Die Hälfte der derzeit bei Charlton Athletic unter Vertrag stehenden Spieler war vor zwei Jahren noch bei einem anderen Verein. Und wenn der Londoner Premier-Ligist auch erstaunlich wenige ausländische Spieler in seinen Reihen hat, so ist doch anzunehmen, dass kaum einer aus dem jetzigen Kader den Text von Charltons Klubhymne auswendig kann. »The Red Red Robin« stammt aus dem Jahr 1926; zu verstaubt, um als Playstation-Soundtrack Verwendung zu finden.
Süße Inselhymnen
Wie Charlton haben sich zahlreiche weitere englische Vereine ihre Klubhymnen eher zufällig ausgesucht. Die Erwähnung der Vereinsfarben (Rotkehlchen bei Charlton, »Blue Moon« bei Manchester City) in einem zum Mitsingen geeigneten populären Musikstück genügte meist, um als Vereinssong herzuhalten. Bei einigen Klubs fehlt sogar jegliche inhaltliche Verbindung zur Hymne - oder sie ergab sich nachträglich und ungewollt. West Hams »I'm Forever Blowin' Bubbles«, 1919 in Übersee geschrieben, diente den Londonern zuerst als Klubsong der eigenen Junioren, wurde aber bald schon vor dem Kickoff der 1. Mannschaft über die Stadionlautsprecher eingespielt. Als die »Bubbles« eines Spieltags als Warm- up-Melodie plötzlich abgesetzt wurden, ging ein Sturm der Entrüstung durch den Upton Park - die offizielle Vereinshymne war geboren. Der melancholisch- süße Text, in dem die Seifenblasen als dünne Hoffnungsschimmer hoch am Himmel zerplatzen, kontrastierte stets mit dem Bild der tätowierten Hammers Working Class, spiegelt seit geraumer Zeit jedoch aufs Treffendste das Dasein eines West-Ham- Supporters wider: Hoch gesteckt die Ziele, tief und schmerzhaft der Fall. Doch sie steigen weiter hoch, die Bubbles: »They fly so high, nearly reach the sky,...«
Eine ähnliche Geschichte kennt die heute bis zur Unkenntlichkeit ausgeschlachtete Vereinshymne des FC Liverpool »You'll Never Walk Alone«. Ursprünglich Teil des Musicals »Carousel « (1945), schaffte es die von Elvis über Doris Day bis zu Johnny Cash zig- fach interpretierte Schnulze 1963 in England in die Charts, als sich an der Mersey die Beatles mit Gerry & the Pacemakers ein Duell in den Top Ten lieferten.
Beide Bands schallten an der Anfield Road regelmäßig aus den Boxen, das sakrale »You'll Never Walk Alone« von Gerry & the Pacemakers eignete sich schließlich am besten als Choral der roten Gemeinde Liverpools. Dass der rührige Text, der im Musical unter Tränen gesungen wird, dereinst helfen würde bei der Verarbeitung der größten Tragödie des englischen Fußballs, das ahnte in den 1960er Jahren noch keiner.
Hillsborough 1989 mit 96 toten Liverpool- Supportern verlieh dem Abschiedslied »You'll Never Walk Alone« eine ungeahnte Würde, und es ist gerade vor diesem Hintergrund nur sehr schwer verdaulich, dass Event-Agenturen Fußballstadien in halb Europa dazu missbrauchen, den Leuten ihre widerliche Auffassung von Geschichte, Musik und Anstand in die Gehörgänge zu jagen.
Kontinentale Fleischhacker
Von der beneidenswerten englischen Tradition, im Verlauf der Vereinsgeschichte irgendwann irgendwo ein schönes Lied aufgeschnappt und zur Klubhymne erklärt zu haben, ist Kontinentaleuropa sehr weit entfernt. Über Jahrzehnte störte das auch keinen - sie hatten die schöneren Lieder, wir die besseren Würste - bis mit der medialen Vollabdeckung des Ereignisses Fußball auch die letzten Winkel eines Klubs und seines Stadions ausgeleuchtet wurden.
Hundertvierundzwanzigtausend Mal wurde uns »Live von der Anfield Road« berichtet, was für eine großartige Hymne der FC Liverpool hat - da kam Mitteleuropa nicht umhin zu handeln. Wer einen letzten Rest von Schamgefühl kannte, übernahm nicht tel quel das große Vorbild, sondern engagierte eine lokale Schlagergröße, die über Nacht eine Vereinshymne kreieren sollte. Und es funktionierte. Wer sich heute in Leverkusen oder Mailand ins Stadion setzt, wird sich verwundert die Ohren reiben, denn die Leute links und rechts schreien nicht »Aufhören, aufhören!«, wenn das neue Vereinslied erschallt, sondern singen mit. Wer immer die Toleranzgrenze des Publikums in Sachen Stadionsound in den letzten Jahren nach oben verschoben hat: Er hat ganze Arbeit geleistet.
In Basel, der selbst ernannten Schweizer Fußball-Hauptstadt, lancierte ein Fan zu Beginn der Champions League- Saison 2002/2003 die Idee, das »Basler Lied«, ein Stück Basler Volksgut, ins Gesangsrepertoire der FCB-Fans aufzunehmen. Die Stadionbetreiber zeigten sich interessiert, der Text wurde flugs und fahrlässig angepasst (»Schiessä Goal für d'Champions League«), das Publikum machte mit. Was dann geschah, ist leider bezeichnend für den Fußball im dritten Jahrtausend: Der FC Basel verkaufte das »Basler Lied«. Fortan hieß es jedesmal, bevor der Text auf der Videowand erschien, »s'Basler Lied wird Ihnen präsentiert von?«. Dass ein Verein sich derart unverschämt am geistigen Gut seiner Anhänger bereichert, ist heute kein Skandal mehr. Die Tatsache jedoch, dass das Lied trotz allem weiter gesungen wird, ist soviel Wasser auf die Mühlen der Kulturpessimisten, wie kein Ozean fassen kann.
»Bochum, ich komm' aus dir«
Klubhymnen sollten sich ergeben, wie in England, oder gut sein. Für beides gibt es außerhalb der Insel Beispiele, wenn sie auch selten sind. Der VfL Bochum ist ein Verein, der es trotz Bundesliga- Hype und unangenehmem Ruhrpott- Kult geschafft hat, sich das zu bewahren, was man dann wohl Authentizität nennt. Besuche in seinem Stadion sind eben genau das: Besuche in einem Stadion, nichts mehr und nichts weniger. Dasselbe gilt für seine Hymne, Herbert Grönemeyers 80er-Jahre-Titelstück »Bochum «. Vor jeder Begegnung wird das Lied eingespielt, und die Leute singen mit. Weil es passt, weil es stimmt. Bis zur Zeile »Machst mit ?nem Doppelpass jeden Gegner nass, Du und Dein Vau Eff Eeeelll«, dann wird ausgeblendet, die Fans übernehmen und das Spiel beginnt. Bochum beim Singen dieser Zeilen zu erleben löst andere Regungen aus als »You'll Never Walk Alone« beim Spiel eines Schweizer Zweitligisten.
Ähnliches gilt für die kranke AS Roma. Ihr hat Antonello Venditti, dem vom italienischen Feuilleton vorgeworfen wird, er schreibe seine Lieder absichtlich so banal, damit sie auch Fußballfans mitgrölen könnten, mit »Roma Roma Roma« 1974 ein tonales Denkmal gesetzt, an dem sich die Romanisti vor jedem Heimspiel laben wie einst Romulus an der Wölfin. Das Stück ist in der Tat einfach gestrickt, doch erfüllt es seinen Zweck in einer Weise, der man sich nur schwer entziehen kann. Wer als Gast im Römer Olympiastadion sitzt und beim 70.000-fach gebrüllten Lagenwechsel kurz vor Ende des Liedes keine ausgewachsene Gänsehaut kriegt, ist entweder stark betrunken oder Schüler am Konservatorium.
Es dürfte im Jahre 2005 schwer sein, irgendwo in Europa ein gleichzeitig als Jazzclub fungierendes Klublokal eines Profi-Fußballvereins zu finden, in dem die erste Mannschaft freiwillig und geschlossen die Jahrzehnte alte Vereinshymne intoniert. Wer deswegen nun aber Wolfgang Petry anheuert, darf sich nicht wundern, wenn sein Verein, sein Stadion und seine Anhänger irgendwann als ein klein bisschen doof gelten.






erscheint am 12. Juli 2013.
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