Schnellverfahren für Vorbestrafte

Die Rom-Reise der Napoli-Fans verursachte große Aufregung in den italienischen Medien. Dem Ruf nach harten Strafen wurde von den Behörden durch Kurven- und Auswärtssperren Rechnung getragen. In Neapel formierte sich gegen die Kriminalisierung der Fans ein farbenfroher Protest.
Jakob Rosenberg | 07.10.2008
Als wichtigste Grundlage für die Berichterstattung über die angeblichen Ausschreitungen der Napoli-Ultras diente eine Presseaussendung der Staatsbahnen (FS), in der die Schäden mit 500.000 Euro beziffert wurden. Ein FS-Sprecher erklärte auf Anfrage des ballesterer fm, dass es sich um eine erste Schätzung handle, die aufgrund möglicher Schadensersatzforderungen noch weiter ansteigen könne. Am Montag nach dem Match fanden sich die Fans auf den ersten Seiten der Zeitungen wieder: Die Gazzetta titelte »Terror im Zug der Napoli-Ultras«, der lokale Mattino schrieb: »Neapel: Ultrà-Angriff auf Zug«.

Den Medienberichten zufolge sollen die Napoletani am Bahnhof eine Polizeisperre durchbrochen und den Zug gekapert haben. Normale Reisende seien von Fans ohne Bahnkarte aus dem Zug geschmissen und vier Schaffner verletzt worden. Bei der Ankunft in Rom hätten die mit Schlagstöcken und Bengalen bewaffneten Fans den Bahnhof Termini in Angst und Schrecken versetzt, um anschließend auf der Fahrt zum Stadion Busse zu demolieren. Abweichende Stimmen wie jene des Polizeichefs von Neapel, Antonino Puglisi, der in einem Interview mit dem Mattino davon sprach, dass die »Situation unter Kontrolle war« und »ca. 1.500 Tifosi Karten für den Zug und das Match hatten und unbewaffnet waren« wurden von Innenminister Roberto Maroni als Fehltritte verurteilt.

Es folgte der Ruf nach harten Sanktionen. Als erste Maßnahme beschloss das Innenministerium bereits am 2. September ein Verbot aller Auswärtsfahrten für die Napoli-Fans bis zum Ende der Saison. Nachdem zuerst Stadionverbote für alle Zugreisenden angedacht worden waren, begann man später doch zu unterscheiden. So schrieb der Corriere dello Sport, neben den isolierten Gewalttätern gebe es auch noch das klassen- und herkunftsübergreifende gute Neapel, das »Gott retten möge«.

 

Die beim Vorverkauf gesammelten Personaldaten erleichterten die Suche nach dem »schlechten« Neapel erheblich, schließlich wurden laut unterschiedlichen Presseangaben 200 bzw. 800 Ultras mit Vorstrafen ausgemacht. Der italienische Polizeichef Antonio Manganelli schloss daraus, dass die vermeintlichen Ausschreitungen von »der organisierten Kriminalität beeinflusst« worden seien.

Kurvensperre und Proteste
Am 8. September folgte ein Prozess vor dem Sportgericht gegen den Verein aufgrund seiner »objektiven Verantwortung« für die Auswärtsfans. Dabei konnte nur das Verhalten der Fans im Olimpico herangezogen werden, da der Klub nicht an der Organisation der Fahrt beteiligt war. Das Gericht ließ aufgrund der Leuchtraketenabschüsse die beiden Napoli-Kurven für vier Heimspiele schließen, also »jene Sektoren des napoletanischen Stadions, wo sich normalerweise die Protagonisten von untolerierbaren verbrecherischen Aktionen versammeln«. Bei der Berufungsverhandlung wurde die Sperre um eine Runde verkürzt.

Solch massiven Vorwürfen ausgesetzt, meldeten sich die sonst recht medienscheuen Ultras zu Wort. Verschiedene Gruppen formulierten einen gemeinsamen Protest. Für das Chaos verantwortlich gemacht wurden die FS, die eine Kontaktaufnahme vor der Auswärtsfahrt abgelehnt und danach mehr Zugkarten verkauft hätten, als Plätze zur Verfügung gestanden seien. Die Ultras zeigten sich bereit, für die Zugschäden aufzukommen, allerdings erst nach einer unabhängigen Bewertung. Die offizielle Antwort der FS auf den Vorschlag stand bei Drucklegung noch aus. Möglicherweise auch, weil wie die Repubblica berichtete der Großteil des beschädigten Zuges nicht mehr auffindbar ist.

Als beim Heimspiel gegen Fiorentina die Kurven des San Paolo zum ersten Mal geschlossen blieben, setzten die Ultras auf Selbstironie und bunten Protest vor dem Stadion. In gelben T-Shirts mit der Aufschrift »Ich habe Vorstrafen« demonstrierten sie gegen die Sperre. Napoli-Neuzugang Christian Maggio verbeugte sich nach seinem Siegestor vor der leeren Kurve.

Referenzen:

Heft: 36
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

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