Nie mehr Meister

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Die Titelmesse ist gelesen, bevor die Meisterschaft begonnen hat. Kaum eine Liga wirkt durch die Dominanz zweier Vereine so eintönig wie die schottische Premier League. Aber ein Streifzug durch die rauen Hafengegenden, verstaubten Vereinsmuseen und geschichtsbeladenen Stadien des Landes zeigt: Glasgow ist längst nicht alles.

Sie haben ihm ein Denkmal gebaut: William Wallace. Hier in Stirling, 60 Kilometer nordwestlich von Edinburgh, thront das Wallace Monument zu Ehren des schottischen Freiheitskämpfers auf einem beschaulichen Hügel. Wallace führte die Schotten im Jahr 1297 in der Schlacht von Stirling Bridge zu einem Kantersieg über die Engländer. Sein im Denkmal ausgestelltes Schwert gilt bis heute als Symbol für die eigenständige Identität Schottlands. 

 

Auch im Jänner 2011 will Schottland noch immer nicht England sein. Die Waffen wurden in den Schrank gestellt, arrangiert hat man sich mit dem Erzfeind aber nicht. Die Ablehnung des Königreichs Großbritannien ist trotz der legislativen Einheit überall greifbar: Souvenirshops preisen Dudelsäcke und Schottenröcke anstatt »Union Jacks« und Königinnenporträts fürs Nachtkästchen an. In den Pubs heißt es, Gott solle die Queen doch rasieren, anstatt sie zu beschützen.

 

Nur im Fußball will Schottland wie England sein. Fast anbiedernd schielen die Vereine über die südliche Grenze. Die Maßnahmen der Scottish Football Association (SFA) sprechen Bände: Die Ticketpreise wurden drastisch angehoben, die Stadien vereinheitlicht. Jedes schottische Talent hat das Ziel, bei Manchester United, Liverpool oder Chelsea groß herauszukommen. 

 

Die sportliche Realität hat sich gewandelt. Die Zeiten, in denen schottische Vereine Europa das Fürchten lehrten, sind längst vorbei. Nur zwei Vereine haben die Annäherung an das Business-Modell der englischen Premier League geschafft. Das Vorrecht auf den Meistertitel scheint unwiederbringlich in Schottlands größter Stadt geparkt: Glasgow. Hinter Celtic und den Rangers? Die Sintflut.

 

Der Griff nach dem Zepter

Ende der 1980er Jahre war es Glasgow zu bunt geworden. Zwischen 1983 und 1985 kam der schottische Meister dreimal in Folge nicht aus der Industriestadt. Die Nordlichter der »New Firm«, Aberdeen und Dundee United, begannen mit ihren Erfolgen lästig zu werden, und so musste ein Konzept zur Rückkehr an die Macht her. Den Anfang machte 1988 David Murray mit der Übernahme der Rangers. Der Großindustrielle blätterte sechs Millionen Pfund für die Mehrheitsanteile hin und gilt seither als Initiator der wiedergenesenen Old Firm. Die ersten Erfolge gab es 1986/87, als man Meisterschaft und Ligapokal gewinnen konnte. Und nach Murrays Engagement ließ sich auch der Stadtrivale nicht lange bitten. Hatten sich anfangs zweifelnde Vorstandsmitglieder noch quergelegt, begann 1994 die Ära von Fergus McCann bei Celtic. Der Klub streifte damals nur knapp an der Insolvenz vorbei. Die Komplettrenovierung des Celtic Park erstreckte sich über die Gesamtdauer von McCanns wirtschaftlicher Umstrukturierung. 1999 übergab er den Verein an Dermot Desmond, der noch heute der Mehrheitseigner ist. 

 

Glasgows Griff nach dem Zepter des schottischen Fußballs war eisern, weil er in eine Zeit der radikalen Umbrüche fiel: Die Ära des Pay-TV ließ die Kassen der Großklubs klingeln, mit Hilfe von geschicktem Marketing wurde der Bekanntheitsgrad kontinuierlich erhöht. Eine Schar von Talentscouts sorgte dafür, dass verheißungsvolle Spieler schon früh den Weg Richtung Glasgow einschlugen, die Mehreinnahmen aus dem alljährlichen internationalen Geschäft ließen die Kluft weiter anwachsen. Die Erfolgsaussichten für den Rest sind seither mickrig. Die Hoffnung auf Meistertitel und Champions-League-Teilnahme verschwindet oft schon nach einigen Runden hinterm Horizont und so richten sich die Träume Saison für Saison auf Cup und Ligapokal. 

 

Der Weg zum Hampden Park ist an diesem Samstagnachmittag grün zugepflastert, Celtic trifft im Semifinale des Ligacups auf den FC Aberdeen. »Fuck the SFA«, hallt es durch das Stadion. Die Celtic-Fans verleihen ihrer Verbundenheit zum schottischen Fußball Ausdruck und schenken dem Gegner keine weitere Beachtung, obwohl dieser 15.000 Fans für das Spiel mobilisiert hat. Ihr Anblick lässt vermuten, wie es damals war, als Aberdeen als letztes Team abseits der Old Firm 1985 den Meistertitel geholt hatte.

 

Die Arroganz der Celtic-Fans findet auf dem Spielfeld ihre reale Entsprechung. Celtic geht früh in Führung, und für Aberdeen stirbt wieder die leise Hoffnung auf einen Titel. Und auf ein seltenes Erfolgserlebnis gegen den Tabellenführer. Dem Cup mussten die »Dons« kürzlich ebenfalls gegen Celtic Ade sagen, und auch in der Meisterschaft setzte es eine Niederlage gegen die Großmacht aus Glasgow. Das Stadion versinkt schon im grün-weißen Freudentaumel. Aberdeen-Rot ist dafür bereits zur Halbzeit im Glasgower Stadtzentrum Modefarbe. Der Pausenstand von 0:4 erschien vielen der mitgereisten Fans zu hoch für weitere 45 Minuten Hohn und Spott. Es war wohl ein Mix aus Nostalgie, Wut und Hoffnung, der sie so zahlreich hatte kommen und an ein Fußballwunder glauben lassen. Auf der Heimreise können sie sich nur in die Erinnerungen an glorreiche Zeiten retten. Nicht ganz so weit ist es von der sportlichen Hauptstadt in die politische. In Edinburgh findet die Abneigung gegenüber Glasgow ihren Höhepunkt.

 

George Best im Hafen

Edinburgh ist bezaubernd, Leith ist es nicht. Die Unterschiede zwischen dem Zentrum der schottischen Hauptstadt und dem Hafenteil, in dem die Heimstätte des Hibernian FC steht, sind eklatant. Die engen, adretten Gassen rund um das Edinburgh Castle und die Princess Street verleiten zum gemütlichen Schlendern. Vom Aussichtspunkt Calton Hill erscheint das Easter-Road-Stadion der »Hibs« nur einen Steinwurf von den touristischen Attraktionen entfernt. Wäre da nicht Leith. Der Fußweg umfasst kaum mehr als zwanzig Minuten und entpuppt sich doch als architektonische und soziale Weltreise. Die Straßen werden dreckiger, die Gesichter der Leute kantiger. Der Hafen wirft seine Schatten voraus.

 

»Die Bewohner von Leith sind stolz auf ihren Charakter. Das kann man nicht mit Edinburgh-Stadt vergleichen«, sagt Andrew Barker in fast einwandfreiem Deutsch. Der langjährige Hibs-Fan weiß, wovon er spricht. Hinter dem Vogelkundler liegen fast fünf Jahrzehnte an der Easter Road. Viele Enttäuschungen und wenige Highlights haben ihn an seinen Hibernian FC geschweißt. »Als Hibs-Fan muss man sich an Niederlagen gewöhnen. Entscheidend ist, gegen wen man spielt und welchen Charakter die Niederlage hat«, sagt Barker. »Wir verlieren lieber mit Anstand 3:4 als 0:1. Gegen die Hearts oder die Vereine aus Glasgow sind Pleiten aber doppelt bitter.« 

 

Der Hibernian FC wurde 1875 von irischen Einwanderern gegründet und muss auf seine Glanzzeiten weit zurückblicken. Drei der vier Meistertitel wurden zwischen 1948 und 1952 eingefahren. Hauptverantwortlich dafür waren die »Famous Five«, die in Form der Nordtribüne, des »Five Stand«, namentlich verewigt wurden. Gordon Smith, Bobby Johnstone, Lawrie Reilly, Eddie Turnbull und Willie Ormond bestimmten den schottischen Fußball zu dieser Zeit nach Belieben. Ihre sportlichen Höhenflüge blieben unerreicht, daran änderte auch ein Intermezzo von George Best in den Siebzigern nichts. Dem letzten Meistertitel 1952 folgten lediglich zwei Ligapokalsiege. Für den »Hibs«-Anhang dennoch Balsam auf der leidgeprüften Seele. Der 5:1-Finaltriumph 2007 über Kilmarnock lässt Andrew Barker emotional erzittern: »Das war einer der bewegendsten Tage meines Lebens. Einerseits das grandiose Spiel in Hampden, auf der anderen Seite ist an diesem Tag meine Mutter gestorben.«

 

Blaues Mondlicht über Leith

In der aktuellen Saison finden sich die »Hibs« zwischen Hamilton und St. Mirren in den tristen Niederungen der Tabelle wieder. Zu wenig für Leith. Dass an diesem Abend einer der beiden Giganten aus Glasgow in Edinburgh gastiert, erweckt beim Heimsupport wenig Hoffnung. Die Rangers spielen wieder um den Meistertitel, und die Hauptstraße zur Easter Road ist durch und durch in Blau gefärbt. Mit umgehängten »Union Jacks« lungern die Glasgower vor den Pubs und Schnellimbissen und haben keine Zweifel über den Ausgang des Spiels. 

 

Es ist der Aufeinanderprallen zweier Welten: auf der einen Seite das katholisch verwurzelte Heimpublikum, ihm gegenüber gut zweitausend Glasgower Protestanten, die sich nichts mehr wünschen dürften, als die Queen zur allwöchentlichen Audienz zu begrüßen. Die gegenseitige Verachtung ist allgegenwärtig. In sportlicher Hinsicht geht die Schere ebenso weit auseinander. Die inoffizielle Hymne »Sunshine on Leith« vom hiesigen Popduo Proclaimers hatte selten so ironischen Charakter wie in dieser Saison. Entsprechend schlecht ist die Laune des Heimsupports. Über dem frisch renovierten East Stand, der Fantribüne in Leith, schwebt das Damoklesschwert der Relegation. Trotz des abendlichen Termins unter der Woche haben immerhin 13.000 Fans den Weg ins Stadion gefunden. Das Spiel verläuft wie befürchtet: Die Rangers verbuchen einen unspektakulären, aber nie gefährdeten 2:0-Sieg. Die »Hibs«-Fans überlassen den Nachthimmel grantelnd und frustriert den Royalisten: »Same shit, different game!« ...

 

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Referenzen:

Heft: 60
Rubrik: Thema
ballesterer # 121

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