Onkel Franks Zukunftswerkstatt

NACHWUCHS ÖSTERREICH WIRD 2006 FUSSBALLWELTMEISTER, SAGT DER MANN MIT DER GOLDENEN REGEL. IN HOLLABRUNN WÄCHST DIE GENERATION HERAN, DIE DIESES SZENARIO UMSETZEN SOLL. DER BALLESTERERFM HAT SICH IN DER FRANK-STRONACH-AKADEMIE UMGESEHEN.
Christian Horvath, Reinhard Krennhuber | 01.03.2004
Das Gebäude versprüht den spröden Charme eines realsozialistischen Studentenwohnheims. Von den außen liegenden Feuertreppen bröckelt die Fassade, die mit früher grell-orangen, heute nur noch blassen Kreisen verziert ist. Die Schilder an der Häuserfront weisen darauf hin, was sich dahinter verbirgt. Ein Sporthotel. Eine Hauptschule. Eine HTL. Und ganz links, über dem Eingang, das Schild der Frank-Stronach-Akademie (FSA). Ein Rosskopf mit dem violetten Schriftzug »Magna Mustangs«. Nein, es ist keine Pferdekoppel, die hier besucht wird: Es ist die sagenumwobene Fußballschule des reichen Mechanikers aus Weiz in der Steiermark.

 

Wie Hollabrunn zum Nabel der österreichischen Fußballwelt wurde

 

Karl Schörg, Gesamtleiter der FSA, ehemaliger Handball-Nationalteamspieler und Lehramtsinhaber in Leibesübungen und Geschichte, dreht das Rad der Zeit zurück. Frank Stro¬nach war seit 1999 dabei, seine monetären Errungenschaften in Öster¬reich unter die Leute zu bringen, und suchte für seine Version einer Fußballschule ein geeignetes Hauptquartier. Schörg leitete in Hollabrunn seit 1989 das Sportinternat, und Mister Magna war bereit, in dieses Umfeld seine kanadischen Dollars zu buttern. Die niederösterreichische Bezirks¬hauptstadt wurde auserwählt, die künftige Elite der österreichischen Fußballer zu beherbergen. 2,2 Mio. Euro lässt sich das der Big Spender jährlich kosten.

Die fünfjährige Schule wird erst ab dem kommenden Semester vollständig ausgelastet sein. An Bewerbungen fehlt es nicht, meint Schörg: »Wir haben für die etwa 20 Plätze pro Jahrgang rund 400 Interessenten.« Da wird nach einer ersten Sichtung im Schnellverfahren die Zahl der potenziellen Mustangs auf 40 gedrückt, die dann für drei Tage in Hollabrunn auf Sportmotorik, Fußballtechnik, psychologisches Verständnis und schulisches Wissen geprüft werden. Wer auch danach noch nicht mit einem »Nein, danke« die Heimreise antreten muss, braucht nur noch den Willen aufzubringen, fünf Jahre lang seinen Wohnsitz ins 7.000-Einwohner Städtchen 60 km nördlich von Wien zu verlegen.

 

Stronachs Leistungsdialektik

 

Während des ersten Jahres können Schüler, Eltern, Lehrer oder Trainer ihr Naheverhältnis jederzeit ohne Angabe von Gründen auflösen. Danach heißt es hineinbeißen: »Ab dem zweiten Jahr geht man die Verpflichtung ein, die Ausbildung zu Ende zu führen«, doziert Schörg. Alle, die es trotzdem nicht schaffen, dürfen in den folgenden fünf Jahren in keinerlei Konkurrenz zur Wiener Austria treten. Schörg präzisiert: »Die Landesliga ist noch o.k., die Regionalliga nicht mehr.«

Die Ausbildung kostet den Eltern während der kompletten fünf Jahre keinen Cent, darüber hinaus bekommen die angehenden Facharbeiter für Computer- und Kommunikationstechnik auch ein Taschengeld vom Gönner. Das Füllhorn aber wird nicht über jeden ausgeschüttet, sagt Schörg: »Bei einem Notendurch¬schnitt über 2,3, ist es aus mit der Unterstützung.« Dabei wird auch die sportliche Leistung eingerechnet. Immerhin lege man in Hollabrunn mehr Wert auf das sportliche denn auf das schulische Fortkommen, sagt Schörg, und vergisst nicht, voller Selbstbewusstsein anzufügen: »Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, sich als Fußballer ausbilden zu lassen.« Wie zum Beweis sind gerade die Verantwortlichen des VfB Stuttgart für zwei Tage hier, um sich mit Know-How zu versorgen. Auch ein alter Bekannter der Austria sieht sich um: Ex-Trainer Heinz Hochhauser, der damit beauf¬tragt ist, in Oberösterreich eine Fu߬ballakademie aufzubauen.

 

Kickers Paradise

 

Karl Schörg nimmt uns mit auf einen Rundgang. In den Zwei-Bett-Zimmern fehlt es an nichts. Sogar das Pin-Up auf der Spind-Tür ist vorhanden. Die Klassenräume sind verwaist, den Aufenthaltsraum schmücken ein paar Fotos vom gemeinsamen Kebab-Kochen der Schüler. Schörg zeigt uns augenzwinkernd den »Lehrer-Fahrstuhl«, ein offenes Stiegenhaus, das sich über etwa zehn Stockwerke erstreckt. Es ist der Weg aufs Dach. Von hier oben offenbart sich, warum so manche Vereine voller Neid auf die Trainingsmöglichkeiten in Hollabrunn schielen: zwei neue Fußballplätze, eine Traglufthalle, ein Basketball-Platz, ein Roll-Hockey-Feld. Und in fünf Minuten Gehweite die Hollab¬runner Sporthalle und ein Kunstrasenplatz. Solche Möglichkeiten bie¬ten sich so manchem Bundesligisten nicht. Schörg zeigt in die Landschaft: »Und dort wird noch ein permanenter Fitness-Parcours errichtet.«

Wo viel Schweiß rinnt, soll es auch an Regenerations-Möglichkeiten nicht fehlen. Neben einem ausgeklügelten, wissenschaftlich fundierten Ernährungsplan steht ständig wenigstens ein Masseur bereit, der sich gleich neben dem Whirlpool und der Sauna sein Studio eingerichtet hat. Für den Fall, dass all die Verletzungs-Prophylaxe mit Blut-, Fitness-, Leistungs- und sonstigen Tests nicht geholfen hat, steht auch ein Mitarbeiter eigens dafür zur Verfügung, die ange¬knacksten Jungkicker in der ehe¬maligen Hausdisco, die in einen Fitnessraum verwandelt worden ist, wieder auf Vordermann zu bringen. Für die akuten Fälle wende man sich, so Schörg, entweder an einen praktischen oder Röntgen-Arzt in Hollabrunn, wo die Akademie ein Vortrittsrecht besitzt. Oder, für schwerwiegende Verletzungen, auch mal an den Mediziner der Austria, den Unfallchirurgen Alexander Kmen.

 

Die Burschen, um die sich alles dreht

 

Die Sporthalle ist das abschließende Ziel unserer Hollabrunn-Tour. Dort sind sie alle versammelt. Die Trainer, Leistungsdiagnostiker, und die ganze Schar der 14- bis 18¬jährigen Schüler. Die einen springen auf eine mit Elektro-Dioden verkabelte Matte, um ihren Rhythmus zu testen. Die anderen sprinten zwischen zwei elektronischen Zeitmessungen hin und her. Alle Aktivitäten werden genau überwacht und kritisch beäugt von den Trainern. Großteils alte Bekannte im Übrigen: die drei ehemaligen Veil¬chen Manfred Schmid (U15 Cheftrainer), Herbert Gager (U17) und Thomas Janeschitz (U19). Auch U16-Trainer Robert Weber atmet gerade die drückende Hallenluft.

Das Selbstvertrauen, das Schörg auszeichnet, scheint auf seine Schüler abzufärben. Nicht nur, dass die meisten zumindest zur Austria wollen (einhellig abgelehnt: ein Engagement bei Rapid), auch von den größeren Zusammenhängen scheinen sie hier draußen etwas mitzubekommen. »Dass Walter Schachner nicht einmal wusste, wie man nach Hollabrunn kommt, hat ihn wohl den Job gekostet«, sagt einer aus der U17-Auswahl.

Die Ausbildungs-Schwerpunkte liegen im individuellen Bereich, wird von allen betont. Die Akademie will wenigstens einen seiner Schützlinge pro Jahr in der Bundesliga sehen. Bis spätestens 2008, so Schörg, soll sich das Internat auch kaufmännisch rechnen. Vor allem durch Spielerverkäufe: Auf Grund eines Vertrags zwischen Austria und der Akademie wird letztere an jedem Transfer eines Abgängers bis zum Alter von 24 Jahren mitverdienen. In welchem Ausmaß, kann Schörg noch nicht sagen, weil dieser Vertrag gerade zwischen Juristen und Finanzfach¬leuten ausverhandelt wird.

Referenzen:

Heft: 12
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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