Oranje auf dem Platz, weiß auf der Tribüne

Jacco van Sterkenburg forscht an der Universität Utrecht zu Sport und Rassismus. Ein Gespräch über Konflikte im niederländischen Team, Frank Rijkaards Einfluss und die Integration türkischer und marokkanischer Kicker.
ballestererfm: Bei der EM 1996 kam es zum Eklat, als Edgar Davids seinem Bondscoach Guus Hiddink öffentlich empfahl, er solle seinen Kopf nicht mehr in den Hintern der weißen Spieler stecken. Wo parkt Marco van Basten heute sein Haupt?

Jacco van Sterkenburg: Ich denke, der Unterschied zwischen damals und heute ist: Die Mischung im Team ist anders. Das war damals auch ein Generationenkonflikt. Auf der einen Seite die erfahrenen, weißen Spieler, auf deren Meinung Hiddink viel gegeben hat, wie Dennis Bergkamp und die De-Boer-Brüder. Und auf der anderen Seite eine Gruppe junge Surinamer, noch dazu alle vom selben Verein, von Ajax Amsterdam: Patrick Kluivert, Edgar Davids und so weiter. Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, das die Kluft wunderbar illustriert: die »Elftal« beim Essen, an einem Tisch sitzen die weißen Spieler, am Tisch daneben sitzen die schwarzen Nationalspieler. Die Medien haben aus dem vielschichtigen Problem Generationenkonflikt, Vereinszugehörigkeit und Hautfarbe eine reine Rassismusdebatte gemacht. Das war wohl sexyer für sie. Heute ist die Mischung anders, mit Ruud van Nistelrooy und Giovanni van Bronckhorst gibt es weiße und schwarze Führungsspieler.
Die Debatte von 1996 hatte jedenfalls eine Auswirkung: Frank Rijkaard wurde Co-Trainer, zwei Jahre später sogar als erster Schwarzer Chefcoach bei einer der besten europäischen Nationalmannschaften. Wie hat sich das ausgewirkt?

Mit Rijkaard kam die Generation von 1988 wieder zurück ins Nationalteam. Er und Ruud Gullit waren unter den herausragenden Spielern der Europameister-Mannschaft, Gullit sogar Kapitän. Und sie haben die Hautfarbe nicht so sehr als Thema gesehen wie die Generation rund um Edgar Davids und Patrick Kluivert. Bevor Rijkaard kam, haben die Surinamer im Team kollektiv Gespräche mit der Presse verweigert. Er selbst hat aber viel mit den Medien gesprochen. Er hat die festgefahrenen Fronten wieder aufgebrochen.
Surinamer spielen ja schon seit den 80er Jahren eine wichtige Rolle in der »Elftal«. Wie sieht es mit Migranten aus der Türkei oder Marokko aus, die ja noch nicht so lange im Land sind?
Ibrahim Afellay (mit marokkanischen Wurzeln, Anm.) zum Beispiel ist bei der PSV Eindhoven ein wichtiger Spieler, und langsam wird er das auch in der Nationalmannschaft. Da bewegt sich gerade was. Unter den Kickern in den Großstädten und auf Amateurniveau sind viele Kinder mit marokkanischem oder türkischem Background, deren Zahl unter den Profis wird also in Zukunft ansteigen. In den Niederlanden ist es aber immer auch eine Frage, ob die Einbürgerung klappt. Salomon Kalou, der jetzt bei Chelsea und für die Elfenbeinküste spielt, bekam die Staatsbürgerschaft nicht. Sein Antrag wurde abgelehnt, weil nicht nachgewiesen werden konnte, dass er einen »Mehrwert« hätte, also dass das Team mit ihm besser spielt, als es ohne ihn spielen würde. Da entscheiden fachfremde Bürokraten über die Köpfe der Fußballexperten hinweg: Marco van Basten hätte ihm sogar einen Platz im WM-Kader 2006 garantiert gehabt!
Läuft die Integration der türkischen und marokkanischen Spieler heute ähnlich ab wie die Integration der Surinamer in den 70er Jahren?

Der große Unterschied ist, dass der Islam als Thema mitspielt. Über die Surinamer gab es auch Integrationsdebatten, aber über Muslime wird heute anders diskutiert. Türkischer Background wird in der Öffentlichkeit mit Kriminalität und schlechterer Bildung, der Islam mit Terrorismus verknüpft. Vor allem nach dem 11. September 2001. Ich bin deshalb schon gespannt, wie türkischstämmige Nationalspieler in Zukunft von den Medien behandelt werden.
Wie sieht es eigentlich auf den Rängen aus? Sind Migranten auch unter den Fans der »Elftal« proportional vertreten?
Überhaupt nicht. Auf dem Platz spielen Migranten eine große Rolle, da zeigt sich die Vielfalt der Gesellschaft. Aber in den Vorstandsetagen sitzen fast nur Weiße, es gibt kaum schwarze Schiedsrichter. Und die Fankultur ist genauso, das Publikum bei Länderspielen ist fast ausschließlich weiß.
Gab es in jüngster Vergangenheit rassistische Vorfälle im niederländischen Fußball?
Vor einem Jahr hat ein Spieler von Ajax Amsterdam, Kenneth Perez, einen Schiedsrichter wegen seiner Hautfarbe beleidigt. Die Situation war eigenartig, weil Henk ten Cate als Ajax-Coach sich vor seinen Spieler stellen musste, obwohl er selbst schwarz ist. Als Ten Cate dann Co-Trainer vom FC Chelsea wurde, konnte er endlich frei sprechen. Er meinte, dass die Entgleisungen von Perez ihn wie ein Schlag getroffen hätten, er sich aber eben vor ihn stellen hatte müssen. Der Vorfall bekam großes Medienecho, ist dann aber genauso schnell wieder verschwunden. So ist das immer: erst große Aufregung, dann verebbt die Debatte schnell. Und in den kommenden Jahren wird es sicher solche Vorfälle geben. Es wird immer nur punktuell reagiert, auf institutioneller Ebene tut sich gar nichts.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer