Nicht in unserem Namen!

FUßBALL UND DER IRAK-KRIEG. EINE RUNDUMSCHAU DES BALLESTERER FM.
Stefan Kraft | 13.05.2008
Bernd Stange ist zurück aus dem Irak. Bis 2006 hätte er als Teamtrainer dort arbeiten sollen, möglicher¬weise die WM-Teilnahme erreicht. Ob es nun dazu kommen wird, ist mehr als ungewiss. Seine Spieler wurden zum Militär eingezogen, wechseln vom Spiel-auf das Schlachtfeld und werden das nächste Ländermatch vielleicht nicht mehr erleben. Im November 2002 antwortete Stange im Interview mit »Neues Deutschland« auf die Frage, ob ihn eher der Krieg oder mehrere Niederlagen den Job kosten könnten, noch mit der optimistischen Fest¬stellung: »Sicher eher sportliche Niederlagen.« Jetzt ist Stange, auf Empfehlung des Auswärtigen Amtes, wieder zurückgekehrt nach Jena und in das Austragungsland der Fußball-WM 2006, wo er mit dem Irak antreten will. Interviews gibt er seit seiner Rückkehr im Minutentakt, es gibt kaum ein bundesdeutsches Medium, das nicht plötzlich Interesse an ihm entwickelt hätte. Am 18. Februar wurde Stange auch in die Kerner-Show des ZDF eingeladen, gemeinsam mit dem Exil-Iraker Namo Aziz. Letzterer unterbrach ihn bei seinen Ausführungen zum drohenden Krieg mit den Worten: »Sie sind ein Teil der irakischen Propaganda. An dem Geld, das Sie bekommen, klebt das Blut von irakischen Kindern.« An den Händen eines Nationalteam-Trainers klebt nun selten Blut, das wusste auch der Studiogast. Am nächsten Tag stand es trotzdem so in allen deutschen Zeitungen. Die es kaum der Mühe wert befunden hatten, in den letzten zwölfeinhalb Jahren nachzuschauen, wie es ihnen so geht, den Kindern im Irak. Denn seit dem 6. August 1990 ist ein Embargo gegen dieses Land aufrecht. Eine Maßnahme, die seit damals über 1,4 Millionen Menschen getötet hat, davon mehr als 500.000 Kinder unter fünf Jahren. Deren Sterblichkeitsrate hat sich seit 1990 versechsfacht. Zahlen, die nicht vom irakischen Regime stammen, sondern von der UNICEF. Die Folgen des Embargos sind so schlimm, dass ein Krieg kaum größere Auswirkungen haben könnte. Hätte Stange-Kritiker Aziz seine dümmliche Polemik konsequent angewendet, dann hätte er auch davon sprechen müssen, wie viel »Blut ira¬kischer Kinder« an den Händen der Nationalteam-Trainer der USA und Englands, Deutschlands und Frankreichs klebt.

 

Freundschaftsspiel I

 

Bernd Stange ist nicht der einzige Trainer in Deutschland, der dem Irak-Krieg nichts abgewinnen kann. Eduard Geyer von Energie Cottbus und Mönchengladbachs Ex-Coach Hans Meyer haben einen Aufruf gegen den drohenden An¬griff unterzeichnet. Beide stammen übrigens wie Stange aus dem Osten Deutschlands. In London wurde am 9. Februar ein Spiel zwischen in England lebenden Irakis und Amerikanern ausgetragen. »Dieses Fußballspiel ist unsere Weise zu sagen, dass dieser illegale und unrechte Krieg weder im Namen der irakischen oder der amerikanischen Bevölkerung durchgeführt wird«, ließen die Organisatoren wissen. Gesponsert wurde das Spiel von den Shirt-Machern Philosophy Football (http://www.philosophyfootball.com), die auch die Dressen zur Verfügung stellten.

 

Freundschaftsspiel II

 

In Italien geriet die Zweitliga-Partie Ternana gegen Ancona am 28. Februar zu einem eindrucksvollen Antikriegsprotest. Die Ternana Freak Brothers spannten über ihre Kurve die Aufschrift »Contro la guerra e... non c' è altro da dire« (»Gegen den Krieg undmehr gibt es nicht zu sa¬gen«). Im Gästeblock hing das Transparent »No alla guerra« (»Nein zum Krieg«). Zu hoffen ist, dass nach dem erwarteten Angriff solche Aktionen auch anderswo passieren. Denn außer im Irak wird auch im Kriegsfall weiter Fußball gespielt.

Referenzen:

Heft: 08
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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