Schatten der Vergangenheit

cache/images/article_1856_dscf0538_140.jpg 23 Jahre nach Ende der Volksrepublik ist mit der EM auch der moderne Fußball endgültig in Polen angekommen. Fährt man durch die vier Austragungsorte, stößt man auf strahlend neue, aber halbvolle Stadien, nationalistische Fangruppen und immer noch offene Wunden, die diverse Besatzer hinterlassen haben.
Radoslaw Zak | 16.05.2012

Das »Geschenk Josef Stalins an das polnische Volk« ist imposant. Der 231 Meter hohe Kulturpalast ist das höchste Gebäude Polens und das Erste, was wir nach unserer achtstündigen Zugfahrt von Wien nach Warschau erblicken, als wir den Zentralbahnhof verlassen. 3.500 sowjetische Arbeiter haben es auf Anweisung des sowjetischen Diktators im Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg von 1952 bis 1955 errichtet, zum Ärger der Polen avancierte der im Sozialistischen Klassizismus gehaltene Wolkenkratzer im Lauf der Jahre zum Wahrzeichen der Stadt. Kein Wunder, schließlich wurden in der Zeit der deutschen Besatzung von 1939 bis 1945 etwa 85 Prozent aller Gebäude zerstört. »Glaubt mir, die Stadt hat schönere Ecken«, sagt unser Gastgeber und Legia-Fan Przemek entschuldigend.

 

Um den Defilad-Platz, auf dem der Kulturpalast in die Höhe ragt, wurden in den vergangenen zehn Jahren andere Hochhäuser platziert, um die optische Wucht des Geschenks einzudämmen. Dadurch wirkt das architektonische Gesamtbild etwas wirr und unvollendet. Nach dem Ende der Volksrepublik sollte der Kulturpalast abgerissen werden, das Vorhaben scheiterte jedoch an der massiven Stahlbetonkonstruktion des Bauwerks. Die Warschauer mussten sich wohl oder übel mit ihrem Wahrzeichen arrangieren. Während der Europameisterschaft wird es als Kulisse für die 100.000 Besucher fassende Fanzone dienen.

Ein Derby zum Vergessen

Etwas weniger haben sich in der mit 29.017 Zuschauern ausverkauften Pepsi-Arena von Legia Warszawa beim Derby gegen Polonia eingefunden. Wer ins Stadion will, muss seine persönlichen Daten angeben und sich beim Verein registrieren. Innen beschallen zahlreiche Lautsprecher die Fans mit Werbung für Legias Sponsoren. Der moderne Fußball hat hier Einzug gehalten, seit der Medienriese ITI den Verein 2004 übernommen und nach seinen Vorstellungen umgestaltet hat. Überteuerte Menüs, bestehend aus Pizzaschnitten, Hotdogs und diversen Sorten Zuckerwasser, werden den Zuschauern angeboten. Bier suchen wir vergeblich, in polnischen Stadien herrscht ein rigoroses Alkoholverbot.

 

So bescheiden wie die Getränkeauswahl ist auch das Niveau des Spiels, für Aufregung sorgen die Anhänger Legias auf der Zyleta-Tribüne. Zu Beginn der Partie zünden sie Bengalen und verbrennen eroberte Schals des Stadtrivalen, nach Wiederanpfiff gelingt drei Anhängern sogar ein kurzer Sprint über das Rasengrün. Das ganze Stadion ist während der 90 Minuten auf den Beinen. Neben Jugendlichen, Familien und älteren Menschen sind direkt neben der Zyleta auf der Westtribüne auch vereinzelt erlebnisorientierte Fraktionen zu sehen. Alle springen, singen und schimpfen gemeinsam. Polonia wird in regelmäßigen Abständen als »stara kurwa« (alte Hure) bezeichnet, die 1.500 Gästefans als »konfidenci«. »Das ist eine schlimme Beleidigung, die noch aus den Zeiten der Volksrepublik kommt«, sagt Przemek nach dem torlosen Unentschieden. »So wurden die Informanten des Sicherheitsdienstes genannt.«

 

Dabei ist Legia in Zeiten des Realsozialismus selbst stark mit dem Staat verbunden gewesen und vom Militär gefördert worden. Jahr für Jahr mussten dort die besten Spieler ihren Wehrdienst ableisten, was der landesweiten Popularität nicht sonderlich zuträglich war. Dennoch holte der Klub nur viermal die Meisterschaft. Die in Polen weit verbreitete Ansicht, dass Legia ein von der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei erschaffenes Produkt ist, widerlegt jedoch ein Blick auf die Vereinsgeschichte. Während des Ersten Weltkriegs wurde in Galizien dem Antrag eines Fähnrichs zur Gründung einer Legionärsmannschaft namens Legia vom Kommando der Polnischen Legionen, die eine unabhängige Formation der k. u. k Armee waren, stattgegeben. Im Juli 1916 wurden die Soldaten nach Warschau delegiert. Dort bestritten sie ihr erstes Spiel gegen Polonia, das 1:1 endete.

David und Goliath
Nach Kriegsende wurde das Team aufgelöst, 1920 in Anlehnung an seine Tradition als Militärsportklub wiedergegründet, ehe sich der Vereinsvorstand 1938 dazu entschloss, die Fußballsektion aufgrund mangelnder Erfolge aus dem Spielbetrieb zu nehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg reaktivierten ehemalige Spieler und Funktionäre den Militärverein, erst vier Jahre später wurde die Polnische Volksarmee zum Patron des Klubs. Trotz der engen Anbindung an Staat und Militär schlagen auch nach dem Ende der Volksrepublik die Herzen eines Großteils der Warschauer Fußballfans für Legia und nicht für Polonia.

 

»Wir haben 41 Jahre in unteren Ligen verbracht, ehe wir 1993 aufgestiegen sind. Legia hat währenddessen Meistertitel gewonnen, international gespielt. Das hat Spuren in der Stadt hinterlassen«, klärt uns »Selekcjoner« auf, der unter den Polonia-Ultras das Sagen hat, seinen bürgerlichen Namen will er nicht verraten. Am Tag nach dem Derby treffen wir den 30-jährigen, schmächtig wirkenden Mann vor dem Stadion, dessen mit Graffitis bemalte Mauern an den Warschauer Aufstand erinnern. 63 Tage lang kämpfte die polnische Heimatarmee 1944 gegen die deutschen Besatzungstruppen, bevor die übermächtige Wehrmacht sie zur Kapitulation zwang. Warschau ist eine Stadt, in der die Wunden der Vergangenheit sehr langsam vernarben. Nicht nur die Stadionmauern erinnern an die von den Deutschen verübten Massenmorde an der Zivilbevölkerung, in fast jedem Winkel der Stadt sind Gedenktafeln für die von polnischen Historikern auf 225.000 geschätzten zivilen Opfer angebracht.

 

»Wir sind Patrioten, politisch rechts einzuordnen wie alle organisierten Fangruppen«, sagt »Selekcjoner« im Klubcafé »Czarna Koszula«, gleich neben einem Trikot des ehemaligen nigerianischen Stürmerstars Emmanuel Olisadebe. Schon der Name Polonia, den die Klubgründer bei der Fusion mehrerer Schulmannschaften während der russischen Besatzung im Jahr 1911 wählten, sei eine patriotische Bekundung gewesen. Die schwarzen Trikots galten als Zeichen der Trauer um den damals nicht existierenden polnischen Staat. Nach dem Erlangen der polnischen Souveränität 1918 zog der Klub vor allem Künstler und Intellektuelle an ein Erbe, dessen sich die Fans bis heute rühmen. »Bei uns herrscht ein zivilisierteres Verhalten, wenn es um den Support geht«, sagt »Selekcjoner«. »Wir verbringen nicht die Hälfte des Spiels damit, den Gegner zu beleidigen. Wir kränken niemanden, denn das ist ein Zeichen der eigenen Schwäche.«

 

Wenige Wochen nach unserem Aufeinandertreffen gerieten die Polonia-Fans in die Schlagzeilen, weil sie sich im Spiel gegen Slask Wroclaw weigerten, ein Plakat mit durchgestrichenem Hammer und Sichel und der Botschaft »Weg mit dem Kommunismus« aus ihrem Sektor zu entfernen. Andrzej Sczczepanski, früher Funktionär der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei und heute im Fußballverband PZPN aktiv, war das ein Dorn im Auge. Er berief sich auf die Statuten des PZPN, die politische Botschaften in den Stadien verbieten. Szczepanski drohte mit dem Spielabbruch, falls das Transparent nicht abgehängt würde. Die Fans weigerten sich, die Ordner schritten auf der Tribüne ein, konnten sich bei der anschließenden Schlägerei jedoch nicht durchsetzen.

 

Lesen Sie den gesamten Artikel in der EM-Spezialausgabe des ballesterer (Nr.72, Juni 2012) Ab 18.5. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 72
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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