»Paris, wir ficken dich!«

LE CLASICO Das Heimmatch gegen Paris Saint-Germain ist für die Fans von Olympique de Marseille das unumstrittene Highlight der Saison. Bereits Wochen zuvor wird an gigantischen Choreografien gebastelt, über die richtige Aufstellung diskutiert und Richtung Paris gefeixt. Eine Reportage über Pariser Banditen, den Tor-Pogo in der Virage und die Ursprünge der Rivalität. 


Vier Tage vor dem Match gegen PSG ist alles angerichtet für das große Duell. Nach einem 3:1 von OM über Spartak Moskau feiert die Presse bereits nach dem Hinspiel den Aufstieg in die nächste UEFA-Cup-Runde. »OM auf voller Drehzahl« schreibt LÉquipe. Die beiden Kurven haben in den finalen Minuten bereits das Match gegen Paris herbeigesungen, und auch die magere Kulisse von 25.000 Zuschauern zeigt: Alles konzentriert sich auf »Le Clasico«, wie die Franzosen OM PSG in dezenter Abwandlung des Spanischen nennen. Auch in der Meisterschaft ist das blau-weiße Werkl zuletzt so richtig ins Laufen gekommen. Von den vergangenen zwölf Partien wurde nur eine verloren, die Quote von 21 Toren in neun Spielen kann sich sehen lassen.

 

 Banditen, Kriegsgerassel und Ammoniak


OM-Verweise finden sich in Marseille an allen Ecken und Enden: »Snack Tito« hat sich wie zahlreiche andere Imbissläden und Bars das Vereinsemblem auf das Firmenschild geknallt, der aus dem Maghreb stammende Friseur schneidet die Haare seiner Kunden im Dress von Samir Nasri, und auf der Bootsfahrt zu den der Stadt vorgelagerten Inseln treffen wir Austauschstudenten aus Turin mit Schals des OM-Fanklubs South Winners. Daran, dass PSG Marseille am Sonntag als Verlierer verlässt, zweifeln sie keine Sekunde. 

Um PSG kümmern sich Fans wie Medien im Vorfeld der Partie nur wenig. Die Außenseiterrolle des Zwölftplatzierten der Ligue 1 scheint sich auch in einem weitgehenden Ausbleiben des üblichen Säbelrasselns niederzuschlagen. OM-Präsident Pape Diouf kann es sich aber doch nicht verkneifen, das Gegenüber ein bisschen zu provozieren. »In Marseille haben wir kein böses und hasserfülltes Publikum, wie man es in Paris sehen kann«, stichelt Diouf. »Im Parc de Princes gibt es eine Gruppe von organisierten Leuten, die sich als Anhänger bezeichnen, in Wirklichkeit aber Banditen des Stadions sind. So etwas existiert nicht in Marseille.«

Früher war das Duell zwischen beiden Fußballmetropolen mit ganz anderen Bandagen ausgetragen worden. Als unrühmlicher Höhepunkt einer auch auf dem Rasen bis zum äußersten Hass gesteigerten Rivalität gilt das Meisterschaftsspiel im Dezember 1992 in Marseille. Im Vorfeld stachen unter vielen aggressiven Worten jene von PSG-Stürmer David Ginola heraus, der erklärte: »Am Freitag gibt es Krieg!« OM-Präsident Bernard Tapie klebte diese und andere Aussagen aus Paris an die Kabinentür und setzte die Spieler auf autoritäre Art unter Druck. Das Ergebnis war eines der brutalsten Spiele, das die französische Liga je gesehen hatte mit 55 Fouls, einer Massenschlägerei auf dem Feld und mehreren verletzten Kickern. Warum der Schiedsrichter nur sechs gelbe Karten verteilte, blieb sein Geheimnis. Éric di Meco, damals als Spieler dabei und heute in der Stadtverwaltung von Marseille tätig, erzählt beschämt, immer noch darauf angesprochen zu werden, wie er es den Parisern gezeigt habe. Seine Attacken seien wahrlich kein Grund stolz zu sein, meinte er zu football365.fr: »Meinem Sohn zeige ich die Spiele von damals nicht. Wir haben es übertrieben.« 

In der jüngeren Vergangenheit sorgte vor allem die sogenannte Ammoniakaffäre für Aufregung. Am 16. Oktober 2005 soll der PSG-Mannschaft beim Betreten der Gästekabine des Vélodrome ein stark stechender Geruch entgegengestiegen sein, Trainer Laurent Fournier erlitt einen Hustenanfall. OM, das das anschließende Match mit 1:0 gewann, beschuldigte Paris der Inszenierung. Sportdirektor José Anigo: »Bestenfalls wurde ein bisschen zu viel Putzmittel verwendet. Fournier muss schon in die Dusche gegangen sein und die Nase in den Abfluss gehalten haben. Wahrscheinlich hat er das getan, dieser Idiot.« Die Liga leitete eine Untersuchung ein, die jedoch im Sand verlief. 

 

 1.300 Sicherheitskräfte für 900 Auswärtsfans


Am Tag vor dem Spiel reagiert Paris Saint-Germain auf die »Publikumsbeschimpfungen« Dioufs. Präsident Alain Cayzac erklärt, solche Aussagen könnten »das Umfeld des Spiels entflammen«. Zwar habe ihm Diouf telefonisch versichert, die Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, aber auch wenn das der Fall sei, könne er nicht akzeptieren, dass »seine Anhänger« so behandelt würden, sagt Cayzac und bezeichnet die Angriffe als »ungerechtfertigt«. 

Die Sicherheitsvorkehrungen für das Match sind aufwändig und werden in der Presse detailliert beschrieben: OM hat nur knapp 900 PSG-Fans zum Spiel zugelassen, die von 40 Vereinsordnern begleitet werden. Ihre Busse werden von der Polizei auf einem Autobahnparkplatz weit vor Marseille zu einem Kordon zusammengefasst, der ganze Tross parkt in einer Halle am Vélodrome. Im und rund ums Stadion sollen 719 OM-Ordner und 500 Polizisten für Ruhe und Ordnung sorgen. Der Sicherheitsbeauftragte von PSG war bereits unter der Woche in Marseille, um noch einmal auf besseren Schutz für den Spielerbus zu drängen, der in der vergangenen Saison Ziel eines Steinhagels geworden war.

Am Nachmittag steht ein Besuch des ballestererfm in der Commanderie, dem Trainingszentrum von OM, auf dem Programm. Der Weg in den äußersten Osten der Stadt gestaltet sich schwieriger als erwartet: Nach einer zeitraubenden Odyssee mit den Öffis müssen wir die letzten zwei Kilometer zu Fuß zurücklegen. Die OM-Spieler haben kein Herz für Anhalter und brausen in ihren Sportwagen an uns vorbei. Vor den Toren der chicen Anlage, die allen Ansprüchen eines internationalen Topklubs genügt, lehnen ein paar Dutzend Fans an den Absperrungen und versuchen ein Autogramm oder zumindest einen Blick auf ihre Götter zu erhaschen. 

Als uns der Pförtner Einlass gewährt, ist die Pressekonferenz von Trainer Eric Gerets bereits vorbei, und wir platzen mitten hinein in den Auftritt von OM-Kapitän Lorik Cana, der 2005 direkt von Paris nach Marseille gewechselt ist. Die Defensivstütze wird gefragt, ob es noch immer etwas Besonderes sei, gegen seinen Ex-Klub zu spielen. »Natürlich«, meint der 24-Jährige, »ich bin dort groß geworden, habe mit PSG mein Debüt in der Ligue 1
und in der Champions League gegeben. Der Klub wird immer ein Teil von mir sein, und ich habe sehr viele Sympathien für ihn. Aber paradoxerweise ist es für mich die beste Art, diese Kette fortzusetzen, indem ich alle Matches mit Marseille gewinne.« Seine Pariser Vergangenheit hat der gebürtige Kosovo-Albaner rasch hinter sich gelassen. Gleich in der ersten Saison bescherte er OM durch ein Tor den Sieg über PSG, seither ist er für die Marseillais einer der Ihrigen. Der Druck sei für beide Seiten gleich groß, meint Cana vor seinem sechsten »Clasico« im blau-weißen Dress: »Schließlich treffen hier die beiden Institutionen des französischen Fußballs aufeinander. Auch wenn Lyon dominiert, bleiben Olympique Marseille und PSG die größten Klubs. Das Großartige an Spielen wie diesem ist, dass einen der Fußball zum Träumen bringt. Nicht immer auf dem Feld, aber diese Begeisterung und die Freude der Fans das ist etwas Fantastisches. Man spricht schon fünf oder sechs Wochen vorher darüber, obwohl davor noch andere wichtige Partien anstehen.«

 

 Tapie, Dirigent der Rivalität


Am Matchtag ist Marseille in Derbystimmung. Schon auf dem Weg zum Frühstück sind die blauen oder orangen Leiberln mit dem Schriftzug des Hauptsponsors Neuf omnipräsent. Kaum eine Gruppe ohne OM-Schals, OM-Jacken, OM-Sackerl für die vielen Fanshops ist Weihnachten. Doch dann die erste Überraschung: Die Titelgeschichte in LÉquipe ist nicht dem »Clasico« gewidmet, sondern dem Ausrutscher von Meister Lyon bei Le Mans. OM PSG? Erst auf Seite sieben. Dort sagt PSG-Präsident Cayzac, das Spiel sei weiterhin ein besonderes Ereignis, aber »weniger schwefelhaltig« als noch vor einigen Jahren: »Die Verantwortlichen der Klubs bezeichnen es nicht mehr als Krieg. Für unsere Anhänger hat es aber nichts an Reiz eingebüßt.« Caysac verweist darauf, dass die Rivalität zwischen den beiden Vereinen künstlich erzeugt worden sei, um die Meisterschaft attraktiver zu machen. Eine mittlerweile weit verbreitete These, die auch in dem Buch »OM/PSG Les meilleurs ennemis« (Die besten Feinde) vertreten wird. Die Autoren argumentieren, die ausgeprägte Rivalität sei im Gegensatz zu Duellen wie Barcelona gegen Real keine 20 Jahre alt. Anfang der 90er Jahre sei es im Interesse aller gewesen, dem dominanten Marseille einen Rivalen zur Seite zu stellen. 1991 stieg dann der TV-Riese Canal+ bei den Hauptstädtern ein und ermöglichte es PSG, aus einem ähnlich großen Finanztopf zu schöpfen wie OM. Hinter allem soll einmal mehr Bernard Tapie gestanden haben, der kein Hehl daraus macht, Canal+ dazu gedrängt zu haben, sich bei PSG zu engagieren. »Ich war es, der OM/PSG kreiert hat. Ich habe alles orchestriert«, wird der ehemalige OM-Präsident zitiert.

Den Fans in der Stadt ist das alles ziemlich egal. Sie wollen ihr Team über die ungeliebte Hauptstadt triumphieren sehen und sehnen den Ankick herbei. Das bestens besuchte Café OM direkt am Alten Hafen ist der optimale Treffpunkt zur Einstimmung. Die Anhänger genießen die Sonnenstrahlen auf der Terrasse und besprechen die Lage bei einem Gläschen Pastis. Am Tisch neben uns sitzt eine Gruppe Pariser OM-Fans. Ob es in der Hauptstadt nicht gefährlich sei, sich zum Rivalen aus dem Süden zu bekennen? Nein, meint der Angesprochene, Paris sei eine Metropole, dort gebe es alles, eben auch Marseille-Fans. Das rege niemanden auf. In einer »kleineren Stadt« wie Marseille sei das natürlich anders.

Wir entdecken unsere Kontaktperson vom Fanklub Fanatics, mit der wir zum Interview verabredet sind. Ständig tauchen neue Fanklubmitglieder auf und wir suchen nach einem ruhigeren Platz. Schließlich enden wir mit einer Gruppe von 20 Leuten in einer Pizzeria. Nach dem Interview (siehe Kasten) geht es zum Lokal des Fanklubs. Der Vorsitzende begrüßt uns und drückt uns ein Heineken in die Hand. Doch damit nicht genug der Gastfreundschaft: Zwei von uns können mit in den Fanblock, der eigentlich Dauerkartenbesitzern vorbehalten ist. Die Zeit drängt. Um 16 Uhr müssen wir beim Vélodrome sein.

 

 Selbstbestimmte Kurve: Musik, Joints und Fangrill


Dort warten schon mehrere hundert Fans an den Gittern vor dem Eingang zur Virage Nord, großteils Kinder und Jugendliche. Jeder hofft, noch irgendwie in das mit 56.000 Zuschauern längst ausverkaufte Stadion zu kommen. Hinter dem Zaun taucht ein Fanatics-Mitglied auf. Die Verhandlungen über die genaue Zahl der Einzulassenden dauern eine halbe Stunde. Am Ende heben die OM-Ordner das Gitter kurz aus der Verankerung und wir werden zu sechst ins Stadiongelände gelassen, zwei Knirpse nutzen das Momentum und schlüpfen ebenfalls mit hinein. Das gleiche Schauspiel wiederholt sich mehrmals für einzelne Gruppen. Beim Eingang müssen wir uns zu zweit durchs Drehkreuz pressen, das Kartenkontingent wird bis zum Letzten ausgereizt. Die dahinter wartenden Polizisten nehmen es mit Gleichmut zur Kenntnis und lassen uns nach einer Leibesvisitation passieren. Es ist das letzte Mal bis zum Verlassen des Stadions acht Stunden später, dass Polizei in unserer Nähe ist.

Überall auf der nach dem verstorbenen Capo von Marseille Trop Puissant (MTP), Patrice de Peretti, benannten Kurve hat man das Gefühl der totalen Selbstverwaltung. An den Aufgängen sind die Schilder der einzelnen Fanklubs angebracht, die hier ihren Standplatz haben. Die ersten Catering- und Merchandising-Stände, die öffnen, sind die der Supportergruppen, nicht des Vereins. Joints werden gedreht, Musik dringt aus den Kurven, in denen die meisten der sieben großen Fanklubs ihre Soundsysteme installiert haben.

Vier Stunden vor dem Anstoß sind ungefähr tausend Fans im Stadion und bereiten die Choreografien vor. Bei unserem Aufgang informiert ein Zettel, dass der Fanklub einen 200 m² großen Tifo in etwa 100 Arbeitsstunden gebastelt hat, und ersucht um Unterstützung bei Vorbereitung und Umsetzung. Die zehn rund 20 Meter langen Stoffrollen wurden einzeln bemalt und müssen in den Kurvenkatakomben ausgebreitet, sortiert, wieder eingerollt und richtig positioniert werden. Alles läuft relativ unhierarchisch ab, wir werden eingebunden. Zurück auf der zugigen Virage sehen wir die Winners ihre Riesenchoreo übers Feld tragen sie ist rund zehnmal so groß wie die der Fanatics. 

 

 »Paris, Paris, on tencule«


Um 20 Uhr stürmen die knapp 1.000 Fans aus Paris in ihren Sektor. Das restliche Stadion reagiert mit Pfiffen, hunderte geschwungene Hände verleihen den »Paris, Paris, on tencule«-Sprechchören (»Paris, Paris, wir ficken dich!«) eindrucksvoll Nachdruck. Halbvolle Plastikflaschen und andere Wurfgeschoße prasseln vom Oberrang der Haupttribüne auf die PSG-Fans nieder, die sich teilweise wieder in die Aufgänge verziehen. Die Lage beruhigt sich aber, der Sektor ist ausreichend gesichert. Die PSG-Fans halten demonstrativ mehrere Trikoloren hoch, die Marseillais antworten mit ihren eigenen Fahnen. Traditionell sind bei OM mindestens 20 verschiedene Nationalflaggen in den Sektoren zu sehen. Einerseits zur Repräsentation der Herkunft der Spieler, darüber hinaus aber auch Flaggen insbesondere aus Afrika und dem arabischen Raum, wo ein großer Teil des Publikums seine Wurzeln hat. Unter den Fahnen sind auch einige albanische für OM-Kapitän Cana. Es ist der Tag der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, die Winners zeigen als Zeichen ihrer Unterstützung ein schwarz-rotes Transparent mit der Aufschrift »Indépendance«.

Die Spieler kommen zum Aufwärmen auf den Rasen: Erste laute Sprechchöre für OM, die PSG-Equipe wird gnadenlos ausgebuht. Die Stimmung ist aufgeheizt. PSG-Präsident Cayzac tritt aus dem Spielertunnel. Im schwarzen Mantel schreitet er lässig an den tobenden OM-Fans vorbei zur Auswärtskurve, präsentiert seinen Fanschal und lässt sich vom PSG-Mob abfeiern. Ein bisschen Provokation im fremden Stadion, das lässt sich auch ein Vereinspräsident vor so einem prestigeträchtigen Match nicht nehmen.

 

Magische Choreos und Menschenknäuel 


Dann endlich der Einlauf der Mannschaften. Das Startzeichen für die Virages, ihre gigantomanische Choreo-Show vom Stapel zu lassen. Den oberen Teil der Südtribüne überspannt ein Riesentransparent der Winners, flankiert von zwei großen Che-Guevara-Konterfeis über beide Ränge, das Commando Ultra' 1984 im Unterrang kombiniert ein blau-weißes Fahnenmeer mit der Aufforderung »Offrez-nous le spectacle ce soir« (»Gönnt uns das Spektakel heute Abend«). Im Norden zeigen die Yankees einen riesigen OM-Schriftzug, MTP huldigen dem Schlachtruf »ARRAH«. Das Tifo der Fanatics klappt perfekt: Ein blau-weißes Strahlenmeer mit dem Stadtwappen wird eingerahmt von dem Schriftzug »Des rayons centenaires pour aveugler la ville lumiere« auf Deutsch »Hundertjährige Strahlen, um die Stadt des Lichts (wie Paris auch genannt wird, Anm.) zu blenden«. Die PSG-Fans beschränken sich derweil darauf, ihren Sektor in Bengalenrauch zu hüllen. 

Beim Anpfiff singen die beiden Kurven und die Tribune Ganay auf Hochtouren. »Qui ne saute pas, nest pas Marseillais« (»Wer nicht hüpft, ist nicht aus Marseille«), hallt es durchs Stadion. Tausende Körper verleihen ihrer Herkunft durch Springen im Takt Ausdruck. Doch die Begeisterung schlägt sich zunächst nur bedingt auf die Mannschaft nieder. Paris steht tief, und OM tut sich schwer, auf dem Krautacker des Vélodrome das Spiel zu machen. In der 28. Minute der einzige Moment der Stille während der gesamten Partie: Schiedsrichter Layec zeigt nach einem Foul an PSG-Stürmer Amara Diané auf den Elferpunkt, obwohl das Tackling klar außerhalb des Strafraums passierte. Die wütenden OM-Proteste helfen nichts: Jêrome Rothen verwandelt den Penalty im zweiten Anlauf. Kurz und gedämpft sind die PSG-Fans zu hören, dann wird ihr Jubel wieder geschluckt vom OM-Support, der das Team sofort mit Wiederankick nach vorne treibt. Marseille wird nach dem Gegentor besser, die PSG-Defensive weiß sich nur mehr mit Fouls zu helfen. Acht Minuten nach der Gästeführung ist die blau-weiße Welt wieder in Ordnung: Taye Taiwo drückt den Ball nach einem schweren Fehler von PSG-Keeper Mickaël Landreau per Kopf über die Linie. Auf den Rängen gibt es kein Halten: Die Südtribüne ist ein Bengalenmeer, und das ganze Stadion springt und singt zu »Seven Nation Army« von den White Stripes. Der berüchtigte Tor-Pogo der Virage Nord fordert seinen Tribut. Wir werden mitgerissen, finden uns einige Stufen weiter unten wieder. Die Leute liegen übereinander, und es dauert eine Zeit, bis die Gestürzten wieder aus dem Menschenknäuel gezogen sind. Zwei Fans stellen einen etwa 60-jährigen Mann wieder fest auf die Betonstufen. Nachdem der erste Schreck verflogen ist, tut er, als wäre nichts gewesen. Die Verletzungsgefahr bei diesem Ritual ist gegeben, scheint aber kalkulierbar. Am nächsten Tag berichtet die lokale Presse von »29 Verletzungen oder kleinen Wehwehchen«, die behandelt werden mussten.

Die restlichen Minuten bis zur Pause werden zu den schönsten des gesamten Abends. OM drückt, und die Leute »müssen« singen: »Il faut chanter, il faut chanter, et notre équipe va gagner. Allez, allez,...« Mitten in diese Euphorie fällt kurz vor der Pause der so herbeigesehnte Führungstreffer: Der großartige Mathieu Valbuena schickt Mamadou Niang in die Gasse, und der Senegalese erzielt aus spitzem Winkel in bester Goalgetter-Manier das 2:1. Unmittelbar danach Halbzeit. Zeit zum Durchatmen.   

 

DJ Cissé: keine Tore, aber auch keine Pfiffe


In Hälfte zwei initiieren die beiden Kurven mehrmals ihren klassischen Wechselgesang. »Aux Armes« (»Zu den Waffen«) hallt es von Norden nach Süden und wieder retour. Ein Spektakel, das mit den Textzeilen »Nous sommes les marseillais«, »Et nous allons gagner« (»Wir werden gewinnen«) sowie einem doppelten »Allez lOM« seine Fortsetzung findet. OM agiert nun souverän und kann am Ende 60 Prozent Ballbesitz für sich verbuchen. Djibril Cissé ist bemüht, aber glücklos. Der im Sommer von Liverpool gekommene Stürmer entzweit das Publikum wie kein anderer. Viele können mit dem Star-Habitus des Exzentrikers, der sich abseits des Platzes gern als DJ, Schauspieler und Modeguru inszeniert, nichts anfangen. Zu seinen Fans zählt offensichtlich Trainer Eric Gerets, der dem 26-Jährigen den ganzen schwachen Herbst lang die Stange hielt, auch wenn er vom eigenen Publikum regelmäßig ausgepfiffen wurde. Als Sturmpartner Niang beim Afrika-Cup weilte, dankte Cissé seinem Trainer die Treue mit Toren am Fließband. Gegen PSG gibt es keine Pfiffe, einzelne Unmutsbekundungen von Anti-Cisséisten sind aber unüberhörbar. Während Niang bei seiner Auswechslung mit »Mamadou, Mamadou, Mamadou«-Sprechchören verabschiedet wird, muss sich Cissé mit »normalem« Applaus begnügen. Vielleicht auch deshalb, weil er kurz zuvor einen Sitzer zum 3:1 auslässt. 

Obwohl OM nur mit einem Tor führt, hat man nicht das Gefühl, die Partie könnte noch kippen. Marseille-Keeper Steve Mandanda verbringt eine ruhige zweite Hälfte, OM besiegt die Hauptstadt schließlich verdient mit 2:1 und ist nun schon seit sieben »Clasicos« ungeschlagen. Die Stimmung beim Verlassen des Stadions ist ausgelassen, der erwartete Ausnahmezustand bleibt aber aus. Brav stellen sich die Fans in Schlangen vor den U-Bahn-Stationen an. Am Hafen treffen wir später noch ein paar Fanatics-Mitglieder. »Ich bin sehr zufrieden mit dem Abend«, sagt einer, »unsere Choreo ist gelungen und das Match haben wir ja auch gewonnen.« Darauf erst einmal eine Runde Pastis.  

 

»Achtung, Marseille ist zurück!«


Als wir am nächsten Tag aufwachen, ist es Nachmittag. Bei einem Pastis ist es nicht geblieben, der Kopf schmerzt, und der Plan, zum Training in die Commanderie zu fahren, hat sich von selbst erledigt. In den Zeitungen ist von Katerstimmung nichts zu spüren. »Dieses OM ist unwiderstehlich«, feiert La Provence den erstmaligen Vorstoß auf Platz vier. Auch wenn immer noch elf Punkte auf Tabellenführer Lyon fehlen, ist die Champions League in Reichweite, was LÉquipe zur Schlagzeile »Achtung, Marseille ist zurück!« veranlasst.

Abseits des Sportlichen sorgen die PSG-Fans für Aufregung: Die vier Buschauffeure der Boulogne Boys haben sich während des Matches heimlich abgeseilt und die Fans in Marseille zurückgelassen. Die Fahrer zwei Maghrebiner, ein Portugiese und einer aus Guadeloupe geben an, bei der Hinfahrt rassistisch beschimpft worden zu sein. Einige der Boys sollen mehrmals den Hitlergruß gemacht und sie ständig gefragt haben, ob sie »gute Franzosen« seien. Nach einigen Vandalenakten unter anderem wurde bei der Einfahrt nach Marseille eine Bustür eingetreten, um ein Auto mit Nord-afrikanern zu attackieren sahen sich die Chauffeure nicht mehr in der Lage, für die Sicherheit zu garantieren. Die Marseiller Polizei wollte sie trotzdem zur Rückfahrt zwingen. José, einer der Fahrer, zu LÉquipe: »Also sind wir vor dem Matchende heimlich verschwunden.« Die Heimreise traten sie pikanterweise in einem Bus von Pariser OM-Fans an, während die Boulogne Boys die Nacht unter Polizeischutz am Bahnhof verbrachten. Als wir am Abend unseren Zug besteigen, sind die Pariser Buben freilich längst weg und auch die von ihnen hinterlassenen Spuren entschärft. Aus dem PSG-Graffito wurde kurzerhand ein »Perdre Sans Gloire« (Verlieren ohne Glanz), das zumindest bis zur nächsten Saison seine Gültigkeit behalten wird.

Referenzen:

Heft: 33
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

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