Erwartungen und Weltklassestädte
Dennoch erweckt die WM nicht nur bei der südafrikanischen Bevölkerung große Hoffnungen auf lokale Entwicklung, wie Pat Horn, Aktivistin der Straßenhändler-Organisation StreetNet, beobachtet: »Schüler glauben, in den verlängerten Schulferien mit Nebenjobs viel Geld verdienen zu können. In Malawi bereitet sich das ganze Land darauf vor, WM-Touristen an den Malawi-See zu locken. Änhnliches erwarten sich auch die Bewohner in Namibia und Mosambik.« Vermutlich dürften sich nicht nur die Wünsche der Nachbarländer nicht erfüllen. Mit der Aussicht auf große Einnahmen durch den Einstieg potenter Sponsoren ordnen südafrikanische Gemeinden ihre Entscheidungen einem einzigen Ziel unter: den »Weltklassestatus« zu erreichen.
»Weltklassestädte bestechen durch Sauberkeit und offene, weite Plätze und weisen keinerlei für den Besucher sichtbare, das Erlebnis störende Armut auf«, sagt Pat Horn. »Solche Städte eignen sich also ideal für internationale Events und entwerfen ein Bild, das potenzielle Investoren anzieht.« Die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung geraten bei derartigen Imagekampagnen in den Hintergrund. StreetNet kämpft seit 2006 gegen die durch die WM 2010 bedingten Modernisierungen der Städte in Südafrika. Mit der bereits im Vorfeld der WM 2002 in Japan und Südkorea gegründeten Kampagne »World Class Cities for All« (WCCA), einer weltweiten Bewegung verschiedener Organisationen, soll nun auch in Südafrika auf die sozialen Probleme der WM aufmerksam gemacht und Verbesserungen für die lokale Bevölkerung erreicht werden.
Zwangsumsiedlungen statt Verhandlungen
In Südafrika wurde im Rahmen der Kampagne von WCCA bereits mit sieben der neun Veranstaltungs-gemeinden verhandelt, doch neben Tshwane/Pretoria wehrt sich vor allem Durban gegen die Einbeziehung der Bevölkerung, weshalb sich hier die verheerendsten Folgen zeigen. So beschloss der Gemeinderat das King Zwelithini Stadion in Umlazi, im Süden der Stadt, zu vergrößern, um es als potenzielles Trainingsgelände für Mannschaften, die ihre Spiele im neu errichteten Moses Mabhida Stadion austragen, zur Verfügung stellen zu können. Die ansässige Bevölkerung wurde in ein vier Kilometer entferntes, aufgrund einer Mülldeponie vergiftetes Gebiet zwangsumgesiedelt, ihre Häuser dem Erdboden gleichgemacht.
»Sie leben jetzt in Baracken ohne Wasser- oder Stromleitungen, ohne Einkaufsmöglich-keiten, ohne Kliniken und Notfallversorgung, weil Ambulanzen die Gegend aufgrund der toxischen Ver-seuchung nicht ansteuern«, sagt Pat Horn. Außerdem haben die Räumungen zum Verlust der Arbeitsmöglichkeiten geführt. Mittlerweile sind die Ausbaupläne des Stadions vom Tisch, da die die Spieler im Norden Durbans einquartiert werden, der lange Anreisewege macht das Gelände als Trainingszentrum unattraktiv. Die Häuser wurden jedoch schon niedergerissen und Parkplätze an ihrer Stelle errichtet. Das für die WM nutzlos gewordene Stadionprojekt soll jetzt in eine offizielle Public-Viewing-Zone umgewandelt werden.
Shoppingcenter statt Straßenmarkt
Einen weiteren heiß umstrittenen Ort stellt der Warwick Market im Herzen der Stadt dar: Der traditio-nelle Straßenmarkt, der der armen Bevölkerung in der Umgebung täglich frische Nahrungsmittel zu erschwinglichen Preisen bietet, soll durch ein Shoppingcenter ersetzt werden. Bei einer Arbeitslosigkeit in Durban von rund 50 Prozent ist der informelle Sektor für viele Bewohner die einzige Erwerbsmöglichkeit. In der Innenstadt sind bis zu 30.000 informelle Arbeiter, zum Beispiel im Straßenverkauf, Trans-portwesen oder Handwerk, beschäftigt, die wenigsten davon haben eine Lizenz. Sollte das Shoppingcenter tatsächlich gebaut werden, würden nicht nur Tausende von ihnen, vor allem Frauen und Migranten, ihre ohnehin schon prekären Arbeitsplätze verlieren, es käme auch zu einem für die verarmte Bevölkerung verheerenden Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln.
»Ökonomisch und ökologisch gesehen wäre die Aufrechterhaltung des bestehenden Nahversorgungssystems nachhaltiger und der Bevölkerung weit dienlicher als die Zulieferung der Lebensmittel durch multinationale Konzerne«, sagt Pat Horn. »Jetzt werden Waren mit Kühltransporten quer über den Erdball verschifft und machen der lokalen Landwirt-schaft Absatzmärkte streitig.« Gemeinsam mit den fast 10.000 informellen Arbeitern des Warwick Mar-ket kämpft die WCCA-Kampagne unter dem Leitsatz »Nothing for Us Without Us!« gegen die Ver-wirklichung des Bauvorhabens. Gewaltsame Räumungen des Markts und verschärfte Lizenzkontrollen der Polizei gehören für die Protestbewegung zum Alltag, dennoch konnte sie inzwischen einen Teilerfolg einfahren: Der Bau des Shoppingcenters wurde durch einen Gerichtsbeschluss vorübergehend auf Eis gelegt.
Unausweichliche Enttäuschung
Neben Zwangsumsiedlungen und der Zerstörung lokaler Strukturen wurden nicht nur die Erwartungen der armen Bevölkerung, von der WM profitieren zu können, enttäuscht. Auch lokalen Kleinunterneh-mern wurde noch vor dem offiziellen Verhandlungstermin mit der FIFA klar, dass sie bei der WM durch die Finger schauen werden. Die strengen Auflagen der FIFA machen die Bereiche rund um die Stadien und die Public-Viewing-Zonen zu exklusiven Verkaufsgebieten der von internationalen Großunternehmen lizenzierten Händler. Ökonomische und soziale Erwartungen der Bevölkerung im Gastgeberland werden sich in Südafrika also nicht erfüllen. Soziale Integrität und danach ausgerichtetes Handeln sind für die FIFA imagebildende Begleitmaßnahmen, an ihrer Politik als profitorientiertes Unternehmen wird sich vermutlich auch durch die Eröffnung von 100 »Football for Hope«-Centern nichts ändern.Jenni Jerabek ist Mitarbeiterin der »Frauensolidarität«, dem feministischen Magazin mit entwicklunspolitischem Fokus. Ein ausführliches Interview mit StreetNet-Aktivistin Pat Horn findet sich auf noso.at. Im Juni erscheint der Schwerpunkt »Südafrika: Sport und Ökonomie«.






»Modernisierung, Investitionen und finanzieller Profit« so könnten die Erwartungen der FIFA und der südafrikanischen Eliten an die WM-Endrunde zusammengefasst werden. Das Beispiel Durban zeigt aber, dass die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehenden Bevölkerungsgruppen mit einer Verschärfung ihrer Arbeitsbedingungen, Umsiedlungen und Armut rechnen müssen.
erscheint am 12. Juli 2013.
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