Qualifiziert sich Österreich
 für die EM 2016?

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Der ballesterer sucht in seiner Jubiläumsausgabe nach Antworten auf die großen und kleineren Fragen des Fußballs von der Zukunft der Fankultur bis zur Zukunft der FIFA. Die Prognose über die Zukunft des österreichischen Nationalteams überlassen wir Teamchef Marcel Koller.

Der Aufschwung ist spürbar: In der Qualifikation für die EM 2016 steht das österreichische Nationalteam nach vier Spielen in Gruppe G auf Platz eins. Im Vorjahr war der höchste Zuschauerschnitt seit 1968 zu verzeichnen, und der ÖFB vermeldet auch für das Freundschaftsspiel gegen Bosnien-Herzegowina Ende März schon 40.000 verkaufte Karten. Nicht recht in dieses glanzvolle Bild passen indes die wenig repräsentativen Räumlichkeiten im Ernst-Happel-Stadion. Teamchef Marcel Koller empfängt den ballesterer in einem engen, grauen Besprechungszimmer. Im Gespräch steigt er immer wieder auf die Euphoriebremse und beschwört sein Rezept: kontinuierliche Arbeit.

ballesterer: Wie erklären Sie sich den aktuellen Hype ums Nationalteam?

Marcel Koller: Durch gute Spiele und natürlich auch durch gute Ergebnisse. Das zählt immer im Fußball. Für uns war es sehr wichtig, die Fans ins Boot zu holen. Dafür spielen oft auch Kleinigkeiten eine Rolle. Wir haben versucht, dem Team mitzugeben, dass man sich nach dem Spiel von den Fans verabschieden muss – bei Sieg, Unentschieden und Niederlage. Wichtig ist die Leistung – dass jeder 100 Prozent gibt und an die Grenze geht. Die Fans haben dafür ein gutes Gespür.

Gab es in dieser Entwicklung irgendeinen Knackpunkt? War es die knapp verpasste WM-Qualifikation?

Es gibt nicht ein Schlüsselerlebnis, sondern mehrere – Ergebnisse, aber auch die Spielweise. Zum Beispiel in Irland, wo wir nach einem Rückstand noch einmal zurückgekommen sind. In Schweden war die erste Halbzeit ganz stark, die zweite hat leider gefehlt. Nach dieser Niederlage war es schwierig, weil alle sehr enttäuscht waren. Dann spielst du auf den Färöern, wo es damals – überspitzt formuliert – egal war, ob du gewinnst oder verlierst. Aber für mich waren dieses Spiel und der Sieg sehr wichtig.

Warum?

Zum einen gab es da die Diskussion um meine Vertragsverlängerung, außerdem hat Österreich mit den Färöern eine Geschichte, die nicht zum Spaßen ist. Ich habe gespürt, dass alles wieder auseinanderbrechen kann, wenn wir kein gutes Spiel machen. Ich habe das dem Team auch so vermittelt. Ich habe den Spielern gesagt, dass für meine Überlegungen, ob ich bleibe, auch dazukommt, ob ich sehe, dass sie bereit sind, einen Schritt weiterzugehen. Deswegen war es ein sehr wichtiges Spiel, und wir haben es gewonnen. Das war ein entscheidender Puzzlestein.

Sind Sie jetzt stärker damit beschäftigt, die Spieler und die Öffentlichkeit auf dem Boden zu halten?

Ich bin da jetzt schon drei Jahre dran. Ich bin schon lange im Geschäft, ich weiß, dass du dich nicht ausruhen kannst, wenn du mal erfolgreich bist. Es kann so etwas von schnell gehen, dass du wieder ganz unten bist.

Kommen wir zur Grundfrage dieses Interviews: Qualifiziert sich Österreich für die EM 2016?

Das weiß ich nicht. Wenn ich das wüsste, wäre ich Wahrsager. Wir sind auf einem guten Weg, aber es sind erst vier Spiele gespielt, und es folgen noch sechs. Nach Adam Riese: Zehn Punkte reichen nicht, um sich zu qualifizieren. Es ist noch ein weiter Weg.

Aber das Team ist in dieser Qualifikation weiter als in der letzten?

Ja, klar. Vom Bewusstsein – und wir spielen jetzt ruhiger. Das war zu Beginn der WM-Qualifikation noch anders. Wenn ich an das Spiel in Kasachstan denke, da waren wir hektisch. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass man bei den Kleinen gewinnen muss, war die letzte Viertelstunde nervös. Die Spieler haben mit dem Schiedsrichter gesprochen, statt sich auf die Aufgabe zu fokussieren. Jetzt lassen wir uns nicht mehr so schnell aus dem Konzept bringen.

Der Spielaufbau vermittelt Sicherheit, das Pressing funktioniert auch sehr gut. Am ehesten gibt es Schwächen bei schnellen Tempowechseln der Gegner. Ist das der Bereich, wo man noch am meisten arbeiten muss?

Ja, absolut, aber da geht es auch um den Faktor Zeit: Ich habe wenige Möglichkeiten, mit dem Team zu arbeiten. Drei Tage nach dem Russland-Spiel ist Brasilien gekommen – da kannst du nicht groß auf die Dinge eingehen, die passiert sind. Vier Monate später kommt Liechtenstein. Dann können wir ansprechen, was wir gegen Russland nicht so gut gemacht haben. Wir schauen gewisse Situationen mit dem einen oder anderen auf Video an und zeigen ihm dann auf dem Platz „Da oder da musst du stehen.“ Das sind fünf oder zehn Meter, die im Spiel sehr viel ausmachen können. Nur wenn jedes Zahnrädchen ins andere greift, bist du kompakt. Wenn einer einmal kurz nicht bei der Sache ist, nützen das Topmannschaften aus.

Sie sprechen immer wieder davon, dass die Spieler mehr Drecksarbeit machen und ein paar Meter weiter nach hinten gehen müssen. Warum dauert das so lange, bis die Spieler das übernehmen?

Weil ich sie nicht jeden Tag habe. Wenn einer das zehnmal am Tag, siebenmal die Woche hört, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass er das drinnen hat. Es fehlt die tägliche Arbeit, um das einüben zu können.

Dieses Problem haben ja alle Nationalmannschaften. Was braucht es im internationalen Fußball? Mehr Termine, mehr Trainingslager?

Ja, aber das wird ja immer mehr gekürzt. Die Spieler sind beim Klub angestellt – und die Nationalmannschaft muss hinten anstehen. Mit zwei aufeinanderfolgenden Länderspielen haben wir vielleicht einmal die Möglichkeit, drei, vier Tage am Stück zu arbeiten. Dementsprechend ist es wichtig, dass du dich für ein Turnier qualifizierst. Die Spieler fahren dann nicht in den Urlaub, sondern bleiben bei dir. Bisher waren wir maximal zwölf Tage zusammen. Wenn du fünf oder sechs Wochen hast, ist das schon etwas anderes.

Sie haben an in der Öffentlichkeit umstrittenen Spielern wie Robert Almer, Marko Arnautovic und Marc Janko festgehalten. Gab es da im Trainerstab Diskussionen?

Wir sitzen viel zusammen, machen Spielbeobachtungen und diskutieren natürlich im Trainerteam. Vor der Kaderbekanntgabe überlegen wir, welche 23 Spieler wir dabei haben wollen. Da sind wir überzeugt, dass es die richtigen sind. Wenn dann einer einmal nicht spielt oder ausgepfiffen wird? Ich kann von mir sagen, dass ich mich davon nicht beeinflussen lasse.

Der Stamm der Mannschaft ist über Europa verteilt. Bei den letzten Spielen waren meistens neun Legionäre und zwei Spieler von Red Bull Salzburg dabei. Wie funktioniert die Beobachtung?

Auf der einen Seite besuchen wir die Spieler, auf der anderen Seite sehen wir sie im Fernsehen. Samstag und Sonntag ist Großkampftag. Unser Teammanager organisiert die Videos der Spieler, die im Ausland spielen oder gerade gut in Form sind und dazukommen könnten. Dann schaue ich mir das an und muss beurteilen, ob der Spieler besser ist als einer, den wir schon dabei haben. Wenn das so ist, soll er dazukommen – wenn nicht, muss er warten oder bessere Leistungen zeigen. Wir werden nicht plötzlich alles über den Haufen werfen. Man dreht immer wieder mal an einer Stellschraube, aber im Großen und Ganzen steht das Team.

Veli Kavlak, der bei Besiktas eine tragende Rolle spielt, war zuletzt nur im Test gegen Brasilien im Einsatz. Ist da die Konkurrenz zu groß, oder ist die türkische Liga nicht gut genug?

Nein, das hat damit nichts zu tun. Für uns ist der Spieler wichtig. Ich nehme aber nicht einfach einen Spieler dazu – das kann auch ein Verteidiger oder ein Stürmer sein – nur, um ihn dabei zu haben. Wir haben jede Position doppelt besetzt. Mittlerweile haben wir auch mehr Konkurrenz. Im Zentrum haben wir mit Julian Baumgartlinger, David Alaba, Stefan Ilsanker, Veli Kavlak und Christoph Leitgeb fünf sehr gute Spieler für vier Plätze.

Dennoch wird der Teamgeist in der Mannschaft immer wieder betont. Setzen Sie gezielte Maßnahmen, oder hat das eine Eigendynamik entwickelt?

Wir haben keine speziellen Dinge unternommen, aber wenn du alle zwei Monate immer die gleichen Spieler dabei hast, kannst du etwas aufbauen. Es ist wichtig, die richtige Truppe zusammenzubekommen – fußballerisch und menschlich.

Wenn David Alaba verletzt ist und trotzdem beim Spiel gegen Russland auf der Tribüne sitzt, ist das seine Idee zu kommen? Oder laden Sie ihn speziell ein?

Ja, schon. Aber bei David entscheidet Bayern München, ob er kommen darf. Wenn verletzte Spieler dabei sind, freuen wir uns natürlich.

Sie haben bei Ihrer Vertragsverlängerung gesagt: „Ich bin noch nicht fertig hier“. Gibt es einen Punkt, an dem Sie Ihre Mission erfüllt haben?

Nein, das war damals auf die Situation bezogen. Ich habe zwei Jahre lang gesagt, dass ich mehr Zeit brauche. Jetzt nach drei Jahren habe ich das Gefühl, dass es besser wird, dass es schneller geht, dass wir so spielen, wie ich mir das vorstelle.

Foto: Stefan Reichmann

Zur Person
Marcel Koller (54) spielte 18 Jahre lang für Grasshoppers Zürich und 55-mal für das Schweizer Nationalteam, unter anderem bei der EM 1996. Nach seiner aktiven Karriere war er als Trainer in der Schweiz und Deutschland tätig. Seit November 2011 ist er österreichischer Teamchef.

Referenzen:

Heft: 100
Thema: Nationalteam
ballesterer # 120

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