Luc Mison: Ja. Es war der 2. August 1990. Er hatte nach einer guten Saison bei RFC Liège Streit mit dem Klub und wollte weg. Aber Liège verlangte eine hohe Ablöse, am Ende stand er ohne Verein da. Bei seinem ersten Besuch in unserem Büro war er völlig aufgelöst.
Haben Sie wirklich geglaubt, dass Sie gegen die mächtigen Fußballinstitutionen eine Chance haben?
Zufällig hatte ich vorher einen juristischen Artikel zu diesem Thema geschrieben. Ein Kollege und ich waren von der Illegalität des Transfersystems überzeugt. Als Bosman zu uns kam, wussten wir sofort, was zu tun war. Er kommt aus bescheidenen Verhältnissen, hatte nie viel Geld als Fußballer verdient und keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung.
Seine Frau war Schuhverkäuferin. Sie hatten ein Baby und standen ohne jeden finanziellen Rückhalt da. Wir haben eine einstweilige Verfügung durchgesetzt, so wurde Bosman 1990 zum einzigen freien Spieler in Europa. Aber immer, wenn wir einen Klub gefunden hatten, sind plötzlich Ausreden aufgetaucht, sobald klar war, um wen es sich handelte. Zum Glück haben wir trotzdem einen Verein für ihn gefunden. Es war sehr wichtig, dass Bosman während des Prozesses spielen konnte. Als Nächstes sollte der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg klären, ob das System legal war oder nicht. Vor all dem haben wir aber natürlich den Klub kontaktiert, um die Sachlage zu erklären.
Ein paar Wichtigtuer
Wie hat Liège reagiert?
Sie haben uns nicht ernst genommen. Sie haben überhaupt keine Gefahr gesehen und deshalb einfach nicht mit uns verhandelt. Für uns war alles klar. Bosman kam am Freitag, und am Montag ging der Akt zum Gericht.
Und der belgische Verband?
Genau das Gleiche. Alle haben gesagt: Da kommen irgendwelche Anwälte, die sich wichtigmachen und Aufmerksamkeit wollen. Erst fünf Jahre später, 1995, waren plötzlich alle alarmiert.
Wie kam das?
Im Juni 1995 waren bei unserem Besuch beim EuGH Dutzende Journalisten und zwölf Fernsehstationen anwesend. Der Gerichtssaal war voll. Ab diesem Zeitpunkt hat ganz Europa von der Sache gesprochen. Als sich im September der Generalanwalt in seinen Schlussanträgen Bosmans Meinung anschloss, war der Teufel los. Das Europäische Parlament
hat dem Fall Bosman eine Sondersitzung gewidmet. Eine sehr kuriose Situation: Ein Parlament beruft während eines laufenden Verfahrens, ein paar Wochen vor Urteilsverkündung, eine Sitzung ein, um über den Fall zu beraten! Zu der Zeit haben uns viele große europäische Klubs angerufen. Die haben keine Ahnung gehabt und uns gefragt, was da los ist. Die UEFA hat den Klubs offensichtlich nichts erklärt.
Welche Rolle hat das Parlament gespielt?
Durch das massive Lobbying der UEFA haben sich unzählige Vertreter gegen das Bosman-Verfahren zu Wort gemeldet. Zum Beispiel Bernard Tapie, damals Europaparlamentarier und Präsident von Olympique Marseille. Die Botschaft der UEFA war: Wenn ihr Bosman recht gebt, wird das schreckliche Folgen haben.
Warum haben die belgischen Gewerkschaften Bosman damals nicht unterstützt?
Wir haben zuerst Liège und den belgischen Verband geklagt, 1992 auch die UEFA. Schnell ist die Unterstützung der französischen, der niederländischen und später der europäischen Spielergewerkschaft gekommen. Wir haben auch mit den Belgiern gesprochen. Sie haben gehofft, dass wir gewinnen, aber nichts gemacht, weil ihre Chefs Funktionäre bei den Vereinen waren. Die damals größte belgische Gewerkschaft wurde von einem Liège-Funktionär geführt.
Überschätzte Auswirkungen
»Seit Bosman «, das liest man heute elf Jahre nach dem Urteil in Zeitungen in den verschiedensten Zusammenhängen. Was denken Sie da?
Wenn es in Belgien regnet, ist Bosman schuld. Wenn der Schiedsrichter falsch pfeift, war es Bosman. Bosman ist an allem schuld. Der Fall eignet sich gut für das Lobbying von UEFA und FIFA bei der EU-Kommission. Man stellt das Bosman-Urteil als Katastrophe hin. Aber was ist das Bosman-Urteil wirklich? Es betrifft nur EU-Bürger plus ihnen Gleichgestellte, nur Profis, nur Spieler am Ende ihres Vertrags, die von einem Land in ein anderes wechseln wollen. Nur für diese Spieler bedeutet es das Verbot einer Ablöse. Es gilt also nicht zwingend für nationale Transfers, nicht für Amateure, nicht für Spieler in einem laufenden Vertrag, nicht für Spieler von außerhalb der EU.
Gibt es gar keine Auswirkungen?
Man sagt, das Urteil habe die Transferentschädigungen abgeschafft. Falsch weil die wenigsten Spieler bis zum Vertragsende bleiben. Früher gab es Verträge von ein bis zwei Jahren. Heute macht man langfristige Verträge. Das stört die Vereine aber nicht wirklich, denn der Klub kann einen Spieler trotzdem verjagen. Man sagt ihm einfach: Du bist jetzt nur noch im B-Kader. Nach zwei, drei Wochen haut der Spieler lieber ab. Zugleich ist es leicht, ihn zur Vertragsverlängerung zu zwingen. Wenn einer sich weigert, wird er nicht mehr aufgestellt. Wenn er nicht spielt, spricht niemand über ihn, und es wird nichts mit einem Transfer. Die Spieler am Vertragsende sind meistens alte, verletzte oder nicht so gute Spieler. Die Transfersummen werden immer noch bezahlt, und sie sind viel höher als vor Bosman.
Die Rückkehr der Ausländerklausel
Und das Ende der Ausländerbeschränkungen hat auch nichts bewirkt?
Die werden doch gerade wieder eingeführt! Die UEFA will alle Verbände dazu verpflichten. In Belgien muss seit kurzem eine Mindestanzahl von inländischen Spielern oder solchen, die hier ausgebildet worden sind, auf dem Spielbericht stehen. Jedes Jahr erhöht sich die Quote. Es ist ein europäischer Trend.
Das könnte man aber wieder rechtlich bekämpfen.
Natürlich. Ich bin Anwalt des Luxemburger Vereins Dudelange. Der wurde vor zwei Jahren bestraft, weil er die Ausländerbeschränkung nicht eingehalten hat. Wir haben eine Beschwerde eingelegt, die momentan bei der Europäischen Kommission liegt. Später wird sich vielleicht noch der EuGH damit beschäftigen. Das wird einen großen Aufruhr geben. Der belgische Erstligist Lokeren hat im laufenden Cup ein Spiel gewonnen, ist aber am grünen Tisch ausgeschieden, weil er mit zu vielen ausländischen Spielern angetreten ist. Lokeren hat sich aber nicht gewehrt.
Und Sie sind sicher, dass Sie den Dudelange-Fall gewinnen werden?
Der EuGH hat Ausländerbeschränkungen mehrmals, unter anderem im Fall Bosman, für illegal erklärt. Ich glaube nicht, dass er jetzt die Meinung ändert. Aber man weiß natürlich nie.
Die Situation ist also heute ähnlich wie zu Bosmans Zeiten?
1995 haben alle eine große Katastrophe für den Fußball vorausgesagt. Bankrotte Vereine, keine Ausbildung von jungen Spieler mehr, weil sie nicht mehr verkauft werden können, Anstieg von Kriminalität und Drogensucht und so weiter aber nichts hat sich geändert. Und trotzdem wollen sie wieder zum alten System zurück!
Politische Einflussnahme
Aber zumindest für eine gewisse Zeit hat das Urteil den Spielern doch einiges gebracht, oder?
Die Ausländerquoten und die Ablösen bei Vertragsende waren abgeschafft. Eine Frage hat sich schnell gestellt: Was ist, wenn ein Spieler seinen Vertrag ganz legal kündigt? Kann er in den Genuss des Bosman-Urteils kommen? Am Anfang hat die UEFA noch Ja gesagt. 1997 hat der belgische Verband aber gefordert, dass die UEFA ablösefreie Transfers während der Vertragslaufzeit verhindert. Man hat dann ein entsprechendes Reglement erlassen. Ich habe Beschwerde bei der EU eingelegt. Der damalige Kommissar Karel Van Miert hat das unterstützt. 1999 ist die Kommission gestürzt, und mit ihr Van Miert. Sein Nachfolger Mario
Monti hat praktisch alle Sportdossiers geschlossen, auch für die Formel 1 im Zusammenhang mit den Skandalen rund um Bernie Ecclestone. Dann kam 2001 ein neues Reglement der FIFA, das das Bosman-Urteil auf den Kopf stellte. Dieses System hat die Freiheit der Spieler abgetötet. Das Bosman-Urteil galt ab 2001 de facto nicht mehr. Ich habe auch eine sehr gute Sekretariatskraft, die ich verlieren könnte. Wenn sie will, geht sie woandershin. Aber ich bin nett zu ihr, sie hat eine interessante Arbeit, wir zahlen ihr so viel, wie sie woanders bekommen könnte, es gibt hübsche Mitarbeiter. Wettbewerb eben.
Aber wenn Sie einen mehrjährigen Vertrag mit ihr abschließen, kann sie nicht so einfach gehen.
Dann gibt es eine Entschädigung, die im Gesetz festgelegt ist. Das gilt für alle Arbeitnehmer meines Landes. Das normale Arbeitsrecht mit seinen Kündigungsfristen reicht. Man braucht nur Übertrittszeiten. Natürlich sollte ein Verein nicht vor dem letzten Match neue Spieler
engagieren können.
Wenn es nur um den Ausbildungsort ginge, nicht aber um die Nationalität, wäre dann eine Klausel für im heimischen Nachwuchs trainierte Spieler im Einklang mit europäischem Recht?
Nein. Das Reglement widerspricht komplett dem EU-Recht. In der EU gibt es das Recht auf Bewegungsfreiheit. Ein junger Mensch kann im Ausland eine Ausbildung machen und dann arbeiten, wo er will.
Im Bosman-Urteil gesteht das Gericht dem Verein immerhin zu, eine Ausbildungsentschädigung zu verlangen, aber nur in der Höhe der tatsächlichen individuellen Kosten.
So verstehe ich das Urteil auch. Aber im jetzigen System hat das nichts mehr mit den tatsächlichen Ausbildungskosten des Klubs zu tun. Das sind rein theoretische Zahlen. Das Reglement von 2001 organisiert nur den Verkauf der Spieler.
Es gibt aber das Gegenargument, dass ein Klub dutzende Spieler ausbilden muss, um am Ende einen einzigen echten Profi hervorbringen zu können.
Das alles wurde im Bosman-Prozess argumentiert. Wenn man die Spieler nicht mehr verkaufen kann, würden die Vereine angeblich aufhören, sie auszubilden. Das stimmt nicht. Erstens gibt es viele Sportarten, in denen junge Sportler ausgebildet werden, ohne dass man sie verkaufen könnte. Zweitens bildet man Sportler seit der Antike aus, aber man verkauft sie erst seit kurzem. Drittens gibt es im größten Sportland der Welt, den USA, keine Transfersysteme. Das ist dort seit einem Urteil des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 1976 verboten. Viertens macht es Vereinen Freude, Spieler auszubilden, auch wenn sie sie nicht verkaufen können. Es gab nie wirklich eine Gefahr für die Ausbildung junger Spieler. Das sind scheinheilige Reden von Klubs, die vom Spielerhandel profitieren.
Wer profitiert vom Transfergeschäft?
Glauben Sie, dass die Spieler insgesamt durch ihre etwas größere Freiheit seit Bosman auf Kosten der Klubs Geld gewonnen haben?
Das ist die Meinung der UEFA. Wenn man den geschlossenen Transfergeldkreislauf zwischen den Klubs aufbricht, dann gefährdet das angeblich die Klubs, das Geld wandert in die Taschen der Spieler. Die Vereine verkaufen aber hier etwas, das ihnen gar nicht gehört: das Talent der Spieler. Das System basiert also auf einer Ungerechtigkeit. Die restliche Wirtschaft funktioniert auch ohne Transfersystem. Ist es wirklich notwendig, einen Transferkreislauf zu kreieren? Im Fußball gibt es diesen Kreislauf mit enormen Summen, und er ernährt eine Kette von Zwischenhändlern und Spieleragenten. Es gibt Funktionäre, die in die eigene Tasche wirtschaften, es gibt mafiose Zirkel, die beteiligt sein können, wenn dieses Geld von einem Beutel in den nächsten geht. Vielleicht liegt dieses offensichtlich überflüssige System nur im Interesse einiger Beteiligter? Warum funktionieren Radsport, American Football, Basketball, obwohl Sportler ohne Ablösen die Teams wechseln?
Die Lohnsteigerungen der letzten zwölf Jahre haben also nichts mit dem Bosman-Urteil zu tun?
Den Trend zu steigenden Löhnen gab es schon vorher. Da war keine Explosion. Man hat nach dem Urteil sofort Regeln erfunden, die die Lohnkosten drücken. Der belgische Verband hat Profiklubs von den Transferzahlungen an die Amateurvereine befreit. Und man hat die
Grenzen für alle Spieler der Welt geöffnet. Man hat Bosman dafür verantwortlich gemacht, aber das hat mit dem Urteil nichts zu tun. Eines wird immer vergessen: In Frankreich sind schon 1972 nach einem Spielerstreik die Transferentschädigungen untersagt worden. Und es hat keine bankrotten Klubs zur Folge gehabt.
In Frankreich gibt es aber auch zusätzlich staatliche Unterstützung.
Die Ausbildungszentren und Stadien werden subventioniert. Nach der Freigabe der Transfers 1972 hatten die Klubchefs Angst, dass die Löhne steigen würden. Sie haben sich daher zusammengesetzt und beschlossen, massiv in Ausbildungszentren zu investieren. Sie wussten: Je mehr Jugendliche im Spiel sind, umso billiger werden die Talente. Ein französischer Ökonom hat das untersucht und einen negativen Effekt auf die Löhne nachgewiesen, wenn 400 bis 500 Spieler zusätzlich aus diesen Ausbildungszentren kommen. Und genau in dieser Zeit von Anfang der 70er bis Mitte der 90er Jahre hat sich der französische Fußball zu einem der besten der Welt entwickelt ohne Transfersystem!
In den Medien werden Bosman und Sie oft als Ultraliberalisten hingestellt, die den Fußball zerstören. Was sagen Sie dazu?
Die einen sagen, dass ich Ultraliberaler bin, für die anderen bin ich Kommunist. Ich fühle mich ein bisschen mehr links als rechts, wenn es um meine fundamentalen Überzeugungen geht: Erstens bin ich ein überzeugter föderalistischer Europäer; zweitens ein Verfechter der
Menschenrechte, ich war Präsident der Liga für Menschenrechte in Liège. Ich ertrage nicht, dass man Menschen kaufen und verkaufen kann. Das erinnert mich an die Sklaverei des 19. Jahrhunderts. Ich bin kein Ultraliberaler. Ich bin ein sozialer Mensch ohne Parteizugehörigkeit. Ich bin auch kein Ultrakommunist. Ich glaube, dass die Unternehmen
eine Existenzberechtigung haben, und die Fußballklubs natürlich genauso.
Wie denkt Jean-Marc Bosman heute über den Prozess?
Er ist zufrieden mit dem, was wir damals geschafft haben. Aber er ist auch sehr enttäuscht, dass sich insgesamt nicht besonders viel geändert hat. Man könnte sagen: Der ultraliberale Fußball geht weiter.
Sind Sie Fan eines Vereins?
Ja, klar.
Wollen Sie sagen, von welchem?
Alle wissen das hier. Ich bin ein ganz großer Fan von Standard Liège.






erscheint am 12. Juli 2013.
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