Port Elizabeth: Das Stadion wird nicht rechtzeitig fertig für den Confederations Cup
2009. Dabei hatte er, Sepp, den Confed Cup offiziell zur »Generalprobe« für die WM erklärt
und erstmals die Existenz eines »Plan B« bestätigt, falls die WM Südafrika überfordern
sollte. Und jetzt die Sache mit dem Stadion. Es liegt also wieder mal an ihm alleine, die Sache geradezurücken. Vor die Mikrofone zu treten, ein gesalzenes Statement abzugeben, Klartext zu reden. Und wie immer, wenn es eng wird: zu einem völlig anderen Thema.
Rückblende. 1998 wird aus dem FIFA-Generalsekretär Sepp Blatter der FIFA-Präsident Joseph S. Blatter. Es kursieren hässliche Geschichten, der Generalsekretär habe sein Amt
ausgenutzt, um Wahlkampf in eigener Sache zu betreiben. Nachgewiesen wird ihm nichts.
Dennoch wird Ex-FIFA-Chefjurist David Will über diese Wahl einmal sagen, dass über ihr
immer »der Schatten von Bestechung« hängen werde. Blatter hat ein Herz für Afrika, nennt es »seinen Kontinent«. Franz Beckenbauer stellt die junge Liebe auf die Probe, er holt die WM 2006 mit viel Lobbyarbeit nach Deutschland. Eine Blamage für Blatter, er hatte Südafrika das Turnier versprochen. Sepp macht jetzt keine Gefangenen mehr, seine Lösung heißt Rotation: In Zukunft sollen die Kontinente alternieren die WM ausrichten. Nachdem jeweils ohne ernsthafte Gegenkandidaten 2010 an Südafrika und 2014 an Brasilien (eine Familienangelegenheit) vergeben sind, ist die Rotation auch schon wieder abgeschafft. Sie hat ihren Zweck erfüllt. So macht man das in der Spezialdemokratie FIFA. Aber bitte: nur keine Fragen! Die Sorge um die Turniertauglichkeit Südafrikas ist immer auch ein Angriff auf die Vergabepolitik. Rassistische Gewalt? Die Stadien werden nicht fertig? Kein Problem, her mit der Nebelmaschine! Sprechen wir doch von etwas anderem, und Sepp Blatter gibt die Themen vor: Cristiano Ronaldo will zu Real Madrid wechseln? Lasst den Buben doch,
der Klubfußball ist ohnehin »moderne Sklaverei«! Die Masche wirkt, wie immer. An der derben Wortwahl werden sich die Medien in den nächsten Tagen abreagieren. Blatter hat immer eine Antwort. Allerdings auf die Frage, die ihm gar nicht gestellt wurde. Wenn kein dankbares Thema auf der Agenda ist, dann macht er eben selbst eines. Und fordert kürzere Hosen im Frauenfußball, um den Sport »attraktiver« zu machen. Oder er erfindet die 6+5-Regel; sechs einheimische Fußballer in der Anfangsformation jedes Teams, verpflichtend. Diese neue Idee tischt er im Mai dem FIFAKonventauf, just am Höhepunkt der Südafrika- Debatte. Blatter ist egal, dass die Regel in der EU nicht lange steht. Eine Klage reicht, um sie zu kippen ein Sportpolitiker weiß das auch, andernfalls wäre er rücktrittsreif. Blatters Getreue werden so schon mal zu einem sehenswerten
Eiertanz gezwungen. Sepps ehemaliger Lehrbub Michel Platini (heute UEFA-Boss) wird zum Beispiel in der 6+5-Sache aufgerieben zwischen der Loyalität zu seinem Mentor und dem eigenen Stolz, fachlich nicht als Idiot dastehen zu wollen. Blatter ist das natürlich egal.
Für ihn zählt nur, dass die Ablenkung funktioniert. Denn zu viel Aufmerksamkeit auf die
eigentlichen Themen tut seiner Spezialdemokratie nicht gut. Es geht nicht um 6+5, es geht nicht um kurze Hosen. Es geht um die Vergabepolitik und die Probleme, die daraus entstehen. Natürlich ist es längst Zeit für eine WM in Afrika. So wichtige Entscheidungen dürfen aber nicht im Sumpf der Mauschelei und Stimmenheischerei getroffen werden, sondern müssen transparent ablaufen. Der nachhaltige Schaden für Afrika ist nicht auszumalen, sollte sich Südafrika als der falsche Ort oder 2010 als der falsche Zeitpunkt für das Vorhaben erweisen und tatsächlich die USA einspringen müssen. Und dass dann die wahren Verursacher der Misere zur Verantwortung gezogen werden, ist so wahrscheinlich wie das Überleben der 6+5-Regel.






erscheint am 12. Juli 2013.
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