanzahl. Aussetzende Spieler schreiben +2. Pro durchgebrachtem Stich schreibt man -1, pro nicht durchgebrachtem +1. Wer am Ende ohne Stich dasteht, schreibt +5. Ein durchgebrachter Mulatschak zählt -10, ein gescheiterter +10. Alle anderen Spieler schreiben gegengleich +10 bzw. -10. Werfen alle Spieler die Karten zusammen, zählt die nächste Runde doppelt. Ebenso dann, wenn Herz Trumpf ist.

 

Referenzen:

Heft: 20
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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