Sie nannten ihn König

cache/images/article_1273_kingeric_140.jpg Eric Cantona, das »Enfant terrible« aus Frankreich, brachte in den 90ern Flair und Esprit in die englische Fußballlandschaft. In seiner Heimat ungeliebt, wurden ihm auf der Insel höchste Weihen zuteil. Die Fans machten Cantona zum König, trotz oder wegen der Skandale, die seine Karriere begleiteten.
Mario Sonnberger | 03.09.2009
Old Trafford, 21. Dezember 1996. Nach einem mäßigen Herbst liegt Manchester United, Double-Gewinner der Vorsaison, nur auf Platz fünf der Premier League. Eric Cantona, seit Sommer Kapitän der Mannschaft, ist seit elf Runden ohne Torerfolg. Der 30-Jährige steht unter Druck medial, nicht durch Alex Ferguson, der um die Wichtigkeit des Franzosen weiß, obwohl mit Andy Cole und Ole Gunnar Solskjaer ein hungriges Stürmerduo auf seine Chance lauert. Doch an diesem Samstagabend kurz vor Weihnachten schlägt einmal mehr die Stunde von »King Eric«. Schon früh im Spiel gegen Sunderland bringt er sein Team per Elfmeter in Führung. Wenig später erlebt das »Theatre of Dreams« einen jener Momente, die Cantona nicht nur in Manchester zur Ikone werden ließen.

Noch an der Mittellinie düpiert er zwei Gegenspieler. Nach einem kraftvollen Antritt und einem Doppelpass mit Brian McClair ist der Weg zum Tor frei. Ein gefühlvoller Heber, und der Ball senkt sich ins Kreuzeck. Cantona steht mit aufgestelltem Kragen im Strafraum, scheinbar ungerührt vom aufbrandenden Jubel der 70.000. Alex Ferguson schreibt dazu in seiner Autobiografie: »Er sah aus, als wollte er sagen: Zweifelt niemals an mir! Ich weiß, ich habe nicht gespielt, wie ich es könnte. Aber ich bin zurück und das ist für die Geschichtsbücher!«

Ein Tor für die Ewigkeit, wie tausende Klicks auf YouTube illustrieren. Und welch Kontrast zum FA-Cupfinale sechs Monate zuvor, als Cantona nach dem Siegestreffer über Liverpool ausgelassen in Richtung Fans sprintete. Bevor dem Franzosen wenig später als erstem nichtenglischem Captain der Pokal überreicht wurde, hatte ihn ein Supporter der »Reds« noch am Weg zum Podest angespuckt. Obwohl sich der Frevler in Reichweite befand, reagierte Cantona nicht. Nicht diesmal.

Väterliche Ratschläge
»66 was a good year for English Football. Eric was born«, illustriert ein Werbeplakat Cantonas Ruhm auf der Insel, vor dem selbst Englands einziger WM-Titel verblassen soll. Selbstbewusst und herausfordernd wird der Franzose vor dem Georgskreuz in Szene gesetzt. Sein Reich ist größer als Manchester, wo er United von 1992 bis zu seinem Karriereende viereinhalb Jahre später die Treue hielt. Taktisch wie technisch auf höchstem Niveau, überzeugte der Franzose auch seine Kritiker. Man liebte oder hasste ihn, doch seine Leistung flößte jedem Respekt ein.

In 216 Pflichtspielen, die er für Leeds und Manchester United auf der Insel bestritt, gelangen ihm 94 Tore. Denselben Schnitt 0,44 Treffer pro Partie erreichte er in 45 Spielen für das französische Nationalteam. Seine Torquote liegt damit bei jener von Thierry Henry und Jean-Pierre Papin. Dennoch war Cantona keiner, der vorne nur den Kopf hinhielt. Als hängende Spitze neben einem schnellen Flügelstürmer eingesetzt, brillierte er stets auch als Assistgeber. Den nackten Zahlen liegt eine Spielphilosophie zugrunde, die von der Ästhetik und Dynamik der geraden Wege geprägt war. »Es gibt nichts Dümmeres als einen Fußballer, der sich wichtiger nimmt als den Ball«, hatte Erics Vater Albert seinem Spross einst geraten, der im Marseiller Stadtteil Les Caillols mit seinen Brüdern Jean-Marie und Joel durch staubige Straßen und Jugendauswahlen dribbelte. »Lass ihn die Arbeit machen! Schau dich um, gib ihn weiter, und du wirst der Beste sein.« Die Qualität, Antizipation mit höchster Ballbeherrschung zu verbinden, sollte Cantona zu einem auf spektakuläre Weise effizienten Spielstil verhelfen.

Die »Box«, der Sechzehner, war Cantona-Land. Von dessen Grenze aus konnte er am gefährlichsten sein. Sah er einen besser postierten Mitspieler im Strafraum, besann er sich des Tipps seines Vaters und schlug den Pass ohne Effet, um die Ballannahme zu erleichtern. Hatte er jedoch freie Bahn, genügte ein einziger Kontakt, und je nach Erfordernis bezwang er den Tormann mit einem eleganten Lupfer oder traf unhaltbar flach ins Eck. Volleyschüsse beherrschte Cantona wie kein Zweiter.

Das Tor im FA-Cupfinale 1996 unterstreicht seine Perfektion. Wie üblich lauert er an der Strafraumgrenze, als Liverpool-Keeper David James eine Flanke nach vorne wegfaustet. Der Ball hat den Kapitän schon fast passiert, aber nach einem kleinen Schritt nach hinten holt er doch noch aus, um ihn mit dem rechten Fuß in die Maschen zu jagen. Trotz Dutzender Zaubertore zählt Cantona selbst einen Assist zu seinen Glanzlichtern. Im Jänner 1993 überflog einer seiner Außenristpässe die aufgereihte Abwehr der Tottenham Hotspurs. Denis Irwin musste den Ball nur mehr im Tor unterbringen. Sein ehemaliger Mitspieler Phil Neville beschreibt, wie stark eine Mannschaft von Cantona profitieren konnte: »Die Gegner hatten fürchterliche Angst vor ihm. Sie haben zwei oder drei Leute auf ihn abgestellt. Das hat dem Rest von uns mehr Raum gegeben.« Rapid-Legende Peter Schöttel war in der Champions League 1996 zweimal gegen Manchester United im Einsatz. Retrospektiv hält sich seine Furcht in Grenzen. Der Ex-Teamverteidiger erinnert sich: »Wie er seinen Kragen aufgestellt hat, wie er die Brust heraußen hatte, die Körpersprache Vom Gehabe her hast du gedacht, er ist der Allerbeste auf der Welt.«

Heißsporn auf Rimbauds Spuren

Geringes Selbstvertrauen gehörte nie zu Cantonas Problemen. Wenn etwas sein Können übertraf, dann war es sein Ego. »Ich habe einmal gesagt, ich könnte alleine gegen elf Spieler spielen und gewinnen. Ich glaube an mich. Manchmal ist es verrückt, ich weiß. Aber dieser Glaube treibt mich an. Welche Situation auch immer, ich denke immer, ich habe eine Chance zu gewinnen«, schrieb er 1996 im ikonischen Bildband »Cantona on Cantona«. Doch das Temperament beschränkte sich nicht auf den Siegeswillen. Cantonas Geschichte wäre in jeder Hinsicht nicht dieselbe gewesen ohne Aussetzer, Tätlichkeiten und Beleidigungen

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Referenzen:

Heft: 45
Rubrik: Thema
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